Rhein-Pfalz-Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Fremde im Wasser: Wer sich in unseren Gewässern breit macht

Der Koi ist ungefährlich – auch für einheimische Fischarten. Aber will man als Schwimmer im Badesee wirklich auf einen Riesenkoi
Der Koi ist ungefährlich – auch für einheimische Fischarten. Aber will man als Schwimmer im Badesee wirklich auf einen Riesenkoi treffen?

In fast allen Gewässern innerhalb des Rhein-Pfalz-Kreises gibt es Tiere, die bei uns nicht ursprünglich zu Hause sind. Das sind etwa Fische, Krebse und Schildkröten, sie wurden ausgesetzt oder eingeschleppt. Manche können zu einer Gefahr heimischer Arten werden.

Es ist nicht der weiße Wal, aber ein ziemlich großer weißer Koi schwimmt im Niederwiesenweiher bei Böhl-Iggelheim herum. „Er ist 90 bis 100 Zentimeter lang und wiegt wohl 15 bis 16 Kilo“, schätzt Lothar Scheurer, der Vorsitzende des Angelsportvereins Kellmetschweiher, der auch den Niederwiesenweiher pflegt. Kois gehören zu den Karpfen und sind auf verschiedene bunte Farben gezüchtet. Der öffentlich bestellte und vereidigte Koi-Sachverständige Robert Jungnischke hält es für möglich, dass ein solcher Fisch in einem natürlichen Gewässer lebt. Allerdings sei das vermutlich kein original japanischer Koi, sondern wahrscheinlich einer aus europäischer Zucht, meint er auf unsere Anfrage. Der Fisch sei sehr groß und vermutlich etwa 15 Jahre alt. Kois ernähren sich wie ihre graublauen einheimischen Verwandten von Würmern, Muscheln und Kleinlebewesen.

Doch während Moby Dick von Kapitän Ahab gejagt wurde, wollen die Angler den weißen Koi lieber nicht aus dem Wasser ziehen. „Den will keiner essen“, sagt Scheurer. Essbar wäre er. Und weil ein Fisch dieser Größe keine natürlichen Feinde mehr habe, werde der weiße Koi weiterleben und weiter wachsen, womöglich noch Jahrzehnte, denn Kois können sehr alt werden. Aber wie ist der Zierfisch in den Weiher gekommen? Scheurer vermutet, dass ein Koi-Halter das Interesse verloren habe oder das Tier für den Gartenteich nicht mehr passend fand. Und da habe er ihn mitgenommen und ausgesetzt.

Gefräßiger Sonnenbarsch

Kois gebe es auch im Schifferstadter Bahnweiher und in der Sandgrube an der Dudenhofener Straße, berichtet Marko Klotz, Gewässerwart des ASV Schifferstadt. Auch Goldorfen, ebenfalls Zierfische, gebe es dort. „Fische mit auffälligen Farben werden meist schnell von größeren Raubfischen gefressen“, meint Klotz. Ab einer gewissen Größe haben sie jedoch bessere Überlebenschancen. Die genannten Zierfische richten keinen Schaden in den hiesigen Gewässern an, sagen die Angler übereinstimmend. Anders sei das beim Sonnenbarsch, sagt Klotz. Der fresse die Brut einheimischer Fische.

Schmuckschildkröten, wie etwa die Gelbwangenschildkröte findet man auch sehr häufig. „Es gibt in der ganzen Vorderpfalz keinen Weiher ohne Schmuckschildkröten“, sagt Walter Gramlich aus Birkenheide. Er ist beim Naturschutzbund Heidewald zuständig für die Wiederansiedlung der Europäischen Sumpfschildkröte, der eigentlich hier heimischen Art, die aber kaum noch zu finden ist. Schmuckschildkröten ist ein Oberbegriff für Arten, die wegen ihres Aussehens in Terrarien oder Gärten gehalten werden. Die meisten Arten stammen aus den USA und Mexiko. Es komme oft vor, dass die Tiere größer werden als erwartet. Das bestätigt Scheurer, der am Niederwiesenweiher Exemplare gesehen hat, deren Panzer einen Durchmesser von 30 Zentimetern habe. Zu groß gewordene Schildkröten seien schwer weiter zu vermitteln, sagt Gramlich. Deshalb werden sie so oft ausgesetzt – was laut Gesetz grundsätzlich verboten sei und hohe Strafen nach sich ziehen könne.

Kampf um die Sonnenplätze

Bei den Schildkröten aus wärmeren Gegenden habe das Aussetzen meist tödliche Folgen: „Die gehen qualvoll zugrunde, wenn es hier kälter wird.“ Arten aus kälteren Regionen können überleben. Eine unmittelbare Bedrohung der einheimischen Arten durch Verdrängung habe Gramlich noch nicht beobachtet. Eine potenzielle Gefahr sieht aber die Untere Naturschutzbehörde des Rhein-Pfalz-Kreises. Die Schmuckschildkröten könnten den seltenen Europäischen Schildkröten die Sonnenplätze wegnehmen, die für die wechselwarmen Tiere wichtig sind. Und sie könnten den Laich von Fischen und Amphibien dezimieren. Weil sich die Schmuckschildkröten aber in unserem Klima (noch) nicht vermehren, gebe es von Seiten der Behörde bislang keine Projekte zur Minderung der Bestände, gleichwohl werden die Vorkommen beobachtet, heißt es auf unsere Anfrage.

Gefährlich kann es werden, wenn man auf eine Schnappschildkröte trifft. Gesichtet und fotografiert wurden solche im Naturschutzgebiet bei Bobenheim-Roxheim und am Kistnerweiher bei Neuhofen, berichtet Siegfried Filus, Umweltbeauftragter und ehemaliger Mitarbeiter der Naturschutzbehörde des Landkreises. Auch Gramlich bestätigt die Sichtungen. Er berichtet, das Exemplar bei Bobenheim-Roxheim sei etwa 15 Kilo schwer. So große Schnappschildkröten können durchaus den Finger eines Erwachsenen abbeißen, wenn sich die Tiere bedroht fühlen und zuschnappen.

Jagd auf Flusskrebse

„Invasiv“ heißen nichtheimische Arten, wenn sie sich so vermehren und verbreiten, dass sie Schäden anrichten. Und da gibt es im Rhein-Pfalz-Kreis mehrere Arten amerikanischer Flusskrebse, die ein geradezu gruseliges Verhalten an den Tag legen, das der Nabu-Experte für Amphibien- und Reptilienschutz, Sascha Schleich, beschreibt: Der Rote Amerikanische Sumpfkrebs ist nach einem halben Jahr vermehrungsfähig, hat bis zu 600 Nachkommen pro Jahr. Er wächst sehr schnell und frisst praktisch alles, Pflanzen ebenso wie Insekten, Laich, Fische, Amphibien. Sind viele Krebse da, können sie ein Gewässer praktisch leer fressen. Dann fressen sich die Krebse gegenseitig, die stärksten überleben und machen sich auf die Wanderschaft. Sie können sich bis zu zwei Kilometer über Land bewegen. Trocknen Gewässer aus, graben sie sich bis zu einem halben Meter in den Schlamm und überleben bis zum nächsten Regen.

Diese Krebsart wurde im Oktober 2019 erstmals bei Großniedesheim gesichtet, berichtet die Untere Naturschutzbehörde des Kreises. Zusammen mit Ortsgemeinden und dem Sportangelverein Lambsheim werde der Krebs eingefangen. Mit speziellen Krebsreusen werde in Eckbach und Schrakelbach bei Großniedesheim und Heßheim nach ihm „gejagt“, die Koordination der Bekämpfung liege bei der Oberen Naturschutzbehörde der SGD Süd in Neustadt.

Auf der Schwarzem Liste

Und es gibt weitere amerikanische Krebse, den Signalkrebs, den Kamberkrebs, den Kallikokrebs und den Marmorkrebs. Alle amerikanischen Krebse sind Überträger der Krebspest. Die ist für die beiden europäischen Arten, den Edelkrebs und den Steinkrebs, zu 100 Prozent tödlich. Die amerikanischen Krebse können damit gut leben und lebenslang Überträger sein. Die Verdrängung ist schon da: „Findet man heute einen Flusskrebs in der Vorderpfalz, so handelt es sich mit Sicherheit um eine invasive amerikanische Art“, stellt die Untere Naturschutzbehörde des Kreises fest.

Die gebietsfremden Krebse seien schon im 19. Jahrhundert importiert worden. „Es sind schmackhafte Speisekrebse und sie wurden in großem Stil gezüchtet, zum Beispiel in Italien“, sagt Sascha Schleich. Die invasiven Krebse stehen auf einer Schwarzen Liste der EU – dem Gegenteil einer Roten Liste. Arten, die darauf stehen, müssen bekämpft werden. Sie müssen bei Entnahme getötet werden. Sie dürfen nicht transportiert werden. Allerdings dürfen die Krebse nur mit einer Fischereierlaubnis gefangen werden. Bei Marmorkrebs und Rotem Sumpfkrebs sieht Schleich noch Chancen, die Ausbreitung zu kontrollieren, bei den anderen Arten sei es wohl zu spät. „Ich habe auf die Gefahren durch die invasiven Krebse schon vor mehr als 15 Jahren hingewiesen – damals wurde ich ausgelacht“, sagt er. „Da hätten wir noch eine Chance gehabt, sie wurde vertan.“ Der Kampf geht weiter. Und auch wenn die Flusskrebse lecker sind: Alle fangen und aufessen, das dürfte schwierig werden.

Zur Sache: Der Umgang mit Neulingen

Tiere und Pflanzen, die hierzulande nicht heimisch sind, nennt das Bundesamt für Naturschutz „Neobiota“. Viele solcher Arten wurden entweder absichtlich eingeführt, etwa als Zierpflanzen wie der chinesische Götterbaum, oder als Jagdwild und Pelztier wie Nutria und Waschbär. „Invasiv“ sind Arten, die gebietsfremd sind und die negative Auswirkungen auf heimische Arten oder deren Lebensräume haben. Das kann passieren, wenn die „Neuen“ alteingesessene Arten von Nahrung und Lebensraum verdrängen, etwa weil sie sich stärker vermehren, schneller wachsen oder Krankheiten einschleppen, wie das bei den Amerikanischen Krebsen ist. Weil das eine Bedrohung der einheimischen Flora und Fauna werden kann, gibt es in der EU verschiedene Regelungen und Abkommen, die über Ländergrenzen hinweg gelten. Es gibt eine sogenannte Unionsliste invasiver Arten. Auf der werden neue Arten gelistet, ihr mutmaßliches Vorkommen, das von „nicht nachgewiesen“ bis „etabliert“ reicht, und wie die zuständigen Behörden sich verhalten sollen. Das kann von Beobachtung bis zu strengster Bekämpfung reichen. Weltweit gibt es das „Übereinkommen über die Biologische Vielfalt“.

Viele fremde Arten waren ursprünglich Haus- oder Nutztiere, die ausgesetzt wurden. Nach Paragraf 3 Absatz 3 des deutschen Tierschutzgesetzes ist es verboten, Tiere, die in Haus, Betrieb oder sonst in Obhut des Menschen gehalten wurden, auszusetzen, um sich ihrer zu entledigen oder den Halterpflichten zu entziehen. Das kann mit Geldbußen bis zu 25.000 Euro bestraft werden. Dabei spielt keine Rolle, ob das Tier durchs Aussetzen gefährdet wird oder nicht. Zudem bleiben die Halter in Verantwortung.

Der Sonnenbarsch ist gefährlich für einheimsiche Arten, weil er deren Brut frisst.
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Gelbbauch-Schmuckschildkröten beim Sonnenbad. Könnten Sie einheimischen Arten den Sonnenplatz streitig machen?
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So sehen Schnappschildkröten aus – schon irgendwie bissig.
So sehen Schnappschildkröten aus – schon irgendwie bissig.
Hier bin ich, scheint der Krebs mit seinen ausgebreiteten Scheren zu sagen. Und das ist das Problem: Der Rote Amerikanische Sump
Hier bin ich, scheint der Krebs mit seinen ausgebreiteten Scheren zu sagen. Und das ist das Problem: Der Rote Amerikanische Sumpfkrebs ist ein weltweit problematischer, weil invasiver Neozoe.
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