Bobenheim-Roxheim
Geflüchtete Familie beim WSV: Dankbar und überwältigt
Seit dem 17. März ist das Heim des WSV am Bobenheim-Roxheimer Binnendamm ein Wohnheim. Der Vorstand hat beschlossen, es der Familie von Valentina (69) und Wolodymyr (70) zur Verfügung zu stellen. Dazu gehören die 30, 33 und 36 Jahre alten Töchter Daria, Viktoria und Tania sowie die Enkelsöhne Mischa (14), Dima (10), Aaron (5) und der knapp zwei Jahre alte Wirbelwind Andrij. Und natürlich Labrador Sara.
Sie alle sind froh, dass sie die Flucht aus ihrer Heimatstadt Bila Zerkva heil überstanden haben, dass sie unterwegs oder an den Zwischenstationen Breslau und Cottbus nicht getrennt wurden, dass sich in Speyer jemand um den Hund gekümmert hat, als die Familie dort einige Tage in der Erstaufnahmeeinrichtung überbrücken musste. Und dass sie so eine tolle Bleibe im Grünen gefunden haben.
So viel Hilfe nicht erwartet
„Es ist eine große Ehre, hier sein zu dürfen.“ Immer wieder betonen Tania und Daria – die beiden Frauen sprechen gut Englisch – wie dankbar und überwältigt sie sind. Immer wieder klingt dabei an, dass man in der Ukraine in der Zeit vor dem schrecklichen russischen Angriffskrieg ein bestimmtes Bild von Westeuropäern beziehungsweise den Deutschen hatte. Großmutter Valentina, so übersetzt es ihre Tochter Daria, hatte sich nicht vorgestellt, dass sie hier auf derart herzliche und hilfsbereite Menschen stoßen würde.
Die Seniorin weint, als sie gefragt wird, wie es ihr im Moment geht. Sie denkt an die Verwandten, die noch in der Heimat ausharren, und an das Haus, das sie mit Mann, Töchtern und Enkeln bewohnte. Als die südlich von Kiew gelegene Stadt Bila Zerkva beschossen wurde und 100 Meter vom Wohnhaus entfernt die Gebäude zerstört waren, machten sie sich alle am 9. März im Bus auf den Weg nach Westen.
Das beschädigte, aber nicht zerstörte Haus hat die Familie Freunden überlassen, die nicht mehr in den Kiewer Hochhäusern wohnen möchten. Der Kontakt zu ihnen wird hauptsächlich über einen Messengerdienst gehalten. Tania zeigt ein Schutt-und-Asche-Video aus ihrer Wohngegend.
Zwei Zimmer mit Stockbetten
In Bobenheim-Roxheim sind die Geflüchteten jetzt sicher. „Das sind unsere Gäste, so wie unsere Vereinsmitglieder hier in dem Haus Gäste sind“, stellt WSV-Vorsitzender Carsten Koehler klar. Und das Angebot habe man nicht mit einer Befristung im Kopf gemacht. Der Gemeindeverwaltung, die in der Regel sehr kurzfristig ukrainische Kriegsflüchtlinge zur sofortigen Unterbringung zugewiesen bekommt, haben die Wassersportler einen großen Gefallen getan. Zwei Zimmer mit je drei Stockbetten sowie Sanitärräume und eine Küche: Die Voraussetzungen sind gut. Jana Schumann von der Verwaltung hilft bei der Ausstattung und den Sozialleistungen, wo sie kann. Aktuell und offiziell seien 63 Menschen aus der Ukraine in Bobenheim-Roxheim gemeldet. Sie bezeichnet das Vereinsheim als Glücksfall, denn bei privaten Gastquartieren zeichneten sich zunehmend Probleme ab.
„Jana, Daniel, Johanna, Philipp, Andrea ...“ Die Schwestern Daria und Tania hätten gern, dass im RHEINPFALZ-Artikel alle Bobenheim-Roxheimer, die ihnen helfen, genannt werden. Aber das geht nicht, es sind so viele. Ein Name muss aber fallen: WSV-Mitglied Anna Brauer aus Viernheim. Sie stammt aus Polen und ist inzwischen so etwas wie die engste Vertraute der Familie. Die Maschinenbauingenieurin sieht, was benötigt wird und worum die bescheidenen Gäste niemals bitten würden. Anna begreift das Leben als ein Projekt und sagt von sich, dass sie Menschen gern dabei helfe, unabhängig zu werden, keine Hilfe mehr zu brauchen.
Zu viele Süßigkeiten
„Als ich die Tonnen von Süßigkeiten gesehen habe, die für die vier Kinder gespendet wurden, wusste ich, dass ich mich einbringen muss“, erzählt Anna. „Dann habe ich angefangen, alle zu nerven.“ Damit meint sie unter anderem ihre Sachspendenaufrufe, wenn für die Familie ganz bestimmte Dinge zu besorgen waren. Fahrräder beispielsweise oder Decken. Kaum ausgesprochen, seien die Sachen da gewesen, berichtet die 42-Jährige. Aktuell werden große Schränke benötigt und flache Plastikboxen, in denen sich unter den Betten etwas verstauen lässt. Eine Haarschneidemaschine für die Köpfe der Jungs wäre ebenfalls sinnvoll.
Die größte Herausforderung sei es aber, Arbeit für die Schwestern zu finden, die alle drei von Beruf Lehrerinnen sind. Sie hoffen, dass sie gebraucht werden, wenn hier ukrainische Kinder zu unterrichten sind. Die Bewerbungen an die Schulbehörde seien schon abgeschickt, sagt Anna und erwähnt eine Lehrerin namens Katharina, die bei den Anschreiben „zielorientiert geholfen“ habe.
Aber auch wenn es am Ende ein Job in der Industrie oder der Dienstleistungsbranche sein sollte: Hauptsache Arbeit, damit sie schnell Deutsch lernen, Beschäftigung haben „und ein bisschen von den schlechten Nachrichten abgelenkt sind“, meint Anna. Denn natürlich verbringen die Erwachsenen täglich viel, vielleicht zu viel Zeit damit, Informationen über den Verlauf des Kriegs in der Ukraine einzuholen.
Positiv in die Zukunft schauen
„Ich will hier mein Bestes geben“, versichert Tania und strahlt dabei Tatkraft und Positivität aus. Sie vermisst ihre Freunde so sehr und weiß, dass sie und ihre Familie so schnell nicht in die Heimat zurückkehren werden. Dima und Mischa gehen in Bobenheim-Roxheim in die Schule und bekommen ukrainischen Online-Unterricht. Und Daria kann trotz des Kriegs demnächst ihr Examen im Fernstudium Psychologie ablegen.
Freundin Anna überlegt bereits, wie man der Familie, wenn Arbeit und ein Einkommen gefunden sind, ein gebrauchtes Auto besorgen kann – ohne viel Elektronik, denn Opa Wolodymyr will selbst Hand anlegen, wenn etwas zu reparieren ist. Auch der 70-Jährige braucht dringend eine Beschäftigung, die übers Kinderhüten hinausgeht. Der ehemalige Wachmann und seine Enkel interessieren sich sehr für Autos. Deshalb macht er gegenüber der RHEINPFALZ eine Ausnahme und äußert selbst einen langgehegten Wunsch: Er und die Jungs würden so gerne einmal die Fabrik eines großen Automobilherstellers wie Volkswagen oder Mercedes Benz besichtigen.