Bobenheim-Roxheim RHEINPFALZ Plus Artikel Familie gründet Auffangstation für Igel

Nach 14 Tagen in Obhut der Wolfmüllers überm Berg: Igel Leo
Nach 14 Tagen in Obhut der Wolfmüllers überm Berg: Igel Leo

Von Bauarbeiten für die Bundesgartenschau in Mannheim aus ihrem Winterschlaf geweckt, fand Igeldame Emilia Zuflucht bei Familie Wolfmüller. Vater und Sohn haben nun den Verein Igelfreunde Rhein-Pfalz samt Auffangstation für die Stacheltiere gegründet. Die Nachfrage ist groß.

Das Haus der Wolfmüllers im Norden Bobenheim-Roxheims ist für Igel optimiert worden. In Garage, Schuppen und Garten stapeln sich Käfige. Wer einem hilflosen Igel helfen möchte, benötigt nicht viel, erklärt Vater Björn: „Ein Quadratmeter groß sollte der Käfig sein, dazu Stroh, Laub und ein Häuschen.“ Der Keller wirkt wie eine Tierarztpraxis. Mit einem Mikroskop wird ihr Kot auf Wurmbefall hin untersucht. Das soll Zeit und Kosten für aufwendige Laboruntersuchungen sparen. Die Stadtwerke Frankenthal haben vor drei Wochen einen professionellen Inkubator spendiert, der als Erste Hilfe für schwache und unterkühlte Tiere dient.

Hier hat auch Emilia ein Zuhause auf Zeit gefunden, nachdem sie durch Bauarbeiten für die Bundesgartenschau in Mannheim aus ihrem Winterschlaf geweckt wurde. Als Vater Björn ihren Stall öffnet, knurrt die Igeldame leise in ihrem gepolsterten Schlafsack, den die Tierschützer auch scherzhaft „Igelgarage“ nennen. Der 56-Jährige hat die bunt gemusterten Schlafsäcke in Miniaturformat in einer speziellen Facebook-Gruppe für Wildtierpfleglinge geordert. „Es ist schon toll, was sich manche Leute für den Tierschutz einfallen lassen“, findet der SAP-Berater, für den das Aufpäppeln von Wildigeln längst mehr Berufung als Hobby geworden ist. Sein Sohn Jan, 27 Jahre alt, engagiert sich ehrenamtlich bei der Pflege der Wildtiere, der Betreuung der Pflegestellen und der Öffentlichkeitsarbeit.

Mit Igel-Notfall geht es los

Alles begann mit dem ersten stacheligen Notfall im Sommer 2018. Der gerade mal 80 Gramm schwere Igel Morti war damals wahrscheinlich durch einen schmalen Zaunspalt in den Garten der Wolfmüllers geklettert. Vater und Sohn holten sich Rat vom Verein Igelburg Mossautal im Odenwald, um Morti zu retten. „So ein Erlebnis würde ich jedem wünschen. Erst wenn man sich persönlich um ein Wildtier kümmert, wird das oft abstrakte Thema Naturschutz zum persönlichen Anliegen, mit ganz viel Herzblut“, meint Wirtschaftsinformatik-Student Jan. Mortis Mutter passte nicht durch den Zaun und blieb wohl zurück. Damit das nicht wieder passiert, führt nun ein Igeltunnel durch den Beton unter dem Gartenzaun, und auf den hohen Stufen zum Keller bilden Pflastersteine eine Tiertreppe.

Die Wolfmüllers sind erstaunt über die Entwicklung ihrer ehrenamtlichen Igelhilfe. Nach dem Fall Morti habe es sich alsbald über die Grenzen der Altrheingemeinde hinaus herumgesprochen, dass hier Stachelträger gerettet werden. 2019 beherbergte die Familie sieben Meckis, im Jahr darauf waren es schon 19, „und im vergangenen Herbst brach die Hölle los“, erinnert sich Jan. „Bis Mitte Januar wurden uns knapp 100 hilflose Igel aus der Rhein-Neckar-Region und Hessen gemeldet.“ 14 Igel sind aktuell in Keller und Schuppen der Familie untergebracht. Drei Meckis überwintern im Garten, sie hat Vater Björn mit einer Kamera im Blick – direkt vom Bett aus. Die vielen Neuzugänge können die Wolfmüllers nicht allein betreuen. Die übrigen Stacheltiere werden in Pflegefamilien und bei mehr als 30 Helfern hochgepäppelt.

Erinnerung an „Babyjahre“

Besonders gern denken die Wolfmüllers an ihre „Babyjahre“ zurück: Im November 2020 war eine trächtige Igelmutter in ihren Garten spaziert und brachte dort neun Junge zur Welt, die per Hand aufgezogen werden mussten. Ein halbes Jahr darauf meldete eine Frankenthalerin den Fund zweier Igel-Geschwister. In Babysocken eingepackt kamen die jeweils nur 20 Gramm schweren Tiere zu den Wolfmüllers. Vater Björn wechselte sich in der ersten kritischen Zeit alle zwei Stunden mit seinem Sohn ab, um die Findlinge mit laktosefreier Spezialmilch zur Aufzucht von Katzen zu füttern. Die Momente hielt der Hobbyfotograf auf zahlreichen Bildern fest.

Einen Igel-Rettungseinsatz aus der Nachbarschaft wird Jan nicht so schnell vergessen. Dort hatte ein sportliches Exemplar einen hohen Holzstapel erklommen und war dahinter in einen tiefen Spalt gepurzelt. Jan sah nur eine Chance: Mit einem Bolzenschneider den angrenzenden Zaun aufzuschneiden. Die Besitzerin des Geländes war mit diesem Sachschaden einverstanden, und der eingeklemmte Igel wurde befreit.

35 Mitglieder zählt der im Dezember von Familie Wolfmüller gegründete Verein Igelfreunde Rhein-Pfalz, der ein Bewusstsein für die Not der sympathischen Stachelträger schaffen und ein Netzwerk für Helfer knüpfen will. Wer ein hilfloses Tier findet, sollte zuerst Kontakt zu einer Igelberatungs- oder Auffangstation suchen oder einen Tierarzt kontaktieren, der Erfahrung mit Wildtieren hat. Der Finder muss sonst für die Arztkosten selbst aufkommen.

Kontakt

Igelfreunde Rhein-Pfalz, Von-Heyl-Straße 10, 67240 Bobenheim-Roxheim, Telefon: 06239 508077, im Netz unter www.igelfreunde-rp.de oder auf Facebook unter „IgelfreundeRP“.

Zur Sache

Der in Europa lebende Braunbrust- oder Westigel steht auf der Roten Liste bedrohter Arten. Durch das Insektensterben und Pestizide schwindet sein Nahrungsangebot, seine Lebensräume in Sträuchern und Hecken werden dezimiert, und elektrische Garten- und Ackergeräte fügen Igeln Verletzungen zu. Ganz zu schweigen vom Verkehr: Schätzungsweise 500.000 Igel werden jährlich auf deutschen Straßen überfahren, sie stehen damit auf Platz Eins bei Wildunfällen. Hinzu kommen die Folgen des Klimawandels: Warme Winter führen dazu, dass Igel zu spät oder überhaupt nicht in den Winterschlaf kommen. Die Folge: Im wachen Zustand verbrauchen sie innerhalb von wenigen Wochen den Speck, der im Winterschlaf für die gesamte kalte Jahreszeit reichen sollte.

Gründeten den Verein Igelfreunde Rhein-Pfalz: Björn Wolfmüller (links) und sein Sohn Jan.
Gründeten den Verein Igelfreunde Rhein-Pfalz: Björn Wolfmüller (links) und sein Sohn Jan.
Die Igel wurden von ihrer Mutter zurückgelassen.
Die Igel wurden von ihrer Mutter zurückgelassen.
Schläfchen nach der Futterung: Igel Cassy im Alter von zwei Wochen.
Schläfchen nach der Futterung: Igel Cassy im Alter von zwei Wochen.
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