Beindersheim / Trondheim RHEINPFALZ Plus Artikel Einmal weltlich und zurück: Pfälzer wird Diakon in Norwegen

Florian Pletscher (links) in der Stiklestad-Kirche als frisch geweihter Diakon.
Florian Pletscher (links) in der Stiklestad-Kirche als frisch geweihter Diakon.

Ein Beindersheimer will zeit seines Lebens Priester werden und durchläuft nahezu die gesamte Ausbildung. Kurz vor dem Ziel sieht er sich jedoch mit ganz weltlichen Gefühlen konfrontiert und steigt aus. Nun aber ist er zum Diakon geweiht worden – in Norwegen.

Mehr als zwölf Jahre ist es her, da berichtete die RHEINPFALZ schon einmal über Florian Pletscher. Der damals 18-Jährige war gerade ins Priesterseminar eingetreten, verbunden mit dem Ziel, sein Leben in die Dienste Gottes und der Katholischen Kirche zu stellen, auch wenn er gerade in seiner Schulzeit hatte erklären müssen, warum ein junger Mensch wie er Priester werden will.

Sein Weg ist damals vorgezeichnet, so scheint es: Als Anwärter studiert er zwei Jahre in Eichstätt und verbringt ein Freijahr in Trier. Danach studiert er drei Jahre an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und macht seinen Master in Theologie. „Ich wäre wahrscheinlich seit 2019 schon Priester“, sagt Pletscher heute. Doch der Plan, Gottes Diener zu werden, wird von ganz irdischen Gefühlen durchkreuzt: „Ich habe mich in den letzten Wochen meines Studiums verliebt“, gesteht der 31-Jährige.

Bewerberschwund im Priesterseminar

Mit der Liebe ist es ihm so ernst, dass er aus dem Priesterseminar Speyer austritt. Ein radikaler Schritt, doch als angehender Priester hätte er sich dem Zölibat verpflichten müssen. Mit einer Beziehung wäre das unvereinbar gewesen. „Die Reaktionen in meinem privaten Umfeld waren sehr unterschiedlich“, erinnert sich Pletscher. „Sie reichten von irritiert bis hin zu beglückwünschend, aber auch verständnislos.“ Der Beindersheimer findet eine Stelle als Redakteur beim Herder Verlag – einem Familienunternehmen mit katholischen Wurzeln.

War Pletschers Entscheidung, Priester zu werden, bereits 2011 eine selten gewordene, so ist sie es ein Jahrzehnt später umso mehr. „Nicht nur in Speyer, sondern in den meisten Bistümern gehen die Zahlen rapide nach unten“, sagt Franz Vogelgesang, Domkapitular und Regens des Priesterseminars in Speyer. Derzeit seien es in Speyer gerade mal sieben Priesteramtskandidaten. Dass am Ende nicht alle eine pastorale Laufbahn einschlagen werden, damit rechne das Bistum ohnehin.

Florian Pletscher am Altar.
Florian Pletscher am Altar.

Die Gründe für den Bewerberrückgang sind vielfältig, meint Vogelgesang. „Es hängt sicher an der demografischen Entwicklung, aber auch am Image der Kirche, das im Moment sehr leidet – und die Zukunft pastoraler Berufe ist angesichts steigender Kirchenaustritte ungewiss“, zählt der Regens auf. Er glaubt auch, dass junge Männer, die sich für diesen Berufsweg interessieren, womöglich keine genauen Vorstellungen von den Aufgaben eines Priesters haben.

Was die Situation noch verschlimmere, sei der demografische Wandel, der die gesamte deutsche Berufswelt vor Herausforderungen stellt: „In den nächsten acht Jahren werden 40 Prozent der pastoralen Mitarbeiter nicht mehr da sein“, erklärt Vogelgesang. Gleichzeitig rechne man mit lediglich drei Zugängen pro Jahr. „Das wird es niemals aufwiegen können.“

Norwegische Katholiken aus der Region Trondheim auf dem Weg zur Weihe.
Norwegische Katholiken aus der Region Trondheim auf dem Weg zur Weihe.

Vogelgesang, der erst seit ein paar Monaten Regens ist, glaubt zu wissen, wo die Kirche ansetzen muss. Man habe zwar noch keine Patentrezepte, um dem Bewerbermangel zu entgegnen. Sicher sei aber, dass das Image der Kirche verbessert und der Beruf des Priesters besser erklärt werden müsse. „Junge Menschen stellen immer noch die Frage nach dem Sinn des Lebens, und wenn wir da nicht auftauchen und dem Raum geben, dann ist der Ofen aus“, meint er.

Die Frage nach dem Sinn hat offenbar auch Florian Pletscher beschäftigt. „Ich habe mein Leben genossen, aber gemerkt, dass mir etwas Existenzielles fehlt“, erzählt er. Zu dieser Zeit arbeitet er bereits seit drei Jahren als Redakteur beim Verlag und hätte wohl alle Gründe, glücklich zu sein. Doch Pletscher ändert sein Leben ein weiteres Mal mit einem radikalen Schlussstrich: „Ich habe die Beziehung beendet und meinen Job gekündigt.“

Prozession zur Stiklestadt-Kirche, in der Pletscher geweiht worden ist.
Prozession zur Stiklestadt-Kirche, in der Pletscher geweiht worden ist.

Autoren, mit denen er in seiner Zeit als Verlagsmitarbeiter zusammengearbeitet hat, schreibt er noch einmal. Er wolle zu einer Berufungsklärung aufbrechen, womöglich eine Zeit lang in einem Kloster leben. Einer der Autoren antwortet ihm: Es ist Erik Varden, der Bischof von Trondheim, der ihm das Kloster Tautra empfiehlt. Als Pletscher Anfang 2022 diesem Rat folgt und gen Norden aufbricht, hat er eine Rückfahrkarte im Gepäck. Das Ticket wird er nicht mehr benötigen.

„Was für andere die Hochzeit ist, ist für mich die Weihe“

Nicht mal zwei Jahre später wird Pletscher am 28. Juli in einer kleinen, aber historisch bedeutsamen Kirche von Erik Varden zum Diakon geweiht. „Was für andere die Hochzeit ist, ist für mich die Weihe. Sie ist irreversibel, man entscheidet sich einmal für immer“, erzählt der frisch Geweihte. Im nächsten Jahr soll er Priester in Trondheim werden. Verlassen will er das Land, in dem er zuvor noch nie gewesen war, so schnell nicht mehr. „Ich habe in Norwegen meine Berufung neu entdeckt“, sagt er. Die Sprache, die er seit einem Jahr lernt, sei dabei keine schwierige Hürde.

Wenn es sich einrichten lässt, besucht er seine Familie in Beindersheim. Die sei auch bei der Weihe in Norwegen dabei gewesen. „Für die Gemeinde und unsere Pfarrei ist das ein großes Ereignis“, kommentiert Pfarrer Michael Baldauf die Wendung in Pletschers Leben. In Beindersheim wurde der norwegische Diakon einst getauft und half später als Ministrant.

Von links: Diakon Florian Pletscher, Bischof Erik Varden und der Beindersheimer Pfarrer Michael Baldauf.
Von links: Diakon Florian Pletscher, Bischof Erik Varden und der Beindersheimer Pfarrer Michael Baldauf.

In Norwegen erwartet ihn nun eine etwas andere Kirche: Katholiken sind dort eine absolute Minderheit. Jedoch eine, die wächst. Waren es der norwegischen Statistikbehörde zufolge 2009 noch 57.000 registrierte Katholiken, geht das deutsche Bonifatiuswerk derzeit von fast 170.000 aus. Das liege auch an der starken Zuwanderung, die das Land seit einiger Zeit erfährt. „Wir haben hier 103 verschiedene Nationen, das macht was mit der Stimmung“, schwärmt Pletscher von seinem neuen Zuhause. Nach der Sonntagsmesse blieben viele noch auf einen Kaffee.

Termin

Florian Pletscher nimmt am 22. August, 18.30 Uhr, am Abendgottesdienst in der Beindersheimer Kirche teil.

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