Waldsee
Fasnachtsumzug: Tausende feiern in Waldsees Straßen [mit Video und Bilderstrecke]
„So voll war’s hier lange nicht mehr“, sagt Alois Nieser. Das Urgestein des KV Uno Waldsee hat die Geschichte des Vereins mitgeschrieben. Beim Umzug am Fastnachtsdienstag hilft er beim Sektausschank von der Ehrentribüne herab. Zugleiter André Netter greift den Ball auf. Er spricht von rund 14.000 Zuschauern am Wegesrand, die sich von der schrecklichen Amokfahrt am Montag in Mannheim nicht unterkriegen lassen.
Die 46 Zugnummern stehen. Absagen gab es keine, sagt Netter der RHEINPFALZ. Nach der Amokfahrt war lang und intensiv gesprochen worden. Der Fasnachtsumzug sollte ein Gegengewicht gegen Schmerz, Gewalt und deren Folgen sein.
Die Zuschauer ziehen mit. „Was passiert ist, ist absolut schlimm und unverständlich. Wir wollen uns aber nicht klein kriegen lassen“, sagt eine Frau, die sich in ihrem kuscheligen Einhorn-Kostüm wohlfühlt. Ihr Nebenmann im Top-Gun-Outfit meint, dass die Gesellschaft durch solche Vorfälle kaputt gemacht werden soll. Beide sind – wie alle – bester Laune.
Uno stellt allein 17 Zugnummern
Dazu tragen nicht zuletzt die Mitglieder der Vereine bei, die am Umzug teilnehmen. Allein 17 Nummern stellt der Ausrichter. Garden, Tanzgruppen, Umzugs- und Bühnenbauer, Prinzessin Alina I. und ihr Elferrat – es glitzert, funkelt und jubelt in allen Ecken. Das Peter-Pan-Bühnenbild ist zur Festwagen-Deko geworden. Und es regnet. Bonbons, Chips, Popcorn, Lutscher, Seifen und Nagelfeilen. Alle Teilnehmer haben prall gefüllte Körbe und Kartons voll Wurfmaterial. Die Zuschauer – nicht nur die Kleinen – freut’s.
Zweitgrößte Gruppe: der Karneval Club Otterstadt (KCO). Bei aller Frotzelei in der Bütt: Beim Umzug sind alle eine große Gemeinschaft. Acht Nummern füllt der Verein. „Die Wasserhinkle“ aus Altrip ergänzen die Narrenscharr um einen weiteren Ort aus der Verbandsgemeinde. Deren Mitarbeiter sind kesse Panzerknacker. Unter ihnen: Verbandsbürgermeister Patrick Fassott (SPD). Dazu ein flotter Spruch mit Ironie gewürzt: „Mit der VG-Panzerknacker-Masche zieh’n wir das Geld aus eurer Tasche.“
Claudia Klein: „Umzug ist gemeinschaftsbildend“
Waldsees Ortsbürgermeisterin Claudia Klein (CDU) ist derweil an der „Sektbar“ beschäftigt. Sie steht hinter der Entscheidung, den Umzug laufen zu lassen. „Das ist sehr wichtig, weil wir eine gut funktionierende Gemeinschaft brauchen. Veranstaltungen wie diese sind gemeinschaftsbildend“, betont sie auf Nachfrage. Die Amokfahrt in Mannheim sei schrecklich und traurig. „Wir dürfen uns aber von Einzeltätern nicht einschränken lassen. Feiern bedeutet Freiheit und die lassen wir uns nicht nehmen“, betont sie.
Dass eine Absage allen weh getan hätte, ist beim Blick auf die aufwendigen Kostüme der Mitwirkenden und die schöne Anzahl von kleinen und größeren Festwagen nachvollziehbar. Die Kreativen haben sich ins Zeug gelegt, vor allem die der Uno. „De neie Damm am Reffethäler Weg drauss, frisst Acker und scheisst Wildwuchs raus“, wird der Deichstreit bei Otterstadt optisch ansprechend dargestellt: ein Damm mit weit aufgerissenem Maul, ängstliche Maiskolben auf dem Feld.
Brandaktuell: die Landratsstichwahl. Zwei Personen Kopf an Kopf auf der Pritsche. „Landratswahl, das weiß jedes Kind, der mit dem hätschde Kopf gewinnt“ lautet der spitzzüngige Slogan. Witzig: Ausgerechnet CDU-Kandidat Volker Knörr muss den Lkw steuern. SPD-Bewerberin Bianca Staßen ist mit ihren Fahrlachmiezen vom KCO unterwegs und lässt „rote Clownsnasen“ verteilen.
Deutsch-französische Freundschaft wird gefeiert
Toll gemacht: das Motiv zum 50. Jubiläum der Partnerschaft zwischen Waldsee und dem französischen Ruffec. Ein Hammel und eine Schnecke mit Herz verbunden – ebenfalls ein Ergebnis aus der Uno-Werkstatt. Eine Delegation aus Ruffec läuft mit. Präsidentin Catherine Delhoume kommt seit 1987 regelmäßig nach Waldsee, oft auch zur Fasnacht. „Die Stimmung ist toll. Wir brauchen das gerade jetzt“, unterstreicht sie.
Dem stimmt Sören Volland zu. Seine Familie ist mit Delhoume von Anfang an verbunden. Auch dem Waldseer ist der Frohsinn wichtig. „Ich habe die Hoffnung, dass ein kleines Dorf wie unseres kein Ziel von Anschlägen ist“, meint er.
Für die Sicherheit wurde einiges getan. Lkw als Sperre zum Festbereich, Polizei, Vollzugsdienst, Sicherheitspersonal. Trotz allem herrscht Leichtigkeit auf der Straße. „Die Stimmung ist super“, stellt Netter fest. Zwischen Uno-Spitze und Uno-Zug-End(t)e feiern alle ausgelassen mit lautem Ahoi und viel Musik. Ein Ende war lang nicht in Sicht. In der Kulturhalle ging es weiter. Dort wurden die Fasnacht und das Leben gefeiert. Und das Umzugsteam, dank dessen Organisation sich alle sicher fühlen durften. Bis zum Abend lagen vonseiten der Polizei keine Meldungen vor. Eine Bilanz ist für Mittwoch angekündigt.