Rhein-Pfalz Kreis Ein Stück Normalität im Knastalltag
Schifferstadt. Ein Euro pro gelaufene Runde – in der Jugendstrafanstalt in Schifferstadt ist beim Benefizlauf „Run for Kids“ am Samstag einiges zusammengekommen. Allein die Häftlinge spendeten rund 1000 Euro für das Kinderhospiz Sterntaler in Dudenhofen sowie für eine Blindenschule.
Die Sonne scheint, als Keno keuchend von der 400-Meter-Bahn herunterläuft. „Wenn ich jetzt nichts esse, sterbe ich“, schnauft er, während der Schokokuchen in seiner Hand immer kleiner wird. „Heute hab’ ich eine gute Motivation, das Laufen bringt etwas“, erzählt der 20-Jährige. Sein Ziel: 106 Runden, die Länge eines Marathons. Inmitten von hohen Mauern mit Stacheldraht liegt der Sportplatz der Jugendstrafanstalt (JSA). Hier verbringen die Häftlinge einen Teil ihrer Freizeit. Hinter Bäumen schauen die Wohnbauten hervor, rotbraune Backsteinhäuser mit vergitterten Fenstern. Einzelne Läufer drehen auf dem Platz ihre Runden, am Rand stehen kleine Grüppchen. Die Häftlinge laufen unermüdlich und haben Spaß daran. Gegenseitig motivieren sie sich mit Klatschen und gehen zwischendurch ein Stück langsam. Als es anfängt zu regnen, lassen sie sich davon nicht stören. Zum Benefizlauf sind neben Gefangenen der JSA Schifferstadt auch Läufer aus anderen Jugendgefängnissen gekommen. Und auch Freunde und Angehörige der Beamten und andere Sponsoren drehen ihre Runden für den guten Zweck. Wer das Gefängnis betritt, muss zur Sicherheit Personalausweis und Handy abgeben. Außerdem werden alle, die von draußen kommen, direkt in Empfang genommen und zum Platz geführt. Jeder Läufer spendet einen Euro pro Runde. Die Spendensumme kommt dem Kinderhospiz Sterntaler in Dudenhofen sowie über das „HeartRacerTeam“ in Heidelberg einer Blindenschule zugute. Häftlinge spenden einen vorher vereinbarten Betrag ihres selbst verdienten Geldes. Nach der Mittagessenszeit füllt sich der Platz immer schneller. Überall laufen jetzt junge Männer herum. Ziel des Benefizlaufs sei es, dass die Häftlinge der Gesellschaft, der sie geschadet haben, etwas zurückgeben, sagt Sportleiter Simon Kaiser: „Und sie wollen unglaublich viel geben.“ Rund 1000 Euro wurden in diesem Jahr von etwa 100 Gefangenen gespendet. Dazu kommen noch die Spenden der privaten Läufer und von Vereinen. Im vergangenen Jahr kamen so rund 6000 Euro zusammen. Keno trainiert viermal pro Woche in der Lauf-AG des Gefängnisses. Der Tag bis jetzt gefällt ihm „ganz gut“, er freut sich, etwas Sinnvolles zu tun. Der Häftling ist unter anderem wegen schwerer Körperverletzung und Diebstahl im Gefängnis. Das breite Sportangebot in der Anstalt soll den jungen Männern Selbstwertgefühl geben und die Gemeinschaft stärken. Es „verbindet, die Jungs haben zusammen Spaß und Erfolg“, erklärt Alina Kühlwein, Beamtin im Sportteam. „Im Optimalfall behalten sie es draußen bei.“ Das Arbeiten mit Sport bringe auch einen lockeren Umgang mit sich, daher tragen die fünf Sportbeamten keine Uniform. Besonders freut sich Kühlwein über eine Gruppe ehemaliger Häftlinge, die mitläuft. Einer davon ist Paulo. Die Zeit in der Strafanstalt „war nicht für den Arsch“, ist er überzeugt. „Sie haben uns auf den richtigen Weg gebracht.“ Er und seine Freunde haben noch Kontakt zu den Sportbeamten. Wieder zu kommen sei „eigentlich eine coole Sache“, sagt er lachend, denn er wisse ja, „heute Abend kann ich hier einfach wieder rausspazieren“. Paolo weiß aus eigener Erfahrung, wie gut den Sträflingen der Sport tut. „Laufen lenkt ab“, erklärt er. Am Rand des Platzes steht ein Autoanhänger. Darauf übernimmt der Sozialarbeiter der Untersuchungshaft den Posten des DJs, kümmert sich um Musik und Moderation. Daneben sind weiße Zelte aufgebaut. Die Veranstaltung gebe den Häftlingen das Gefühl von etwas Normalität im Knastalltag, findet Alina Kühlwein. Als Harry Kern aus dem Sportteam 2011 mit seinem Rennrad am Kinderhospiz vorbeifuhr und einen kleinen Jungen im Rollstuhl sah, kam ihm die Idee für den Benefizlauf. Das Ziel von 1000 Euro wurde mit einer Spendensumme von 3000 Euro weit übertroffen. Seitdem findet der Lauf jedes Jahr statt. Sportleiter Kaiser hat sich mittlerweile unter die Läufer gemischt, um sie weiter zu motivieren. Auch Keno ist mit dabei, er möchte unbedingt sein Ziel erreichen.