Rhein-Pfalz Kreis Es kreucht und fleucht
«Altrip.» Etwas Sonne wäre schön gewesen, aber für einen echten Zoologen wie Christoph Künast gibt es bei jedem Wetter Spannendes zu finden. Rund 30 Interessierte gingen mit ihm am Sonntag auf Entdeckungstour. Sie schauten, was sich auf Altrips grünen Flächen an Leben tummelt.
Christoph Künast ist Biologe mit Leib und Seele. Sein Blick auf die Tierwelt ist nicht nur wissenschaftlich motiviert, sondern geprägt von Begeisterung – auch für kleine und gewöhnliche Lebewesen, deren clevere Strategien der Arterhaltung staunen machen. Zwar gingen wegen des regnerischen Wetters am Sonntag keine bunten Schmetterlinge ins Netz, sondern auf den ersten Blick vor allem eher unscheinbare Insekten, bei denen den kleinen Spaziergängern manch leises „Iiih“ entschlüpfte. Aber auch zu diesen Tieren wusste der Biologe Interessantes zu berichten. Blattläuse zum Beispiel veranlassen bestimmte Pflanzen dazu, Wucherungen zu bilden, in denen der Nachwuchs geschützt ist und sofort nach dem Schlupf Nahrung findet. Anlass für die Exkursion war eine Begehung der Altriper Eh-da-Flächen. Den Grünen liegen diese Flächen am Herzen, ebenso der Initiative „Altrip blüht“. Darunter versteht man bereits vorhandene Flächen ohne erkennbare wirtschaftliche Nutzung im Siedlungsraum oder Straßenränder, Bahndämme, Verkehrsinseln, Hochwasserdämme – aber auch kommunale Grünflächen. Sie können ohne großen Aufwand für die Förderung der Biodiversität verfügbar gemacht werden. „Das ist zum einen natürlich die Artenvielfalt. Viele Tier- und Pflanzenarten sind in der heutigen Agrarlandschaft selten geworden. Unsere Verbandsgemeinde ist ein gutes Beispiel dafür“, sagt Künast. Der Biologe und Agrarwissenschaftler aus Otterstadt ist Ideengeber für die Nutzung von Eh-da-Flächen und und unterstützt Kommunen bei der Umsetzung. „Zum anderen umfasst der Begriff genetische Vielfalt und letztlich auch die Vielfalt von Lebensräumen.“ Die Gruppe um Künast hat wieder etwas entdeckt – die Gespinstmotte, das altruistische Insekt. Deren Raupen verpuppen sich nicht alle, sondern betreiben Brutpflege für ihre Geschwister, indem sie sie nach der Verpuppung behüten und die Kokons reparieren. In der Natur hat eben alles seinen Sinn, und ginge es nach Künast, so gäbe es auch keine Vorbehalte gegen zugewanderte Arten – seine Argumentation: alles ist im Wandel. „Altrip besitzt bereits viele natürliche Lebensräume und nimmt eine Vorreiterrolle in der Verbandsgemeinde Rheinauen ein“, sagt er. Vor dem Hintergrund, dass täglich in Deutschland Flächen für Siedlungen und Infrastruktur in der Größe mehrerer Hundert Fußballfelder versiegelt würden, kommen Eh-da-Flächen also eine immense Bedeutung zu, findet der Biologe. Viele Gemeinden zögen nun nach und liebäugelten mit Blühwiesen, um den so wichtigen Bestäuberinsekten und anderen Nützlingen wieder Nahrung zu bieten. Was laut Künast auch in Ordnung ist. Blühwiesen machen viel her und erfreuen sich hoher Akzeptanz bei der Bevölkerung. Doch erst ein entsprechendes Management macht einen wertvollen Lebensraum daraus. Dazu gehören auch weniger dekorative Elemente wie Steinhaufen, Totholz, sogar kahle Bodenflächen, so genannter Rohboden. Sie dienen Bienen, Hummeln und Käfern als natürliche Brutplätze, und das weit besser als Insektenhotels. „Und, nicht zu vergessen: eine Teilmahd der Flächen“, mahnt der Biologe. „Wildbienen zum Beispiel sind faule Flieger: Im Gegensatz zu Honigbienen legen sie nur etwa 500 Meter zur nächsten Nahrungsquelle zurück. Ist dann eine Wiese oder ein Damm gänzlich abgemäht, haben sie das Nachsehen.“