Limburgerhof / Bonn
Entwicklungshilfe: Folgen und Chancen nach USAID-Aus
Für die internationale Entwicklungshilfe war es ein herber Schlag, als US-Präsident Donald Trump im Februar die Entwicklungshilfe der Vereinigten Staaten quasi von jetzt auf gleich einstellte. Das Schließen der US-Entwicklungsbehörde USAID bedeutete, dass der internationalen Entwicklungshilfe der größte Geldgeber weggebrochen ist.
„Wir haben schon Auswirkungen gesehen“, sagt Elke Gottschalk. Die Limburgerhoferin ist beim Verein Welthungerhilfe in Bonn als Regionaldirektorin zuständig für Asien und Südamerika. Vor Kurzem erst war sie in Myanmar, bevor in der Region die Erde gebebt hat. Auch die sogenannten NGOs, also Organisationen der Zivilgesellschaft, seien von dem Wegfall der US-Gelder betroffen. Diese machten immerhin 50 Prozent der humanitären Entwicklungshilfe weltweit aus. Diese NGOs hätten schon Projekte einstellen und auch Personal entlassen müssen.
„Das Schlimme ist, dass es so plötzlich kam“, meint Gottschalk. Klar, Trump habe das System der Entwicklungshilfe im Vorfeld sehr stark kritisiert. „Insofern waren wir darauf vorbereitet, dass es kleinere Einschnitte geben wird. Aber was dann kam, hat das ganze System erschüttert. Programme, die auch für unsere Arbeit eine Basis waren, sind eingestellt worden.“ Als Beispiel nennt sie ein Programm, das gegen Unterernährung in Krisenländern kämpft. Das funktioniere nun nicht mehr. „Die Vereinten Nationen überprüfen nun, wie es in diesen Ländern weitergehen kann.“
„Glück im Unglück“
Das Tragische ist aus ihrer Sicht: „Die Einschnitte treffen diejenigen, denen es am schlechtesten geht.“ Sie habe lange in Honduras gelebt und sich auch dort engagiert. „Viele unserer Freunde dort haben durch die Streichung der finanziellen Mittel ihren Job verloren.“
Die Welthungerhilfe sei bei dem Kahlschlag relativ glimpflich davongekommen, erläutert Elke Gottschalk. „Wir hatten im Prinzip Glück im Unglück. Der Anteil der US-Hilfen hat bei uns fünf, sechs Prozent des Umsatzes ausgemacht.“ Man bemühe sich jetzt, das aufzufangen, die Mitarbeiter weiterzubeschäftigen, und versuche, die betroffenen Projekte weiter zu finanzieren. „Wir mussten noch kein Landesprogramm schließen. Aber wir schauen selbstverständlich, wie wir neue Geldgeber finden, etwa Stiftungen, private Geldgeber oder Unternehmen.“
Wer füllt die Lücke?
Doch wer könnte von den Nationen auf der Welt die Lücke füllen, die die USA gerissen haben? China? Da ist Elke Gottschalk skeptisch: „Bei China geht es eher um bilaterale Kooperationen mit Ländern, vor allem im Bereich Infrastrukturaufbau. Diese sind dann durch Kredite in zunehmendem Maße abhängig von China.“ Die Chinesen seien dann am Ende zum Beispiel Eigentümer eines Hafens. Vor allem in Asien, aber auch in Südamerika und Afrika versuche China seinen Einfluss auszuweiten.
„Aus der Perspektive der NGOs ist die Zusammenarbeit mit China eher schwierig“, sagt Elke Gottschalk. Bei der Welthungerhilfe prüfe man derzeit, welche anderen Geldgeber zur Verfügung stehen könnten. „Wir wollen nicht unsere Werte verraten, uns nicht mit Geldgebern einlassen, die unsere Werte nicht vertreten“, betont die Limburgerhoferin.
Den Hungrigen wegnehmen
Sie ist sich sicher, dass sich die wirklich dramatischen Folgen erst langsam zeigen werden. „Man muss die Hilfe jetzt stärker auf wenige Menschen fokussieren. Um es drastisch auszudrücken: Man muss jetzt den Hungrigen wegnehmen und den Verhungernden geben.“ Am stärksten betroffen von den Kürzungen seien die Ukraine, Afghanistan, Sudan, Süd-Sudan und die Menschen im Gazastreifen. „Da werden die Menschen am stärksten leiden“, prophezeit sie. Die Nahrungsmittelrationen würden jetzt schon verkleinert.
Der Schock sitzt noch tief bei ihr. Aber sie sieht in dieser Krise der internationalen Entwicklungshilfe auch eine Chance, eine Option, etwas an dem System zu verändern. „Es wäre zum Beispiel die Gelegenheit, Bürokratie bei der UN abzubauen“, wagt sie einen Vorstoß. Vonseiten der Welthungerhilfe werde man weiterhin Druck machen, damit bestimmte Themen nicht unter den Tisch fallen.
Suche nach neuen Partnern
Eines der Themen, für das sich der Bonner Verein einsetzen werde, heiße verstärkte Lokalisierung. „Die nationalen Organisationen müssen jetzt noch stärker eingebunden werden.“ Die können auch im Zweifel viel schneller vor Ort reagieren. Und es gehe darum, neue Partner und Geldgeber für die Region Asien zu gewinnen, zum Beispiel Australien, Neuseeland, die Gemeinschaft Südostasiatischer Staaten (Asean), Indien oder Japan. „Finanzielle Möglichkeiten wie die USA haben diese Länder selbstverständlich nicht“, ist sich Elke Gottschalk bewusst. Aber man müsse versuchen, auf einem anderen Niveau mit neuen Strukturen zu arbeiten. Vielleicht finde man ja auch bessere Ansätze, die funktionierten. Bei der Zusammenarbeit mit Indien habe man zum Beispiel schon sehr gute Erfahrungen gemacht.
Doch wie sieht es in vier Jahren aus, wenn Trumps zweite Amtszeit abgelaufen ist? „In der Zeit wird sich das Entwicklungshilfesystem verändert haben, hoffentlich zum Guten“, wagt Gottschalk eine Prognose. Sollten die USA dann wieder in die Entwicklungshilfe einsteigen, werde das nicht von heute auf morgen gehen. Schließlich müssen die ganzen Strukturen in den USA erst wieder aufgebaut werden. „Es wird nicht das Gleiche sein wie zuvor. Wir müssen jetzt die Krise ausnutzen, um das System an sich zu verbessern. Wir stehen vor vielfältigen Herausforderungen. Kooperation ist aus meiner Sicht der einzige Weg, diese zu bewältigen.“
Zur Sache
Die Situation in Myanmar
Elke Gottschalk von der Bonner Welthungerhilfe war vor Kurzem in Myanmar. „Ich bin eine Woche vor dem Beben wieder zurückgeflogen“, berichtet sie im RHEINPFALZ-Telefonat. Sie sei damals genau an dem Ort gewesen, wo später das Epizentrum des Bebens gewesen sei. „Ich hatte einfach Glück. Ich hätte das miterleben können.“
Die Folgen des Erdbebens sind verheerend. Rund 3600 Tote hat es gefordert. Fast 5000 Menschen sind verletzt worden. Für die Welthungerhilfe ist die Arbeit dort noch schwieriger geworden, berichtet Elke Gottschalk. „Wir können unser Büro nicht mehr nutzen. Die Mitarbeiter mussten zuerst auf der Straße schlafen, sind später aber in einem Kloster untergekommen.“
Die Limburgerhoferin hat in Myanmar eine Gemeinde besucht, in der die Welthungerhilfe ein Projekt unterstützt hat. Konkret geht es um eine Saatgutkooperative, eine Organisation, die an der Basis arbeitet. Das Team der Welthungerhilfe habe erste Unterstützung in einer Region geliefert, die sich nach den Überschwemmungen des vergangenen Jahres erst wieder erholt hatte.
Die Kommunikation in dem Land über Mobiltelefone und E-Mail sei schwierig. „Das Netz ist schwach. Als ich dort war, war es gedrosselt. Es gab nur vier Stunden Strom am Tag. Und mit der Erdbebenkatastrophe ist das alles noch schwieriger geworden.“
Eine gute Nachricht sei gewesen, dass das Nothilfeteam der Welthungerhilfe die erforderlichen Visa bekommen habe und nun vor Ort helfen könne. „Wir sind immer noch in der frühen Phase der Nothilfen. Es geht erstmal darum, die Grundversorgung zu sichern.“
Wer helfen wolle, der solle Geld spenden, plädiert Elke Gottschalk. „Geld ist das beste Mittel. Bis wir Sachspenden ins Krisengebiet transportiert haben, dauert es. Zudem ist es teuer.“