Rhein-Pfalz-Kreis
Gasengpass: Duschen werden dicht gemacht
Davon, wie der Donnerstag läuft, hängt vieles ab. Die geplanten Wartungsarbeiten an der Pipeline Nord Stream 1 enden – und die große Frage lautet: Öffnet sich der Gashahn oder bleibt er zu? Auch Landrat Clemens Körner (CDU) ist sich bewusst, dass diese Entwicklung Auswirkungen auf die Menschen im Rhein-Pfalz-Kreis haben wird. Auch wenn der Betreiber nun Gaslieferungen in Aussicht gestellt hat, will Körner doch unabhängig davon bestmöglich auf die kommenden Monate vorbereitet sein. „Wir haben keinen Krisenstab gebildet, aber seit einigen Tagen eine Arbeitsgruppe zur Gasmangellage“, sagt er. Sie setzt sich mit der Situation auseinander und damit, Möglichkeiten zu finden, Energie einzusparen. „Das war auch eine Aufforderung der Präsidenten der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion“, sagt Körner. Am Dienstagmittag hat der Landrat die hauptamtlichen Bürgermeister des Kreises zu einer Besprechung geladen, bei der erste Entscheidungen gefallen sind.
Allen voran: Mit Beginn der Sommerferien, spätestens aber bis zum 1. August, werden die Duschen der kommunalen Sportanlagen abgestellt – und zwar komplett. Das Warmwasser wird sozusagen eingefroren, um Energie zu sparen. Duschen mit kaltem Wasser ist nicht mehr möglich, weil sonst Legionellengefahr besteht. „Die Schulen brauchen die Duschen in den Ferien nicht“, sagt Körner, „und auch viele Vereine nutzen die Sportanlagen über Sommer nicht.“ Betroffen sind beispielsweise die Rundsporthalle in Mutterstadt genauso wie der Sportpark, die Waldsporthalle in Maxdorf oder die Eckbachhalle in Großniedesheim. Dort sind die Verbands- oder Ortsgemeinden die Betreiber.
Kein Komplett-Lockdown
„Die Humanität für die Ukraine ist merklich zurückgegangen“, sagt Körner. Jeder spüre, dass der von Russland begonnene Krieg inzwischen direkte Folgen für die Menschen in Deutschland habe. Umso froher ist der Landrat, dass die Bürgermeister im Kreis bei den Sparvorhaben direkt mit im Boot gewesen seien. „Jeder muss überlegen, ob er in seinem Ort etwas tun kann“, sagt Paul Poje (CDU), Bürgermeister der Verbandsgemeinde Maxdorf. Er versichert, dass die Wasserleitungen in den Sportanlagen regelmäßig gespült würden, um Bakterienbefall vorzubeugen. Einen kategorischen Lockdown wie zu Corona-Zeiten schließt Poje allerdings zum jetzigen Zeitpunkt aus. „Die Hallen bleiben geöffnet“, sagt er, nur die Duschen würden geschlossen. Er hat bei den Ortsbürgermeistern von Maxdorf, Fußgönheim und Birkenheide um Verständnis geworben – und dieses erfahren.
Anders sieht es in der Verbandsgemeinde Rheinauen aus, dort wird der Beschluss vorerst nicht umgesetzt. Da die Hallen in seiner Verbandsgemeinde alle in Trägerschaft der Ortsgemeinden seien, habe er sich bei der Abstimmung enthalten, sagt Bürgermeister Patrick Fassott (SPD). Unmittelbar nach der kreisweiten Bürgermeisterbesprechung habe er die vier Ortsbürgermeister von Altrip, Neuhofen, Waldsee und Otterstadt informiert. Alle seien sich einig gewesen, dass zweifelhaft sei, ob durch das pauschale Abstellen der Duschen in den Hallen wirklich Gas eingespart werde. „Ich war selbst Sportler. Nach dem Training will man duschen, wenn nicht in der Halle, dann eben zu Hause“, sagt Fassott. Dann entstehe der Gasverbrauch eben dort.
Den Bürgermeistern sei wichtig, nicht in Aktionismus zu verfallen, sondern genau hinzuschauen, wo wieviel Gas verbraucht werde, um Einsparpotenziale zu finden. Büroleiter Detlef Schneider nennt als Beispiel das Rathaus in Waldsee: „Es wird untersucht, ob anstelle der Gaszentralheizung über Winter die vorhandene Klimaanlage eventuell eine Heiz-Grundlast abdecken kann“, sagt er. Mit den für die Verbandsgemeinde zuständigen Gasversorgern sei bereits ein Abstimmungstermin ausgemacht worden, bei dem alle Problemstellungen und Szenarien besprochen werden sollen. „Wichtig wird in Zukunft natürlich auch eine frühzeitige und umfassende Information der Bevölkerung über die eventuell erforderlichen Maßnahmen und die möglicherweise damit verbundenen Einschränkungen sein“, glaubt Schneider.
Eigentlich nichts Neues
In der Verbandsgemeinde Römerberg-Dudenhofen soll am kommenden Montag eine Besprechung mit Beteiligung aller Ortsbürgermeister, der Werke-Fachbereichsleiter und der Klimaschutzmanagerin über die weitere Vorgehensweise stattfinden, wie die neue Verbandsbürgermeisterin Silke Schmitt-Makdice (SPD) informiert. In Römerberg seien die Hallen in den ersten beiden Ferienwochen wegen Revision ohnehin geschlossen, sagt Ortsbürgermeister Matthias Hoffmann (Grüne). Wenn die Duschen auch in der übrigen Ferienzeit abgestellt bleiben, sei dies nichts Neues. So habe es die Gemeinde in der Vergangenheit auch schon gehandhabt.
Auch in Bobenheim-Roxheim steht die Einstellung des Duschbetriebs in den kommunalen Hallen fest, weitere Ideen fürs Energiesparen kommen ins Spiel. Mehrmals nennt Büroleiter Markus Pfeffer das Stichwort Flüssiggas. Auf diesen Energieträger ließen sich womöglich die Heizungen einiger Gebäude umrüsten, falls sie als „Wärmeinseln“ gebraucht werden. Er denkt an die Rheinschulturnhalle und die Jahnhalle, aber auch an Immobilien von Vereinen. Sie könnten im schlimmsten Fall dazu dienen, dass sich Bürger, die daheim nicht mehr heizen können, aufwärmen oder gar dort übernachten. Auch über die Absage von Kerwe und Weihnachtsmarkt, die Schließung von Jugendzentrum und Bücherei sowie die Anschaffung von Notstromaggregaten müsse gesprochen werden, sagt Pfeffer.
In der Verbandsgemeinde Lambsheim-Heßheim wird laut Bürgermeister Michael Reith (SPD) umgehend auf die Beleuchtung der Verwaltungsstellen verzichtet, nicht benötigte Geräte würden abgeschaltet. Er möchte das mobile Arbeiten wieder ausweiten und das „Jobfahrrad“ einführen. Weitere Ideen würden mit den Ortsbürgermeistern entwickelt. Klimaschutzmanagerin Erika Demski bringt ebenfalls Energiesparvorschläge ein, die meisten davon lassen sich aber wohl nicht kurzfristig umsetzen. Einer dieser Gedanken ist, die Abwärme von Servern und Rechenzentren als Heizung zu benutzen. In die Gänge kommt gerade das Vorhaben, eine Fotovoltaikanlage für den Eigenverbrauch auf dem VG-Rathaus in Heßheim zu installieren.
Auch Schwimmbäder geschlossen
„Ich möchte keine Panik verbreiten, aber mit der Entwicklung auf dem Gasmarkt steuern wir auf eine sehr schwierige Situation zu, das müssen wir sehr ernst nehmen“, sagt Schifferstadts Bürgermeisterin Ilona Volk (Grüne). Dabei sollten alle Bürger und Kommunen gemeinsam handeln. „Wir müssen Energie einsparen, wo es nur möglich ist. Und wir müssen für Verständnis werben“, sagt sie, Populismus sollte dabei unbedingt außen vor bleiben. Ein Zeichen der Kommune sei, dass zum Beispiel der Wasserturm abends nicht mehr angestrahlt werde. Des Weiteren werden Verwaltung und Stadtwerke prüfen, wo noch Energie gespart werden könne.
„Es geht nicht darum, Geld zu sparen“, sagt Landrat Körner. „Sondern darum, jetzt Gas zu sparen und die Speicher aufzufüllen, um es im Winter warm zu haben.“ Er wappnet sich für schwere Zeiten, die kommen könnten. In der kommenden Woche würden die Ordnungsamtsleiter der Kommunen weitere Möglichkeiten des Energiesparens prüfen. Doch noch gebe es auf Kreis-Ebene keine konkreten Überlegungen für weitere einschneidende Schritte, beispielsweise bei der Frage, ob für den Winter sogenannte öffentliche Wärmestuben geplant seien.
Bereits am Montag hat der Kreisausschuss entschieden, dass das Hallenbad in Römerberg über die Sommerferien geschlossen bleibt, um Gas zu sparen. Und zuvor wurde bereits beschlossen, die Wassertemperatur auch in den Freibädern abzusenken. Zudem werde abgewartet, ob nach der Wartung der Pipeline Nord Stream 1 wieder Gas nach Deutschland fließt. Falls nicht, soll auch das Kreisbad Schifferstadt bis Ferienende außer Betrieb sein. Laut Körner würde durch die Schließung der Bäder zirka 20 Prozent des Gasgesamtbedarfs eingespart. Eine Schließung der Kreisbäder in Maxdorf und Mutterstadt stehe derweil nicht bevor. Aber: „Wenn Nord Stream 1 nicht läuft, wird die Bundesregierung über kurz oder lang Stufe drei des Notfallplans Gas ausrufen“, sagt Körner. „Dann brauchen wir im Kreis keine Beschlüsse mehr.“