Rhein-Pfalz Kreis Fremd und doch so vertraut

Prächtig: eine Edelkastanie im Frühling. Sie wird gerne zur Ortsbegrünung eingesetzt.
Prächtig: eine Edelkastanie im Frühling. Sie wird gerne zur Ortsbegrünung eingesetzt.

«Ludwigshafen.» Keschdesaumagen, Keschdesupp, Keschdekuchen, Keschdelikör. Gekocht, gebacken, geröstet – ohne Esskastanie geht in der Pfalz (fast) nix und nun ist der Pfälzer „Nationalbaum“ tatsächlich zum Baum des Jahres 2018 erklärt worden. Aber warum nur? Geht es der edlen Kastanie schlecht? Droht ihr ein gefräßiger Wurm?

Keine Panik. Alles in Ordnung. Als Pfälzer kennt man die Esskastanie eben und lebt mit ihr. Man sammelt ihre Früchte. Man veredelt Saumägen damit. Setzt alkoholische Getränke an. Und folgt ihrem Zeichen durch den Pfälzerwald. Das Kuratorium „Baum des Jahres“ blickt allerdings über den Teller- und Glasrand hinaus, es denkt quasi deutschlandweit. Und so auf die ganze Republik betrachtet, ist die Keschde-Dichte nicht gerade hoch. „Der botanische Blick richtet sich auf eine eher seltene Baumart“, heißt es deshalb seitens der Dr.-Silvius-Wodarz-Stiftung. Die Esskastanie soll bekannter werden – über den südwestdeutschen Raum hinaus. Aha. Und jetzt? Langweilig – oder kann der Pfälzer noch etwas über die Edelkastanie lernen? Förster Volker Westermann, der für uns Tier, Pilz und Baum des Jahres ins Rampenlicht stellt, ist sich sicher, dass es auch in diesen Gefilden noch Abnehmer für Keschde-Infos gibt. „Das merke ich immer bei meinen Exkursionen durch den Wald“, meint der Bildungsbeauftragte vom Forstamt Pfälzer Rheinauen. Zieht er allerdings mit Teilnehmern durch den Rhein-Pfalz-Kreis, muss er schon ein bisschen genauer gucken, bis er die Esskastanie vorstellen kann. „Es finden sich hier nur kleine Bestände – aber es gibt sie. Im Dudenhofener Wald ebenso wie in den Wäldern bei Maxdorf und Fußgönheim. Machen Sie die Augen auf beim nächsten Waldspaziergang!“, sagt Westermann. Machen wir, versprochen. Keschde-Sammeln gehört zum Herbst in der Pfalz – aber ein einheimischer Baum ist die Edelkastanie trotzdem nicht. Die Römer haben sie vor rund 2000 Jahren eingeschleppt. Wegen der Früchte. Aber auch, weil Kastanien eine wichtige Rolle beim Weinbau spielten: als Spalierholz für die Reben. „Es ist schon interessant: Alles, was vor oder mit Kolumbus bei uns landete, gilt als einheimisch – inklusive Kartoffel. Aber alles, was nach ihm kam, gilt als fremd oder nicht heimisch.“ Westermann spielt auf das Multikulti im Wald an, erinnert an Strobe, Douglasie oder Robinie, die ebenfalls eine Migrationsgeschichte haben und teils kritisch betrachtet werden: Nehmen sie einheimischen Bäumen den Lebensraum weg? Doch in Zeiten, in denen sich das Klima wandelt, muss sich vielleicht auch Wald verändern. „Wir Forstleute hoffen auf die Edelkastanie. Wenn es trockener und wärmer wird, könnte sie eine Schlüsselrolle beim Aufbau neuer Wälder spielen“, sagt Westermann. Wärme kennt sie. Die Esskastanie ist aus südlicheren Gefilden zu uns gekommen. Die Griechen etablierten den Baum im Mittelmeerraum und bereits in der Bronzezeit fanden sich Anbaugebiete in Südfrankreich. Die Römer verteilten sie weiter. Aus bereits genannten Gründen. Aber auch, weil das Holz noch mehr kann als Reben halten: Es ist hart, langlebig, weil es einen hohen Gerbsäureanteil hat, und dekorativ. „Man kann schöne Möbel daraus machen. Außerdem liefert die Kastanie begehrtes Brennholz“, sagt Westermann. Einen speziellen Markt habe die Kastanie als Holz für Lawinenschutz in den Alpen – auch wegen der Resistenz des Holzes gegen Pilzbefall. Ab Juni liefern die Blüten der Kastanie einen besonders markanten Honig. Wanderimker nehmen weite Wege auf sich, um diese Spezialität zu ernten. Der Pollenreichtum der Blüten hilft Bienen zudem, mit reichen Vorräten über den Winter zu kommen. Dann im Herbst werden die Früchte reif, gut verpackt in einer stacheligen Hülle. Keschde sind Westermann zufolge äußerst nahrhaft und stärkereich. „Viele Jahrhunderte waren Esskastanien Nahrungsgrundlage für Menschen, sowohl im Mittelmeerraum als auch bei uns.“ Das Füttern der Schweine mit Kastanien hatte ebenfalls Tradition. Heute ist das Sortiment an kastanienhaltigen Lebensmitteln riesengroß. Richtig: Keschdesaumagen, Keschdekuchen, Keschdesupp ... Edelkastanien kommen mit relativ niedrigen Niederschlagsmengen aus, sie wachsen auch auf ärmeren Böden, mögen aber gar keine Staunässe und meiden Kalkböden. „Sie sind anspruchslose Bäume, die aber nur dort gedeihen, wo es wärmer ist. Im Grunde findet man in Deutschland die Edelkastanie überall dort, wo man auch Weinbau findet. Das größte Kastaniengebiet in Deutschland ist aber die Pfalz“, sagt Volker Westermann. Klimawandeltechnisch ist die Region sozusagen Trendsetter. Das Abschlussplädoyer unseres Försters für den Baum des Jahres: „Die Esskastanie ist eine ökologisch und ökonomisch besondere Baumart. Die Pfalz ohne Keschde – für mich einfach undenkbar!“

Stachelig: Keschde im Herbst. Aus den Früchten werden in der Pfalz allerhand Köstlichkeiten hergestellt.
Stachelig: Keschde im Herbst. Aus den Früchten werden in der Pfalz allerhand Köstlichkeiten hergestellt.
Gewaltig: Etwa 60 Kilometer ist der gesamte Keschdeweg lang.
Gewaltig: Etwa 60 Kilometer ist der gesamte Keschdeweg lang.
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