Rhein-Pfalz Kreis „Es gibt noch viel aufzuarbeiten“
«Rödersheim-Gronau.» Mit „Reise in die Vergangenheit – Zeitzeugen erinnern sich – Dorf und Verein während des Nationalsozialismus“ ist ein Abend der Geschichtswerkstatt des TV Rödersheim überschrieben gewesen, an dem es viel Wissenswertes aus der deutschen Geschichte zu erfahren gab. Aber auch die Dorf- und Vereinsgeschichte kamen nicht zu kurz.
Die Geschichtswerkstatt ist in diesem Frühjahr ins Leben gerufen worden, um eine Festpublikation für das 125-jährige Vereinsbestehen des TV Rödersheim 2022 sowie eine umfangreiche Dokumentation zur Geschichte des Vereins und des Dorfs zu erstellen. Schwerpunkt sollen die Zeit des Nationalsozialismus, die Nachkriegsjahre und die Wirtschaftswunderzeit sein. Dazu sollen Zeitzeugen befragt und Dokumente ausgewertet werden. „Die Interviews der Zeitzeugen werden jetzt schon von Yvonne Neufeld seit einiger Zeit gemacht und von Leo Scheller in Film- und Tonaufnahmen dokumentiert“, sagt Wolfgang Ettmüller vom Geschichtswerkstatt-Team, der an diesem Abend als Moderator mit viel historischem Wissen durch den Abend führte. Neben den Zeitzeugen dienten ihm ein altes Protokollbuch des Turnvereins sowie Dokumente aus dem Gemeinde- und dem Landesarchiv als Quellen. Die öffentliche Podiumsdiskussion mit Zeitzeugen dient nicht nur dazu, um erste Ergebnisse publik zu machen, sondern um auch weiter zum Erinnern und Mitmachen anzuregen. „Wir können hier heute nur Streiflichter setzen. Es ist noch längst nicht alles aufgearbeitet und auch die weiteren Jahrzehnte sind ja noch interessant“, sagte Ettmüller. Für einen ersten Abend hatten sich mit Norbert Beck, Edbert Neufeld und Elmar Neufeld drei Zeitzeugen bereit erklärt, die die 1930er- und 1940er- Jahre als Kinder erlebt haben. Sie berichteten vom Familien- und Dorfleben, ihrer Kindheit und Jugend sowie der Kriegszeit und wie die Herrschaft der Nationalsozialisten in diesen Bereichen spürbar wurde. Jeder Themenblock wurde musikalisch mit Filmmusik der damaligen Zeit von Rudis Haussextett mit Barbara Brämer-Dörr (Violine), Mathias Burk (Akkordeon), Katja und Markus Elmer (Klarinetten), Gisela Dirche (Violine) und Rudi Scholl (Klavier und Gesang) eingeleitet. Dazu gab Rudi Scholl vorab Informationen zu den Musikstücken. „Sie sollten mit ihren eingängigen Melodien und Texten die Menschen unterschwellig in das System und die Volksgemeinschaft einbeziehen“, sagte Scholl. Die musikalische Präsentation des jeweiligen Stücks untermalte dann die von Leo Scheller zusammengestellten Dorfbilder zu den jeweiligen Themenkomplexen. Da ging so manches Raunen durch die Reihen der rund 100 Besucher, wenn auf den alten Fotos Personen oder Orte erkannt wurden. Wolfgang Ettmüller präsentierte zu jedem Themenblock historische Hintergrundinformationen zur Entwicklung in Rödersheim und ordnete damit die persönlichen Erinnerungen der drei Zeitzeugen in einen größeren Kontext ein. So berichteten die Zeitzeugen von einem durchweg distanzierten Verhältnis zum Nationalsozialismus, das sich nach Ettmüllers Recherchen in Rödersheim auch in Wahlergebnissen dokumentiert. „Wobei Rödersheim schon einen Sonderfall darstellt“, wie ihm auch ein Historiker aus dem Publikum bestätigte. Trotzdem wurde auch in Rödersheim Druck ausgeübt, um möglichst viele Menschen einzubinden. Erinnerungen hatten die drei Herren auch an die Kriegszeit und die Gefangenen sowie das Geschehen zum Kriegsende im Ort. Über die Entwicklung des Turnvereins im Ringen um Selbstständigkeit im Gefolge von Gleichschaltung und immer stärkeren Forderungen nach Wehrsportturnen informierte dann zum Abschluss Wolfgang Ettmüller. Zwar konnte der Verein sich mehrfach widersetzen, löste sich dann aber 1940 selbst auf und kam damit einer drohenden Auflösung von außen zuvor. Als letzte Auflehnung übergab man seine Turngeräte nicht wie gefordert dem Reichsbund, sondern der Volksschule. Die letzten finanziellen Mittel wurden für den Versand von Liebespaketen an die Soldaten im Krieg aus den Reihen des Turnvereins verwendet. „40 Vereinsmitglieder kehrten dann nicht mehr aus dem Krieg zurück“, lautete das nachdenkliche Fazit Ettmüllers.