Bobenheim-Roxheim
Eine Schulsozialarbeiterin über ihre Arbeit in der Corona-Krise
Kathrin Reißfelder folgt auf Nadja Hacker-Nied, die fünf Jahre lang auf einer halben Stelle die Schulsozialarbeit gemacht hat. Mit der Umstellung auf Ganztagsbetrieb von 8 bis 16 Uhr sei der Bedarf an Schulsozialarbeit gestiegen, berichtet die kommissarische Schulleiterin Silke Günther. Deshalb sei dafür nun eine Dreiviertelstelle bewilligt worden.
Reißfelder stammt aus Bobenheim-Roxheim. Sie hat 2015 ihr Studium der Sozialpädagogik in Heidelberg beendet und zunächst in einem Kinder- und Jugendheim in Mannheim gearbeitet. Nach der Geburt ihres Kindes wechselte sie der festen Arbeitszeiten wegen an eine Gesamtschule in Viernheim. Die Realschule plus in Bobenheim-Roxheim sei ein sozialer Organismus aus derzeit 370 Schülern und 40 Lehrkräften, „da gilt es, Beziehungen aufzubauen“, sagt Reißfelder. Das aber sei wegen des Wechselunterrichts erschwert. So wie Schüler und Lehrkräfte muss auch die Sozialpädagogin zum Teil online arbeiten. Wichtig ist ihr die Zusammenarbeit mit den Klassen und den Vertrauenslehrern sowie die Unterstützung des Kollegiums. „Meine Bürotür ist immer offen“, sagt sie.
Geduld und Improvisation gefragt
Als Arbeitsschwerpunkte nennt Reißfelder unter anderem Kennenlernprojekte in den fünften Klassen zur Stärkung der Klassengemeinschaft und die Sensibilisierung der Schüler im Hinblick auf soziale Medien, Cybermobbing und Genderfragen. Sie will mit den Kindern und Jugendlichen ins Gespräch kommen und Unterstützung anbieten. Im Moment sei viel Geduld und Improvisation gefragt. In Zusammenarbeit mit anderen Trägern sollen weitere Projekte stattfinden zu Themen wie Drogen, Alkohol und das Verhalten am Bahnhof.
Dass sich in der Corona-Krise die Bildungsschere weiter öffnet, besorgt die Schulleitung und das Jugendamt. „Schulverweigerung ist ein großes Thema“, berichtet Silke Günther. Aylin Höppner, stellvertretende Referats- und Abteilungsleiterin im Jugendamt Rhein-Pfalz-Kreis, bevorzugt das Wort Schulabstinenz. Das Problem werde größer, je länger die Pandemie andauere. „Manche Kinder tauchen ab, schicken keine Rückmeldungen, andere haben Angst, in die Schule zu gehen.“
Für Günther und Reißfelder besteht das größte Problem der Schüler darin, sich daheim beim Lernen selbst zu strukturieren. Der Lernstoff an sich sei machbar, ist sich die Schulleiterin sicher. „Manche Eltern haben keine Zeit oder haben aufgegeben“, weiß Aylin Höppner zu berichten. „Sie lassen die Kinder rund um die Uhr zocken.“ Es gebe Eltern, die sich mit ihren Kindern im Rückzug und auf dem Weg in die Sozialphobie befänden. Vor diesem Hintergrund sei für September ein Runder Tisch geplant, an dem die Schulleitung, die Schulsozialarbeiterin, das Jugendamt und freie Träger der Jugendhilfe herausfinden wollen, wie man Kinder wieder an das Schulgeschehen heranführen kann.
Mehr Unterricht im Freien
Corona habe in allen Jahrgangsstufen viel verändert, erzählt Silke Günther. „Der Freiluftanteil am Unterricht ist gestiegen“, gibt sie ein Beispiel. So gebe es Unterricht im Schulgarten und in der Bürgermeister-Fügen-Anlage. Auch Sportunterricht finde draußen statt, sei es auf dem Bolzplatz oder auf einer Leichtathletikanlage. Besonders beliebt seien Zumba, tänzerische Gymnastik und Parcours-Fitness. „Unsere Lehrer überlegen sich immer etwas Besonderes“, sagt Günther und spricht von einem unfreiwilligen Sozialexperiment. Vorhandene Tendenzen, negative und positive, würden verstärkt. Das heißt, neben tiefgreifenden Konflikten und harten Einzelschicksalen gebe es auch Gutes im Corona-Alltag zwischen Lehrerzimmer, Klassenraum und Pausenhof.
Laut Günther kommunizieren die Lehrkräfte viel mit den Eltern – auf allen Kanälen, auch am Wochenende. Im Wechselunterricht in kleineren Gruppen könne der Lernstoff schneller vermittelt werden, und es gebe mehr Ruhe im Klassenzimmer, mehr Zeit für einzelne Schüler, weniger Pausenhofkonflikte. Und bei manchen Schülern habe ein regelrechter Gesinnungswandel stattgefunden: „Die Kinder freuen sich auf einmal, in die Schule zu gehen.“
Stichwort Schulsozialarbeit
Schulsozialarbeit als niedrigschwellige Form der Jugendhilfe gibt es an der Bobenheim-Roxheimer Realschule plus seit 2007. Sie unterstützt die Schule bei ihrem Bildungsauftrag und die Schüler und Eltern bei Fragen des sozialen Lernens und in Problemlagen. Schulsozialarbeit findet auf unterschiedlichen Ebenen statt: in Klassen und Gruppen, als Einzelfallhilfe und Netzwerkarbeit, in der Zusammenarbeit mit dem Lehrerkollegium, der Anbindung an das Jugendamt und die Kooperation mit anderen Stellen. An den weiterführenden Schulen des Rhein-Pfalz-Kreises sind derzeit zehn Schulsozialarbeiter tätig.