Altrip RHEINPFALZ Plus Artikel Frau Wesch und der Anstandswauwau: Erinnerungen zur Eisernen Hochzeit

„Mein Mann ist noch immer so verliebt in mich wie damals“, ist Renate Wiedermann überzeugt. „Sie hat mich aus meiner Einsamkeit
»Mein Mann ist noch immer so verliebt in mich wie damals«, ist Renate Wiedermann überzeugt. »Sie hat mich aus meiner Einsamkeit herausgeholt«, bekräftigt Ehemann Helmut. Immer dabei: Labradordame »Iruka«.

Vor 67 Jahren begann die Liebesgeschichte von Renate (83) und Helmut (88) Wiedermann auf der Mutterstadter Kerwe. Heute feiern sie ihre Eiserne Hochzeit – in Altrip, wo sie seit rund 40 Jahren wohnen. Das Schicksal führte 1952 den heutigen 85-Jährigen in die Pfalz – und zu seiner Liebe.

Wer weiß, wohin es Helmut Wiedermann noch gezogen hätte, wäre er nicht in der Vorderpfalz seiner großen Liebe begegnet. Geboren in Riga, lebte er bis zur Flucht vor den russischen Truppen mit seiner Mutter, dem jüngeren Bruder und der damals dreijährigen Schwester in der Stadt Lissa (damals „Warthe-Gau“, heute das polnische Leszno). „Am 20. Januar 1945, ich war elf Jahre alt, wurden wir zum Bahnhof transportiert“, erinnert er sich. Es begann eine kraftzehrende Zugreise, die nur nachts vonstatten ging, „da die amerikanischen Tiefflieger auf alles schossen, was sich bewegte“, berichtet Wiedermann.

Seine Erinnerung ist noch sehr genau: wie am Görlitzer Bahnhof ein leerer Waggon direkt vor ihren Füßen gehalten hat („ein Riesenglück“). Wie das Rote Kreuz die Flüchtenden an den Bahnstationen verpflegt hat („bestens“). Wie ein Ochsenkarren die kleine Familie in ein bayerisches Bauerndorf gebracht hat, und wie er, getrennt von Mutter und Geschwistern, in einem anderen Dorf unterkam. Wie er sich mit dem gleichaltrigen Enkel einer Kriegswitwe angefreundet hat, der das Stadtkind lehrte, Forellen von Hand zu fangen. „Ich habe dort niemals schlechte Erfahrungen als ,Flüchtling’ gemacht“, betont Wiedermann. Nach anderthalb Jahren gelang es der Mutter, Helmut zu sich zu holen; den Vater haben sie allerdings nie wieder gesehen.

Helmut Wiedermann begann eine Lehre als Bauschlosser, bekam Krach mit dem Gesellen, und der Zufall wollte es, dass ihn sein Kumpel Manfred 1952 in die Pfalz holte. Dort könne man Geld verdienen! Es ging darum, die Bevölkerung mit Gas zu versorgen. So begann der 17-Jährige als Hilfsmonteur in Schifferstadt mit 86 Pfennig die Stunde; ein Mittagessen kostete eine Mark vierzig. „Wenn meine Vermieterin mit mir sprach, habe ich kein Wort verstanden!“, erinnert er sich lachend an die Anfangszeit. Es folgten weitere Orte in der Vorderpfalz und schließlich Mutterstadt, wo er bei den Eheleuten Wesch ein Zimmer bewohnte.

Renate, in Neuhofen geboren, lebte damals mit ihrer Mutter – auch deren Mann war aus dem Krieg nicht heimgekehrt – in Fußgönheim. „Meine Mutter spielte in einer Kapelle, und mit 16 durfte ich das erste Mal mit auf die Mutterstadter Kerwe“, erzählt Renate Wiedermann. „Doch sie schärfte mir ein, beim Klavier sitzen zu bleiben, ich durfte beim Tanz nur zugucken.“

Der Freund traute sich

Als Helmut die junge Schönheit jedoch dort oben erblickte, stieß er seinen Freund Rico an und sagte: „Mit diesem goldigen Mädchen würde ich gerne tanzen.“ Rico war der Mutigere von beiden – er bat die Mutter um einen Tanz mit Renate. Der wurde gestattet, und als er sie an seinen Freund übergab, „haben wir getanzt, getanzt, getanzt, es war so schön!“, schwärmt sie noch heute. Fortan trafen sich das Fräulein Schneider und der Herr Wiedermann, damals noch per Sie, und meistens unter strenger Aufsicht.

Als sich der schicksalhafte Kerwebesuch jährte, wollte Renate erstmals bei ihrem Helmut übernachten. Frau Wesch, die auf Anstand bedacht war, erlaubte ihr jedoch nur einen Blick ins Herrenzimmer – nächtigen musste sie mit den Weschs im Ehebett in der Besucherritze, zusammen mit deren Dackel. „Und der hat geknurrt“, erinnert sie sich lachend. Doch Hunde waren, neben Helmut, schon immer ihre große Liebe. Sie brachte sogar einen Hund mit in die Ehe, die sie mit 18 und mit Einverständnis der Mutter 1958 schloss. Dann durften die beiden auch zusammenziehen, in ein altes Bauernhaus in Fußgönheim, Klo auf dem Hof, Mäuse auf den Dachbalken. Doch sie waren glücklich.

1959 kam Tochter Sabine, 1964 Sohn Kai auf die Welt. Als die Versorgung mit Wohnungen besser wurde, erhielten die Wiedermanns über den Kreiswohnungsverband eine Wohnung mit eigenem Badezimmer. Während sie Zahnarzthelferin lernte, qualifizierte sich Helmut zunächst zum Schweißer, dann zum Kalkulator bei der BASF; später wechselte er zur Allianz, wurde Versicherungskaufmann und arbeitete dort bis zur Rente. Auch Renates Berufsweg veränderte sich: „Ich verdiente 100 Mark im Monat und bin mit der Rhein-Haardt-Bahn nach Ludwigshafen gependelt. Über Bekannte kam ich an einen neuen Job im Ort, bei einem Samenhändler.“ Der verkaufte auch Werkzeug, Erde, Pflanzen, Dünger – und Wildvögel. „Das war ganz schrecklich“, sagt Renate, sichtlich bewegt. „Die Tiere wurden mit Leimruten gefangen. Viele kamen nach der langen Reise tot oder erschöpft an und waren ganz verklebt.“ Für eine Tierfreundin wie sie eine schlimme Erinnerung. Glücklicherweise konnte sie sich beruflich verändern. Als der Verkauf von holländischer Erde für Topfpflanzen anlief, gewannen sie die Holländer für den Vertrieb. Zum Schluss war sie als erste Frau Vertriebsleiterin für Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Wenn Helmut Wiedermann heute zurückblickt, resümiert er: „Wir hatten ein schönes, abwechslungsreiches Leben!“ Auch wenn er nun zwei Mal die Woche zur Tagespflege geht – er ist mehr als zufrieden. Der Kontakt mit den Kindern ist eng und liebevoll: „Es gibt keinen Tag, an dem Sabine nicht anruft, und Kai besuche ich alle 14 Tage in Neustadt“, sagt Renate. „Wir möchten so lange wie möglich zusammen wohnen; ich muss also fit bleiben – für Mann und Hund!“

Renate und Helmut Wiedermann bei der Hochzeit am 8. März 1958.
Renate und Helmut Wiedermann bei der Hochzeit am 8. März 1958.
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