Rhein-Pfalz Kreis Gemüse mit Gebrauchsanleitung
„Vis-a-vis“ steht auf dem großen, bunt bemalten Schild neben der offenen Eingangstür. „Vis a vis wie gegenüber“, erklärt Iris Strache von der Gemeindeverwaltung Bobenheim-Roxheim die Umbenennung des ehemaligen Altenheims der Johanniter, in dem seit Oktober 2015 Asylbewerber eine erste Unterkunft finden. Es ist ein Leben im Ortszentrum und auf Augenhöhe: Gegenüber befinden sich ein Kindergarten, das Rathaus, das neue Caritas-Altenzentrum, wenige Schritte weiter die Gemeindebücherei und der Kurpfalzplatz, wo donnerstags der Flohmarkt stattfindet. Zurzeit leben im Haus Vis-a-vis rund 60 Menschen aus Eritrea, Somalia, Syrien und dem Iran. Alle 34 Zimmer sind mit Bad und Kocheinheit ausgestattet, im Erdgeschoss und im Obergeschoss gibt es zusätzlich eine Gemeinschaftsküche. Im Haus gibt es mehrere Gemeinschaftsräume, einen E-Learning-Raum und eine Kindertagespflege, die Müttern den ungestörten Besuch von Sprachkursen garantiert. Nebenan ist die Kleiderkammer des Sozialvereins Kunterbunt. Donnerstag, halb zwölf: Dieter Dislich fährt mit seinem Transporter vor, öffnet die Heckklappe. Mit geübten Händen hieven zwei Hausbewohner die Kisten auf einen Rollwagen. Diesmal ist die Ausbeute besonders ergiebig, doch das sei von Woche zu Woche verschieden und nicht absehbar. Palettenweise landen die Lebensmittel in einem Schulungsraum im Erdgeschoss. Dort sind Caroline Gumbinger und Heidelore Bigott im Einsatz. Die beiden ehrenamtlichen Helferinnen sorgen für die gerechte Umverteilung und sind im Wechsel mit Christof Hager im Einsatz. Man organisiert sich vereinsintern über eine WhatsApp-Gruppe. Eine Tüte Milch, ein Bund Radieschen, Joghurt, Käse, Feinkostsalate, Brot – 15 Boxen werden gleichmäßig bestückt und um Punkt 12 Uhr an die Heimbewohner ausgegeben. Die Empfänger zahlen einen symbolischen Betrag: Singles einen Euro, Familien zwei. „Am Anfang gab es immer Gedrängel, doch mittlerweile ist es ganz entspannt“, berichtet Heidelore Bigott. Seit Januar 2016 holt Dieter Dislich im Wechsel mit Hausmeister Frank Bohl übrig gebliebene Lebensmittel, die von Supermärkten in der Umgebung an die Frankenthaler Tafel geliefert wurden, nach Bobenheim-Roxheim. Für die gute Zusammenarbeit hat sich der Sozialverein Kunterbunt zuletzt mit einer Spende von 300 Euro bei der Frankenthaler Tafel bedankt. Zwei große Kisten Stangenbohnen sind diesmal auch dabei. „Wie man die verarbeitet, das müssen wir erklären“, weiß Silvia Schäfer-Nied, stellvertretende Vorsitzende des Sozialvereins. „Das war schon bei den Spargeln im Frühjahr so“, bestätigt Andrea Hettmannsperger, Leiterin des Familienbüros des Vereins. Sie betont, dass man Lebensmittel auch an bedürftige Einheimische abgebe, ohne Vorlage eines Sozialscheins. Auch Gemüsesorten wie Rotkohl, Rosenkohl und Brokkoli sind den meisten Asylbewerbern unbekannt und warten auf ihre kulinarische Entdeckung – ebenso die vielen dunklen Brotsorten. Dagegen sind die Bananen aus zwei Kisten im Nu verteilt. Die „Renner“ unter den Lebensmitteln seien Obst und Salat, Reis und Kartoffeln, Joghurt, Milchprodukte und natürlich Weißbrot, wissen die Helferinnen zu berichten. Kurz nach 12 haben alle gerichteten Lebensmittelboxen Abnehmer gefunden. Zwei Frauen kommen zu spät. Ihnen erklärt Andrea Hettmannsperger auf Englisch, dass sie „a coin“ bekommen, eine Silbermünze, mit der sie nächste Woche bei der Lebensmittelausgabe zuerst drankommen. Im Foyer sind einige Tische zusammengerückt worden, dort tauschen die Bewohner manche Lebensmittel aus ihren Kisten. Was übrig bleibt, wandert ins Büro von Heimleiterin Iris Strache, die die Lebensmittel beim hausinternen Kaffeetreff donnerstagnachmittags noch mal anbietet. Möglichst alles soll Endabnehmer finden. Übrig gebliebenes Brot bekommt der Bobenheim-Roxheimer Vogelpark.