Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Flüchtlinge in Mutterstadt: Ihre Wohnsituation und Probleme

Damit das Zusammenleben auf engstem Raum klappt, ist es wichtig, dass die geflüchteten Menschen mit ihren Sorgen gehört werden.
Damit das Zusammenleben auf engstem Raum klappt, ist es wichtig, dass die geflüchteten Menschen mit ihren Sorgen gehört werden. Dazu braucht es ausreichend Personal, sagen (v.l.) Karim Rosfa und Christine Franz von der Flüchtlingsbetreuung in Mutterstadt sowie Bürgermeister Thorsten Leva.

Was vielerorts für Diskussionen sorgt, wird in Mutterstadt seit 2015 gelebt. Geflüchtete werden in einem Camp aus Wohncontainern untergebracht. Mit welchen Problemen die Kommune und die Geflüchteten kämpfen und wie eine solche Wohnsituation gemeistert werden kann, darüber berichten die Gleichstellungsbeauftragte Christine Franz, der Flüchtlingsbetreuer Karim Rosfa und Bürgermeister Thorsten Leva (SPD) im Gespräch mit Doreen Reber.

Am Waldpark stehen Wohncontainer für etwa 80 Personen. 2015 kamen etwa eine Million Geflüchtete nach Deutschland. Frau Franz, war schon damals der Wohnraum knapp?
Im Prinzip ja. Es war eine Notlösung, um die Menge an Menschen unterzubringen, nicht alle konnten dezentral in Wohnräumen im Ort eine Bleibe finden. Diese praktikable Lösung hatte sich angeboten. Es ist ein Grundstück des Kreises, so musste man nicht erst suchen.

Eine Lösung, die damals nicht so viele Bedenken hervorrief wie heute, oder?
Franz: Die Stimmung damals war ganz anders. Ich erinnere mich noch an eine Sitzung des Arbeitskreises, da saßen etwa 50 Leute, die sich ehrenamtlich für die Flüchtlinge engagieren wollten. Die Menschen sahen damals die Not, es war ein neues Thema und die Leute waren sehr euphorisch.

Derzeit leben 75 Männer muslimischen Glaubens aus verschiedenen Ländern wie Syrien, Afghanistan, Pakistan, Türkei, Irak, Iran, aber auch aus Afrika wie Eritrea oder Somalia in den Wohncontainern. Wurden von Anfang an dort nur allein geflüchtete Männer untergebracht?
Franz: Ja. Uns war von Anfang an klar, dort außerhalb des Ortskerns können keine Familien mit Kindern leben, die Wege zur Schule und zum Kindergarten sind zu weit. Eine Familie hätte dort nur einen Raum. Auch wollten wir keine Frauen zusammen mit vorwiegend Männern unterbringen, denn es gibt dort nur Gemeinschaftstoiletten und -duschen, zu denen man über den Hof laufen muss. Eine Unterbringung von Frauen und Männer unter diesen Umständen würde nicht funktionieren. Das würde zu viel Konfliktpotenzial mit sich bringen.

Leva: Wir hatten ja damals zum Glück Alternativen, die Familien dezentral im Ort in Wohnungen unterzubringen.

Kam es dennoch zu Konflikten? Und welche waren das?
Franz: Es kam schnell zu Konflikten, die immer dann entstehen, wenn fremde Menschen auf engstem Raum über längere Zeit zusammenleben. Es fehlte zum Beispiel das Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaftsräume wie Küche oder die sanitären Anlagen. Das ist aber kein kulturspezifisches Phänomen. Aber es gab auch Konflikte untereinander, zum Beispiel, wenn einer früh ins Bett muss, weil er in Schicht arbeitet, und der anderen keine Beschäftigung hat. Zudem ist der ein oder andere Geflüchtete traumatisiert oder hat allgemeine psychische Probleme, es gibt auch Drogen- und Alkoholprobleme.

Wie emotional wird das denn da?
Franz: Sehr emotional. Manchmal sind sie schon aufgrund ihrer Situation und ihrer Probleme wütend. Da wird es auch mal laut, das ist menschlich. Aber es gab auch körperliche Übergriffe untereinander und Polizeieinsätze. Aber meist beruhigte sich derjenige auch wieder ganz schnell und wir konnten wieder Normalität reinbekommen.

Wie lösen Sie solche Konflikte am besten?
Rosfa: Indem wir oft miteinander sprechen; mehrmals am Tag sind wir vor Ort. Bei einem Tee lässt sich vieles bereden. Wir versuchen dann, gemeinsam Lösungen zu finden, zum Beispiel, indem Geflüchtete ihre Wohnplätze tauschen. Wir betonen immer wieder, dass alle, die im Camp leben, eine Familie sind. Das hilft bei Streitereien.

Wie wichtig ist Beschäftigung, also ein Job?
Franz: Sehr wichtig. Einige der Bewohner haben Arbeit und Struktur in ihrem Alltag, das ist immer gut. Andere haben derzeit wenig Chancen auf einen Job. Diese Perspektivlosigkeit ist frustrierend und birgt auch Konfliktpotenzial. Einige sind auch verschuldet, weil sie viel zu teure Handyverträge abschließen – aus ihrer Unwissenheit heraus. Sie wollen ein Handy, weil sie Kontakt nach Hause halten möchten, werden aber von Leuten, die aus ihrem Land kommen, hier leben und ihre Sprache sprechen, zu viel zu teuren Vertragsabschlüssen verleitet. Und dann kommen sie in eine Schuldenfalle, die zusätzlich für Sorgen sorgt.

Was sind die Beweggründe der jungen Männer, nach Deutschland zu fliehen? In der Flüchtlingsdiskussion wird oft der Vorwurf erhoben, es sind Wirtschaftsflüchtlinge, die hier vom Sozialsystem leben möchten.
Rosfa: Die jungen Männer aus Afghanistan zum Beispiel flüchten aus ihrem Land, um hier Schutz für ihre Familien zu suchen. Man muss bedenken, sie sind sehr jung, gerade einmal 16, 17 oder 18 Jahre alt.

Franz: Wir müssen bei der Integrationsarbeit auch die Perspektive der Menschen einnehmen. Die meisten Männer wollen mit ihren Familien zusammen sein, sie vermissen besonders ihre Mütter. Ich habe das oft erlebt, dass sie mit Tränen in den Augen davon erzählen. Es sind verschiedene Gründe, warum sie flüchten. Sie werden politisch verfolgt. Und natürlich kommen sie auch, weil sie sich für ihr Leben eine bessere Perspektive erhoffen. Man nimmt nicht so eine Flucht auf sich, nur um hier Geld abzuzwacken. Aber es ist auch so, dass manche Schlepper genau das erzählen, was man in Deutschland alles erhält. Es ist aber auch schon angekommen, dass die Realität eine andere ist.

Und wie stehen die Chancen, dass sie hier zu Fachkräften ausgebildet werden können?
Franz: Viele kommen aus einer gehobeneren Schicht, denn so eine Flucht kostet viel Geld. Sie sind intelligent, einige haben in ihren Heimatländern bereits studiert oder eine Ausbildung absolviert. Sie erhoffen sich, hier einen Job und Einkommen zu bekommen und ihre Familien zu unterstützen oder hierherzuholen. Es ist aber auch so, dass das aufgrund der Bürokratie hier sehr lange dauert, mitunter Jahre.

Wie lange dauert es denn im Schnitt, bis ein Geflüchteter die Sprache lernen kann und einen Job hat?
Rosfa: Zwei bis drei Monate dauert es, bis sie einen Sprachkurs machen können.

Franz: Aber nur, wenn sie den Status einer Anerkennung haben, sonst dauert es noch länger. Wir haben Männer, die seit 2015 im Camp sind und immer noch keinen Job haben. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ist bei der Bearbeitung der Asylanträge, also bei der Entscheidung über die Bleibeperspektive, völlig überfordert. Bis zu dieser Entscheidung haben die Geflüchteten den Status einer „Duldung“, mit der man kaum eine Chance hat, einen Job zu finden, denn die „Duldung“ muss monatlich verlängert werden. Diese Ungewissheit macht kein Arbeitgeber mit. Manche warten seit gut sechs Jahren auf eine Entscheidung über ihren Asylantrag. Das muss man auch mal sehen – wie unmenschlich das ist, jemanden so lange im Ungewissen zu lassen. Das ist ein Problem in unserem System.

Und wie schwer ist der Weg mit einer Anerkennung und einen absolvierten Sprachkurs?
Franz: Wenn man sich durch das System gekämpft hat, stehen die Chancen gut. Es gibt Fälle, die eine Ausbildung absolviert, Arbeit und ein Einkommen haben und mit ihrer Familie hier leben. Sie sind handwerklich sehr begabt, aber auch im Bereich IT. Firmen sind da sehr interessiert.

Wenn Sie auf die vergangenen acht Jahre zurückblicken. Was waren den die anfänglichen Fehler oder Missverständnisse bei der Betreuung der Geflüchteten?
Franz: Dass wir vielleicht im ersten Moment zu viel von den Menschen erwartet haben, was sie so noch nicht leisten konnten, etwa in Bezug auf die Reinigung. Da haben wir zum Beispiel gemerkt, wenn wir aktiv dazu motivieren und es gemeinsam vorleben, funktioniert es sehr gut, aber nicht von allein. Sie brauchen bei vielem einen Anstoß.

Was raten Sie anderen Kommunen, die nun Containercamps einrichten ?
Rosfa: Die Menschen aus dem gleichen Kulturkreis oder Land erst einmal zusammen unterzubringen.

Leva: Wir haben es immer gut managen können, darum ist das bisher auch alles sehr geräuschlos vonstattengegangen, auch wenn wir am Anfang ebenfalls Proteste gegen das Aufstellen der Container hatten. Aber insgesamt kann man schon sagen, dass die wenigsten Mutterstadter die Geflüchteten in der Waldstraße wahrnehmen. Gerade weil viele Bürger 2015 sich ehrenamtlich engagiert hatten, gibt es eine hohe Akzeptanz. Und die Mutterstadter haben sich auch mittlerweile daran gewöhnt. Ich denke, der Grund für all das ist aber die gute Betreuung, die ist aus unserer Erfahrung das A und O.

Franz: Absolut. Wir müssen weiterhin alles daransetzen, dass wir Ansprechpartner für die Geflüchteten sind. Auch damit sie sich gehört fühlen, denn diese Menschen haben hier keine Lobby.

Herr Rosfa, Sie sind Marokkaner und sprechen Arabisch. Ein Glücksfall für die Betreuung. Ist es auch einer, dass Sie ein Mann sind? Oder ist es ein Vorurteil, dass muslimische Männer mehr Respekt vor einem Mann als vor einer Frau haben?
Rosfa: Also Christine wird von Geflüchteten im Camp sehr respektiert. Und grundsätzlich achten muslimische Männer Frauen. Negative Einzelfälle gibt es überall. Aber: Der Respekt und das Vertrauen zu den jungen Männern entstehen in der Art, wie man mit ihnen umgeht. Es sollte wie eine Freundschaft sein, man sollte mitfühlen und versuchen, bei Problemen zu helfen. Man kann da nicht hingehen und sich als Chef aufführen und sagen, das werde jetzt so oder so gemacht. Aber da dort nur Männer leben, ist es in manchen Situationen auch gut, dass ich ein Mann bin. Im Sommer zum Beispiel laufen sie nach dem Duschen auch schon mal mit freiem Oberkörper über den Hof. Das würden sie aus Respekt vor einer Frau nicht machen.

Können Sie die Ängste der Bevölkerung verstehen, denn es gab ja Übergriffe? Und wie sollte man aus Ihrer Sicht damit umgehen?
Franz: Zu Beginn sind auch Frauen an mich herangetreten und haben ihre Ängste geäußert. Das ist auch wichtig, dass man die Ängste wahrnimmt und sie nicht tabuisiert. Und ja, es gab auch in der Waldstraße zu Beginn einen Fall eines sexuellen Übergriffs. Wir haben das sofort im Camp thematisiert und klar gesagt, dass das nicht geduldet wird. Und die meisten Männer waren tief betroffen und entsetzt und lehnten das komplett ab. Das ist nicht mit ihrem Glauben vereinbar.

Leva: Es ist leider auch so, dass solche Fälle stärker wahrgenommen werden als die positiven Dinge. Und oft wird sich aus Unkenntnis eine Meinung gebildet.

Und wie kann man dem begegnen?
Franz: Die Gegebenheiten, die durch die Europa- und Bundespolitik geschaffen werden, können wir hier vor Ort nicht beeinflussen. Was wir hier machen könne, sind Begegnungen schaffen, um die Angst vor dem Unbekannten zu nehmen. Dafür sollten wir zum Beispiel die Vereine und kirchlichen Einrichtungen oder die Moscheen nutzen. Ich habe die Erfahrung gemacht, Musik oder Sport verbinden. Durch den persönlichen Kontakt können sich Sichtweisen oder Vorurteile ändern. Das müssen wir vor Ort schaffen. Das braucht aber auch Manpower. Wir sind auch wieder daran, die Ehrenamtlichen zu akquirieren. Aber für die hohe Anzahl an Geflüchteten braucht es mehr Personal im Hauptamt.

Damit das Zusammenleben auf engstem Raum klappt, ist es wichtig, dass die geflüchteten Menschen mit ihren Sorgen gehört werden.
Damit das Zusammenleben auf engstem Raum klappt, ist es wichtig, dass die geflüchteten Menschen mit ihren Sorgen gehört werden. Dazu braucht es ausreichend Personal, sagen (v.l.) Karim Rosfa und Christine Franz von der Flüchtlingsbetreuung in Mutterstadt sowie Bürgermeister Thorsten Leva.
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