Rhein-Pfalz-Kreis
Gastro nach der Corona-Pause: Neustart mit Hürden
Für Srecko Marusic, Betreiber der Beach-Bar, des Kiosks und des Gasthauses „Am See“ am Lambsheimer Weiher hätte der sogenannte Restart im Mai nicht besser laufen können. Sonnenhungrig und heiß auf Gastronomie seien die Gäste gewesen, das Wetter spielte bis vor gut zwei Wochen noch mit und die EM lockte zum Publik-Viewing. Trotz Regenwetters sprüht der gebürtige Kroate vor Optimismus: „Der Sommer wird gut – muss“, sagt er. Denn die warmen Monate sind seine umsatzstärkste Zeit.
Semo – wie Srecko Marusic von seinen Freunde und Kunden auch genannt wird – war zusammen mit seiner Familie und seinen Angestellten gut vorbereitet. Schon die ersten Öffnungsmöglichkeiten in diesem Jahr ab März hat er genutzt und die vielen Auflagen in Kauf genommen, hat zum Beispiel jeden Morgen die Supermärkte in der Umgebung abgeklappert, um für seine Gäste Schnelltests zu besorgen. „Schon damals nahmen das die Kunden dankend an, sie wollten endlich mal wieder mal essen gehen“, erzählt er. Dann wieder ein Rückschlag, die Inzidenzwerte stiegen, ab Ostern war wieder alles dicht. Doch dank der staatlichen Hilfen konnte er sich nach eigenen Aussagen gut über Wasser halten.
An ihre Grenze gekommen
Wie viele Gastronomen in der Vorderpfalz, berichtet Dennis Weigel aus Mutterstadt. Als Gebietsverkaufsleiter der Karlsberg-Brauerei betreut er gut 500 Betriebe in der weiteren Umgebung, etwa 30 davon im Rhein-Pfalz-Kreis. „Keiner der Betriebe musste tatsächlich aufgeben“, berichtet der 34-Jährige. Gesunde Unternehmen hätten die Schließungen verkraftet. Beschönigen möchte er die Lage der Gastwirte aber nicht: Viele seien an ihre finanziellen Grenzen gekommen, Altersvorsorgen angezapft worden, vor allem dann, wenn die Pachtzahlungen in voller Höhe weitergezahlt werden mussten.
Dennis Weigel erinnert sich noch gut an den Moment vor mehr als einem Jahr: „Von heute auf morgen ist der Hebel umgelegt worden“, erzählt er. Auch für seine Brauerei: Etwa 95 Prozent der Fassbier-Umsätze seien eingebrochen, das Bier musste aus den Betrieben wieder abgeholt und zum Teil weggeschüttet werden. Arbeitslos wurde Dennis Weigel jedoch nicht, sein Telefon stand damals nicht still, denn seine Kunden suchten in ihrer Not Rat. „Es hat sich über Jahre so entwickelt, dass die Brauerei das Herzstück des Gastronomie-Betriebs und so wichtiger Partner ist“, sagt Weigel – und spricht von einem mitunter freundschaftlichen Kontakt. Die verzweifelten Gastronomen brauchten Unterstützung, etwa für Hilfe-Anträge. Zum Teil habe er seine Kunden auch untereinander in Kontakt gebracht, damit sie sich austauschen konnten. In den Phasen, in denen unter Auflagen geöffnet werden durfte, habe die Stimmung zwischen Euphorie, Verwirrung über die Bestimmungen und zum Teil Frust bei der Umsetzung dieser geschwankt. „Bis alle ihre Stellwände hatten, war schon wieder alles dicht“, erzählt er.
Während die Hoffnung im März dieses Jahres jäh wieder enttäuscht wurde, herrscht nun seit Ende Mai bei rund 80 Prozent der Kunden von Dennis Weigel wieder reger Betrieb. „Das war nach gut neun Monaten Stillstand auch bitternötig – für die Gastronomen als auch für die Brauerei“, sagt er. Zwölf-Stunden-Arbeitstage sind seither für ihn Alltag, innerhalb von zehn Tagen konnte Karlsberg wieder Bier ausliefern. Sonnenschirme, die meist die Brauereien zur Verfügung stellen, seien ebenso heiß begehrt gewesen. „Zum Glück hatte wir einen Vorrat“, erzählt er. Seine Kunden klagten aber über Lieferschwierigkeiten beim Mobiliar für den Außenbereich, denn viele wollten dort erweitern – wegen der bis vor Kurzem geltenden Testpflicht im Innenbereich.
Nicht alle haben weiter bezahlt
Auch Semo Marusic hat in den Außenbereich investiert und zudem seine Küche erweitert – dafür hatte er aber die Schließzeit seit Ostern genutzt. So konnte der Familienbetrieb voll durchstarten. Auch, weil sein Personal wieder sofort verfügbar war. „Ich habe meine Köche und mein Personal nicht entlassen, sondern weiterbezahlt“, sagt er. Kollegen in seiner Branche konnten oder wollten dies nicht – mit nun fatalen Folgen, berichtet auch Dennis Weigel. „Viele meiner Kunden suchen händeringend Personal in allen Bereichen.“ Etliche Aushilfskräfte hätten sich andere Jobs gesucht. Und so werde der eine oder andere Gastronom beim Restart jäh ausgebremst.
Delta? Erneute Schließungen?
Hinzu kommt die Sorge über die ungewisse Zukunft: Wie gefährlich ist die Delta-Variante? Welche Einschränkungen sind bei einer vierten Welle zu befürchten? Wird es wieder zu Schließungen kommen? Srecko Marusic geht fest davon aus. Er sei zwar Optimist, aber auch Realist, darum möchte er so viele Rücklagen wie möglich in den kommenden Monaten schaffen. Besseres Wetter als derzeit würde natürlich dabei helfen. Doch allein darauf zu hoffen, wäre zu wenig. Er hat sich Künstler eingeladen, bietet ihnen in der Beach-Bar eine Bühne und so eine kleine Einnahmequelle aus den Spenden des Publikums. „Wir müssen zusammenhalten in diesen immer noch unsicheren Zeiten“, sagt er.
Dennis Weigel sieht es genauso. „In dieser Zeit hat sich wieder einmal gezeigt, der Faktor Mensch ist viel wichtiger als nur auf Zahlen und Umsätze zu schauen.“ Er wünscht sich für die Branche mehr Sicherheit, mehr verbindliche und kalkulierbare Regeln bei steigenden Inzidenzen oder gar einer vierten Welle. Damit spricht er Gereon Haumann, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands Rheinland-Pfalz aus der Seele. Der geht noch weiter und fordert von der Politik ein klares Bekenntnis, dass Schließungen des Gastgewerbes zukünftig vermieden werden.