Rhein-Pfalz Kreis Eine Kiefer für alle Sinne

Durchscheinend: Die Wald-Kiefer hat eine fuchsrote Spiegelrinde. In Ungarn wird die Kiefer deshalb auch Karottenbaum genannt. In
Durchscheinend: Die Wald-Kiefer hat eine fuchsrote Spiegelrinde. In Ungarn wird die Kiefer deshalb auch Karottenbaum genannt. In mittlerem Alter entwickelt sich unterhalb der Krone eine glatte, matt glänzende, in Orange- und Rottönen leuchtende Rinde, die in höherem Alter immer dicker und schließlich am unteren Stammabschnitt braungrau wird und schuppig aufreißt.

«Ludwigshafen.» Sie hat optisch schon was drauf, die Wald-Kiefer. Gerade wenn sie ihre junge fuchsrote Rinde und das Grün der Nadeln vor blauem Himmel richtig ausspielt. Wow! Sie verwöhnt aber auch unsere Nasen. Ihr würziger Geruch ist einzigartig. Er entstresst schlagartig, sobald er von den Riechhärchen an das Riechzentrum in der Großhirnrinde weitergegeben wird. Wunderbar! Kiefern kann man außerdem mit den Ohren erleben – bei Wind erzeugen die Kronen ein charakteristisch helles Rauschen. Wundersam! „Und wer möchte, kann die Wald-Kiefer fühlen“, sagt Volker Westermann, Bildungsförster des Forstamts Pfälzer Rheinauen, der uns die Baumarten in dieser Serie näher bringt. „Über die Rinde streicheln, die Nadeln und Zapfen ertasten.“ Wahnsinn! Die Wald-Kiefer für Wald-Liebhaber. Das Thema prosaisch angegangen, ist die Kiefer ein Möbelstück. Kiefernholz wird als Konstruktionsholz im Innen- und Außenbereich verwendet, für Rammpfähle, Schwellen, Gartenmöbel, Türen, Türrahmen, Fenster, Treppen, Fußböden, Schränke, Kommoden und Betten. Früher wurden auch Wasserleitungen daraus hergestellt. Weil man mit ihrem Holz so viel anstellen konnte, begann im ausgehenden Mittelalter der vom Menschen geförderte Siegeszug der Kiefer. Und weil man mit ihr große verödete und herabgewirtschaftete Flächen wieder bepflanzen konnte. Ostern 1368 erfolgte im Nürnberger Raum die erste großflächige künstliche Kiefernsaat. Der Nürnberger Reichswald war lange Zeit das berühmteste Kiefern-Waldgebiet. „In der Pfalz ist die Kalmit so ein Kiefern-Ort“, sagt Westermann. Die nach radikalen Fällarbeiten zurückgebliebene „kahle Mitt’“ wurde mit Kiefern wieder aufgeforstet. Als Pionierbaumart wächst die Wald-Kiefer recht anspruchslos auch auf kargen, humusarmen Böden. „Der Auenwald ist ihr zu nass, aber ansonsten ist die Kiefer die dominierende Baumart im Rhein-Pfalz-Kreis“, erklärt der Bildungsförster. Die größten Kiefernbestände finden sich ihm zufolge in den Wäldern im Süden des Landkreises entlang der Schwemmfächer von Speyerbach und Rehbach. So ist die Kiefer in den Gemeindewäldern von Dudenhofen, Harthausen und Hanhofen genauso Hauptbaumart wie im Schifferstadter Stadtwald. Im nördlichen Kreisgebiet gibt es in Maxdorf und Umgebung größere Kiefernwälder. „Allerdings gilt für alle diese Wälder, dass der Anteil der Kiefern zugunsten der Laubhölzer zurückgeht. Und der Trend wird sich fortsetzen.“ Zum einen, sagt Westermann, weil Förster aktiv Laubbäume pflanzen. Zum anderen schafft die Natur von selbst einen Baumartenwechsel. Wurde der Wald früher bis auf den letzten Ast ausgeräumt, bleibt heute mehr organisches Material liegen. Die ausgelaugten Böden werden nährstoff- und humusreicher und können Wasser länger speichern. „Das von Natur aus heimische Laubholz wie Rotbuchen, Eichen, Birken und Vogelbeeren erobert sich die Wälder zurück – wenn nicht zu viele Rehe und andere Wildtiere an den Jungpflanzen knabbern.“ Aber, verspricht der Förster, verschwinden wird die Kiefer deshalb nicht. Die charaktervollen Bäume mit den unterschiedlichsten Wuchsformen werden Auge, Nase, Ohren und Hände weiter erfreuen. Kiefer ist übrigens nicht gleich Kiefer. Es gibt weltweit über hundert Arten. Eine davon ist die Wald-Kiefer (Pinus sylvestris). Eine andere ist die Weymouth-Kiefer (Pinus strobus), auch einfach Strobe genannt. Sie ist ein Einwanderer in unseren Wäldern, stammt aus dem Osten der USA. Ihre Zapfen sind länglicher als die unserer heimischen Kiefern und oft verharzt. „Sie kommt mit unserem Klima nicht so ganz zurecht.“ Unser Klima ist derzeit aber auch recht anstrengend. Da haben selbst Einheimische Probleme. Die Kiefernschütte bringt unsere Wald-Kiefer in Schwierigkeiten: Die Nadeln werden braun und fallen ab. Daran ist ein Pilz und nicht das Wetter schuld. Allerdings gibt es noch die Herbstschütte, die Kiefern alle drei bis vier Jahre erfasst. Und die wiederum kann witterungsbedingt extremer ausfallen. Alle Welt spricht über das Wetter. Und Krankheiten. Im Wald ist das nicht anders. Kiefernknospentriebwickler und Borkenkäfer wären in diesem Zusammenhang noch zu nennen, beide machen Kiefern das Leben schwer. Da hat uns der Anfang dieser Geschichte besser gefallen. Mal schauen also, was die Kiefer noch für unsere Sinne tun kann. Aus Nadeln und jungen Trieben werden Duft- und Massageöle, Badezusätze und Saunaaufgüsse gewonnen. Klingt gut. Riecht gut. Und fühlt sich gut an. Optisch geben die von Wind und Wetter geformten Kiefernkronen etwas her. „An den Hängen der Haardt stehen sie oft geduckt, werden zu Windflüchtern mit einseitig abgeflachtem Dach“, sagt Westermann. Wo im Winter regelmäßig Schnee fällt, sind Kiefern dagegen schlank und sehen von Weitem fast wie Fichten aus. Für die Kronen- und Stammform spielen auch die Standortverhältnisse eine Rolle: Stehen die Kiefern dicht, werden die Kronen schlanker. Wachsen sie freier auf, sind die Bäume krummstämmiger, die Kronen unregelmäßiger. „Guckt euch an, wie lustig geformt die Kiefern aussehen, die sich an die Felsen in der Südwestpfalz krallen. Ein typisches Bild für unsere Heimat.“ Die Kiefer hat auch eine unheimliche Seite: Die Volkssage kennt alte Föhren – ein anderer Name für Kiefern – bei denen es nicht mit rechten Dingen zugeht: Hexen-Kiefern, in denen Hexen oder gar der Teufel wohnen sollen. „Das mit der Hexe glaube ich“, sagt Westermann. „Schaut mal nach da oben, da hängt ihr Besen.“ Tatsächlich, da oben hängt was. „Hexenbesen oder auch Donnerbüsche werden kugelige und buschige Verwachsungen in den Kronen von Kiefern, aber auch Douglasien genannt“, erklärt Westermann. Genmutationen lassen die Nadeln dichter wachsen. Erforscht man die mythische Seite des Nadelbaums weiter, gelangt man zu den Kelten. Für sie war die Kiefer der Feuerbaum. „Kein Wunder“, sagt Westermann. „Brennt er doch ganz wunderbar.“ Lange hat man Stäbe aus harzhaltigem Kiefernholz als Fackeln benutzt. Manchmal wurden sie noch mal extra in Harz getunkt, damit sie länger brannten. „Dabei entsteht verdammt viel Ruß.“ Ein Hinweis des Försters, dass es noch mehr Kiefernprodukte gibt. Aus dem sogenannten Kienruß wurden etwa Druckerschwärze und Schuhcreme gemacht. „So konnten die ersten Zeitungen gedruckt werden“, sagt Westermann und lacht. Wer hätte das gedacht, dass die Kiefer so vielseitig ist: Pionierbaum, Feuerbaum und Zeitungsbaum. Als Wohlfühlbaum soll er uns zum Abschluss unserer Erkundungen noch einmal dienen: Tief den würzigen Duft einatmen. Und zum Abschied über die borkige Haut streicheln. Und dann klebt man plötzlich fest – am Harz. Die Kiefer lässt einen einfach nicht los.

Märchenhaft: Diese Verdichtung aus Nadeln wird Hexenbesen oder Donnerbusch genannt. Welche Hexe hier wohl geparkt hat?
Märchenhaft: Diese Verdichtung aus Nadeln wird Hexenbesen oder Donnerbusch genannt. Welche Hexe hier wohl geparkt hat?
Quirlig: Das Alter jüngerer Kiefern lässt sich leicht an den Astquirlen ablesen, denn davon wird jedes Jahr nur einer gebildet.
Quirlig: Das Alter jüngerer Kiefern lässt sich leicht an den Astquirlen ablesen, denn davon wird jedes Jahr nur einer gebildet.
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