Speyerer Umland
Förster auf neuen Wegen: Den Wald sich selbst überlassen
Förster Jürgen Render ist selbst immer wieder erschrocken, wenn er sieht, was in „seinem“ Wald vorgeht. In dem Revier im Speyerer Umland beobachtet er schon seit Jahren das Sterben insbesondere der lange Zeit dominierenden Kiefern. Klar ist also: Der Wald wandelt sich. Damit er das in einer Art und Weise tut, die ihn für den Klimawandel rüstet, gibt es das bundesweite Förderprogramm „Klimaangepasstes Waldmanagement“.
Eine Gemeinde, die in den Genuss der Fördergelder kommen will, muss beim Umgang mit ihren Waldgebieten mindestens elf Kriterien über einen längeren Zeitraum erfüllen, dazu zählen der Verzicht auf Kahlschlag und Düngung. Noch höher, nämlich 100 statt 85 Euro pro Hektar und Jahr, fällt die Förderung aus, wenn auch ein zwölftes Kriterium erfüllt ist: Fünf Prozent der Waldflächen werden 20 Jahre lang stillgelegt, also nicht bewirtschaftet und – bis auf Verkehrssicherung – sich selbst überlassen. Derzeit entscheiden die Ortsgemeinderäte, ob sie das wollen. In Renders Gebiet zeichnet sich ab, dass alle Gemeinden mitmachen werden.
Meiste Gemeinden schreiben mit Wald rote Zahlen
„Die Förderung ist ein Segen“, findet Render. Denn für die meisten Gemeinden in der Region sei der Wald ein Zuschussgeschäft. Die Einnahmen aus dem Holzverkauf wiegen oft nicht auf, was durch den Unterhalt von Wegen oder nötige Verkehrssicherungsmaßnahmen an Ausgaben anfällt. Der Förster ist überzeugt, dass er und seine Kollegen in Rheinland-Pfalz einen großen Teil der zwölf Kriterien ohnehin bereits erfüllen. So werde auf natürliche Verjüngung und heimische, klimaresiliente Baumarten gesetzt. Die geforderten Mindestabstände zwischen Rückegassen halte er ebenfalls bereits ein. Eine Herausforderung sieht Render vor allem in der Arbeitsbelastung, die sich daraus ergibt, dass pro Hektar Wald mindestens fünf sogenannte Habitatbäume markiert und kartiert werden müssen, die nicht gefällt werden dürfen.
Den größten Einschnitt aber dürfte die Stilllegung von fünf Prozent der Waldfläche darstellen. Render hat sich viele Gedanken gemacht, geeignete Flächen zu finden. In Dudenhofen entsprächen fünf Prozent knapp 20 Hektar. Bei der Auswahl hat der Förster darauf geachtet, dass keine Gebiete betroffen sind, in denen aus Gründen der Verkehrssicherheit häufig eingegriffen werden muss. Aber auch Flächen, die bei der Bewirtschaftung besonders einträglich für die Gemeinde sind, sollten es nicht sein.
Spuren des Klimawandels
Zirka vier Hektar sollen zum Beispiel nördlich der Schillerstraße stillgelegt werden. Das Gelände liegt tiefer als die Umgebung. „Das war einst eine Sandabbaufläche. Das Material wurde für den Bau der B39-Hochtrasse durch Dudenhofen verwendet“, berichtet der Förster. Danach seien Bäume gepflanzt worden, vor allem Kiefern, die aber in keinem guten Zustand seien. „Der Klimawandel hat hier zugeschlagen“, sagt Render. Immer mehr Kiefern sterben ab. Doch unter den zusammenbrechenden Bäumen wächst eine Vielzahl an Laubbaumarten heran: Linde, Eiche, Ahorn, Buche und viele mehr. „Das ist ein wahnsinniges Potenzial“, sagt der Förster. Hilfreich sei, wenn durch die Jäger der Wildbestand auf einem verträglichen Niveau gehalten werde, denn Verbiss bedrohe die jungen Bäumchen. „Ich hege die große, berechtigte Hoffnung, dass nach 20 Jahren ein gemischter Wald entstanden ist, der mit dem Klimawandel gut zurecht kommt“, wagt Render einen optimistischen Ausblick.
Während der Förster den Abschnitt im Dudenhofener Wald ausgewählt hat, damit dort in den kommenden Jahrzehnten etwas Neues entsteht, hofft er, dass in jenen Waldgebieten, die in Harthausen stillgelegt werden sollen, alles so bleibt, wie es ist. Entlang des Modenbachs haben sich dort auenartige Wäldchen entwickelt, auf deren Boden regelmäßig Wasser steht, mittendrin alte Eichen- und Erlenbestände. „Das ist eine ganz spezielle Vegetation“, sagt Render. Es habe sich angeboten, die Flächen stillzulegen, zumal sie in den vergangenen Jahrzehnten ohnehin nicht bewirtschaftet wurden. „Hier war seit 20 Jahren keine Axt drin“, berichtet der Förster.
Chance für Neophyten
Ein Problem in den stillgelegten Flächen könnten Neophyten, also nicht-heimische Arten werden, die sich dort ausbreiten, wenn der Förster nicht eingreift. Man müsse bei dem Prozess durchaus was „aushalten“. „Wenn man den Wald sich selbst überlässt, heißt das nicht, dass rauskommt, was man gerne hätte“, sagt Render. Es könne auch passieren, dass sich Arten wie Götterbaum oder Spätblühende Traubenkirsche ausbreiten, die man eigentlich nicht haben will. Render ist klar, dass Stilllegung von Flächen auch bedeutet, dass es dort höchstwahrscheinlich bald „unaufgeräumt“ aussieht, denn umgestürzte Bäume bleiben einfach liegen und bilden als Totholz Lebensraum für Insekten oder geben beim Zerfall Nährstoffe an den Waldboden ab.
Das chaotische Bild, das sich ergeben kann, sorgt mitunter für Kritik von Bürgern. Allerdings stellt Render klar: Auch in den anderen Teilen des Waldes kann es schon bald ähnlich aussehen, wenn der Klimawandel voranschreitet und immer mehr Bäume zusammenbrechen. Die gute Nachricht: Die stillgelegten Flächen sollen sich zwar natürlich entwickeln, es gibt aber – anders als bei den auf Dauer stillgelegten Auwäldern bei Otterstadt kein Betretungsverbot.
Stichwort: Klimaangepasstes Waldmanagement
Klimaschutz und Anpassung der Wälder an den Klimawandel seien eine nationale Aufgabe von gesamtgesellschaftlichem Interesse, findet die Bundesregierung. Um Waldbesitzer zu unterstützen, diese Aufgabe zu meistern, hat sie die Zuwendung „Klimaangepasstes Waldmanagement“ geschaffen. Im vergangenen Jahr wurden 200 Millionen Euro bereitgestellt. Um die Förderung zu erhalten, müssen sich Waldbesitzer verpflichten, je nach Größe der Waldfläche elf oder zwölf Kriterien entsprechend der Förderrichtlinie über zehn beziehungsweise 20 Jahre einzuhalten. Wer gefördert wird, muss einen Nachweis eines anerkannten Zertifizierungssystems erbringen.