Bobenheim-Roxheim
Erstklässler starten ins Abenteuer Schule
Im Schulhof der Rheinschule ist am Dienstagmorgen eine Bühne aufgebaut. Davor stehen die drei vierten Klassen und heißen die Neuankömmlinge mit einem Lied, gebleitet von Rektor Andreas Mock an der Gitarre, willkommen: „Niemand bleibt allein, und Lernen ist nicht schwer“, heißt es darin. Danach rufen die Viertklässler, die als Paten ihre Schützlinge beim Start unterstützen, auf die Bühne, wo sie ein Blatt mit ihren Namen an einen „Baum“ kleben dürfen. Manche können es gar nicht erwarten und klettern direkt auf die Bühne, andere sind schüchterner und gehen mit einem Freund Hand in Hand die Treppe nach oben. „Der Baum steht für die Schulgemeinschaft, die Wurzeln sind die Eltern und Großeltern, die heute mit dabei sind“, erklärt Mock.
Auch Eltern aufgeregt
Die stolzen Eltern zücken ihre Handys, um den großen Moment festzuhalten. Bereitwillig posieren die Kinder mit den Schultüten – wahlweise mit Vögeln, Einhörnern, Geistern, Dinos oder Spiderman dekoriert –, die fast so groß sind wie der Nachwuchs selbst. Manche haben mit Helium gefüllte Luftballons dabei. „Ich dachte, ich wäre ganz entspannt, bin aber jetzt doch ein wenig aufgeregt“, sagt Kristina König, die den ersten Schultag ihres Sohnes Max mit Spannung erwartet hat. Die Pokémon-Schultüte mit Süßigkeiten wurde schon vor der ersten Schulstunde geknackt. Vater Philip Reichelt freut sich für seinen Sohn. „Ich hoffe natürlich, dass er sich mit den anderen Kindern verstehen wird.“
Ines und Kai Basan schulen heute die letzten zwei ihrer fünf Kinder ein. Man sei zwar weniger aufgeregt, aber doch sei dieser Tag bei jedem Kind etwas anders. „Wir bräuchten hier einen Schultüten-Halter“, meint Kai Basan scherzhaft, während er die Hände voll hat mit den Schultüten der Zwillinge, die von der Schwägerin genäht und vom Onkel gefüllt wurden.
Eingewöhnung bis Herbstferien
„Ich mag einfach die Aufregung in den Kinderaugen, wenn sie erwartungsvoll ins Schulleben starten“, sagt Katrin Breiner, Klassenlehrerin der neuen 1b. Die Eingewöhnung dauere normalerweise bis nach den Herbstferien. „Am Anfang ist es immer ein bisschen wuselig“, beschreibt die 36-Jährige die ersten Schultage. Zunächst gehe es darum, die Motivation der Kinder hochzuhalten und sie gleichzeitig zum Beispiel daran zu gewöhnen, während des Unterrichts sitzenzubleiben. „Wir machen aber auch Bewegungsspiele oder Dinge wie Silbenklatschen und Reimen“, erzählt sie. Um sich zurechtzufinden, wird am Anfang eine Rallye durch Schulhaus veranstaltet.
„Was wollt ihr denn lernen?“, fragt der Rektor die Abc-Schützen übers Mikrofon. Na klar, rechnen, lesen und schreiben, tönt es aus den Kinderreihen, und auch Englisch, Kunst, Musik und Sport gehören dazu. Mock geht aber noch weiter: „In den Pausen lernt man auch ganz schön viel.“ Jetzt steht aber zunächst die erste – und heute einzige – Schulstunde der Neulinge an.
Volle Schultüten
Derweil verweilen die Eltern bei Brezeln, Kaffee und Sekt am Martin-Luther-Gemeindehaus die Straße runter. Petra Werle wünscht sich, dass sich ihr Sohn Bennet in der Schule wohlfühlen wird. „Ich hoffe, er gewinnt Vertrauen zur Lehrerin und kann weiter mit ein paar Freunden aus dem Kindergarten spielen“, sagt sie. Für einen guten Start hat sie ihm neben Süßigkeiten auch Spiele, eine Trinkflasche, eine Regenjacke und Pinsel in die Schultüte gepackt. Aufgeregt ist Werle nicht besonders – sie kennt das Prozedere von der großen Schwester. „Es wird komisch, wenn Bennet jetzt auch Hausaufgaben hat“, sagt Hannah zur Einschulung ihres Bruders. Nach der Einführungsstunde warten die Eltern geduldig vor dem Schulhaus, um ihre Kinder, die auf ihre Familien zustürmen, mit Applaus zu begrüßen.
Klaus Dürr begleitet heute seinen Enkel Nico. „Wir haben gelernt, wie man ganz genau ausmalt, ohne über die Linie zu malen“, berichtet der Junge, der sich gleich einen Platz vorne in der ersten Reihe gesichert hat. „Man erlebt die großen Momente als Opa noch mal neu“, sagt Klaus Dürr. Jill erzählt ihrer Mutter Janine Kraus von der Geschichte, die sie in der ersten Stunde gehört hat: über einen Fuchs, der zur Schule geht. Sie will jetzt aber erst mal nach Hause – die Geschenke in der Schultüte wollen schließlich entdeckt werden. Am Mittwoch geht das Schulleben der Abc-Schützen dann so richtig los.
Zur Sache: Ukrainische Erstklässler
Die sechs ukrainischen Kinder, die die Rheinschule besuchen, werden von PES-Kraft Maryna Zeller betreut. Die gebürtige Ostukrainerin hat Englisch, Deutsch und Russisch auf Lehramt studiert und ist seit 2007 in Deutschland. „Mit einer Muttersprachlerin an der Seite fühlen sich die Kinder gut aufgehoben“, ist sich Zeller sicher. Gespräche seien wichtig, weil die Kinder durch den Krieg in ihrer Heimat und die Trennung von männlichen Verwandten häufig auch psychologische Unterstützung bräuchten. Die Pädagogin ist auch in ihrer Freizeit Ansprechpartnerin bei Problemen. Einen Teil ihrer Lehrerausbildung, zum Beispiel das Referendariat, muss Zellner hier noch mal machen – aber wenigstens der Bachelor-Abschluss der 35-Jährigen ist plötzlich anerkannt worden, als klar wurde, was für ein Gewinn sie in diesen Zeiten als Muttersprachlerin für den Schuldienst ist. „Es ist ein langer Weg“, sagt Zeller, die aber für den Lehrer-Job brennt. Rektor Andreas Mock ist froh über Zellers Expertise: „Wir haben Lehrermangel und brauchen gute Leute wie sie.“ Sie versuche, die ukrainischen Kinder im deutschen Schulalltag zu integrieren, sagt Zellner. Dennoch sollen die Kinder möglichst den gleichen Stoff lernen, den sie in der Ukraine durchgenommen hätten – das schließt beispielsweise auch unterschiedliche Rechenwege in Mathe mit ein. Denn die Eltern hoffen, möglichst bald mit ihren Kindern nach Hause zurückzukehren, und der Nachwuchs soll den Anschluss nicht verlieren. Es gibt ukrainische Schulbücher und teilweise eine Art Fernunterricht, bei dem ukrainische Lehrkräfte Unterrichtsmaterial per E-Mail schicken. Aber auch Deutsch zu lernen, ist wichtig, findet Zellner. „Man braucht einen Plan B, falls die Familien doch länger hier bleiben.“