Rhein-Pfalz-Kreis
Flucht aus der Ukraine: Drei Frauen erzählen ihre Geschichten
Maria Herbunova fühlt sich wohl in ihrer Wohnung mit großem Garten in Berghausen. Mit ihren drei Söhnen hat sie am 27. März 2022 Deutschland erreicht. Bis zum Kriegsausbruch lebte die Familie in der 14. Etage eines Hauses in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Die alleinerziehende Mutter sorgte als Friseurin und Buchhalterin für das Familieneinkommen, der Vater zahlte Unterhalt für die drei Kinder.
„Am 1. März, ich war gerade in der Küche, kam der Krieg zu uns“, erzählt Herbunova. Bilder, die sich ihr und ihren Kindern eingebrannt haben. „Eine Rakete zerstörte unser Nachbarhaus, meine damals siebenjährigen Zwillinge mussten alles mit ansehen“, schildert die 42-Jährige den Moment, der alles verändert hat. „Zu Fuß sind wir in den Keller geflüchtet, während die Bombenangriffe kein Ende nehmen wollten“, erklärt Herbunova. Sie habe das Nötigste wie Pässe, Wasser und einen Apfel für jeden eingepackt und sei mit ihren Söhnen mitten in der Nacht auf dem schnellsten Weg zum Bahnhof aufgebrochen.
Von Kriegsszenen zu Blumenwiesen
„Weg, nur schnell in Sicherheit“, beschreibt sie, was sie aus der Heimat getrieben hat. „Der mit Frauen, Kindern und Senioren völlig überfüllte Zug fuhr langsam in Richtung Polen, die Fenster waren verdunkelt, alle lagen auf dem Boden, als Raketen in bedrohlicher Nähe einschlugen.“ Herbunovas Stimme zittert, als sie sich an Bombenabwürfe erinnert, nach denen der damals 14-jährige Sohn für Tage verstummt ist.
In Römerberg angekommen, haben die Zwillinge zunächst Bilder voller schwarzer Kriegsszenen gemalt. „Heute malen sie bunte Blumenwiesen, die Sonne, friedliche Szenen“, sagt die Mutter. Die Kinder hätten sofort gespürt, dass es ihnen in der neuen Heimat gut gehe, betont sie. Zurück in die Ukraine will Herbunova schon allein wegen der Kinder nicht, auch wenn sie die Sorge um die zurückgebliebene Mutter, die Schwester und den Bruder Tag und Nacht umtreibt. Lieber heute als morgen möchte die Ukrainerin als Friseurin arbeiten, ohne Leistungen vom Staat auskommen, und ihren Kindern eine gute Zukunft in Sicherheit ermöglichen.
Ein deutsches Gedicht
Auch Olesia Slobodianiuk hat nicht vor, in die ukrainische Heimat zurückzukehren. Ganz in der Nähe von Donezk hat die 30-Jährige bis vor zweieinhalb Jahren in Frieden gelebt und als Kulturwissenschaftlerin gearbeitet. Seit 17 Jahren schreibt sie Gedichte. „Meine Arbeit im Kulturzentrum war mit Kriegsausbruch abrupt beendet“, berichtet sie. Ihr Sohn habe große Angst gehabt in die Schule zu gehen, ständig hätten sie vor russischen Bombenangriffen in den Keller fliehen müssen, schildert Slobodianiuk die alltäglichen Schreckgespenster in der Heimat. Als alles kaputt war und nichts mehr ging, ist sie gemeinsam mit Mutter und Sohn nach Deutschland gegangen.
Heute wohnt sie mit den beiden, ihrer Schwester und deren Tochter in Dudenhofen. „Ich sehe keinen Sinn darin, zurückzukehren“, sagt Slobodianiuk. Sie wüsste auch nicht wohin. „Hier wartet eine gute Zukunft auf uns“, ist sie überzeugt. Noch gerieten die Kinder beim Überflug eines Flugzeugs in Panik – die Folgen traumatischer Erlebnisse in der Heimat und auf der Flucht. Die Ukrainerin möchte möglichst gut Deutsch lernen und im Kulturbereich arbeiten. Ende Februar geht es um die B1-Sprachprüfung. Ein erstes Gedicht hat sie schon auf Deutsch verfasst. Viele weitere sollen folgen.
„Deutschland verleiht mir Flügel“
Per Bus und Zug ist Elena Polishchuk vor gut zweieinhalb Jahren vor dem Krieg in der Ukraine geflohen. Nur ein paar Socken und Shirts habe sie zum Pass in ihren Rucksack gepackt. Die ausgebildete Psychologin erinnert sich an ihre Sehnsucht nach Sicherheit in Deutschland. In Dudenhofen sei sie von allen herzlich angenommen worden und habe viel Verständnis und Unterstützung erfahren, erzählt die 47-Jährige. Von Anfang an hat sie sich um traumatisierte ukrainische Kinder und Erwachsene gekümmert, sie arbeitet in der Dudenhofener katholischen Kita und singt im Chor der evangelischen Kirche. Im vergangenen Jahr hat Polishchuk an einer „fantastischen Weinlese“ teilgenommen, berichtet sie.
Vor der deutschen Sprache hat die Ukrainerin Respekt. Vor allem die richtige Anwendung der Artikel sei schwer, sagt sie, spricht aber fehlerfrei. „Deutschland verleiht mir Flügel.“ Polishchuk hat neuen Lebensmut, mit dem sie sämtliche Probleme angeht. Sie hofft, mit ihrem abgeschlossenen Studium und der Berufserfahrung eines Tages von ihrer Arbeit als Psychologin leben zu können.
Neue Heimat
Bis dahin hilft sie ihren Landsleuten ehrenamtlich bei der Verarbeitung schrecklicher Erlebnisse. „Die Kinder haben Stress, Angst, können nicht schlafen“, schildert sie. Viele Erwachsene suchten Rat bei Sprach- oder Mentalitätsproblemen – wegen der Sorgen um die Männer an der Front, um die daheim gebliebene Familie oder vor Arztbesuchen. Auch Polishchuk denkt oft an ihre Freunde in der Ukraine, wie es ihnen geht, ob sie gesund sind. Selbst nach Ende des Krieges möchte sie in ihrer neuen Heimat bleiben, auch wenn die Ukraine für immer einen Platz in ihrem Herzen behält, sagt sie.