Rhein-Pfalz Kreis Ein Stück Dorfkultur stirbt

Am Wochenende schließt das traditionsreiche Gasthaus Zur Sängerlust am Roxheimer Marktplatz. Das Wirts-Ehepaar Karin und Willi Vettermann geht schweren Herzens in den Ruhestand. Stolze 45 Jahre lang haben beide ihre Gaststätte mit dem angrenzenden Saal geführt. Etliche Vereine hatten hier über Jahrzehnte eine feste Bleibe. Am Sonntag, 22. Juni, hat die Sängerlust ein letztes Mal geöffnet.
„Es ist ein schwerer Schritt für uns – aber wir müssen an unsere Gesundheit denken – und sind ja nun beide auch nicht mehr die Jüngsten“, erklären Karin und Willi Vettermann. 1969 haben beide das Gasthaus mitten im Ortskern von Roxheim übernommen. Das Haus hat eine lange gastronomische Geschichte und wurde einst als Brauerei-Gasthof Jonas Geiser geführt. Später wurde das Frankenthaler Brauhaus Besitzer. Als die Vettermanns 1969 Einzug hielten, hatten sie fünf Jahre gastronomische Erfahrungen in Mutterstadt und Roxheim gesammelt. Hier führten beide auch kurzzeitig das Café Devigne in der Rheinstraße. „Unsere Zielgruppe waren zunächst mehr die jungen Leute – wir waren ja auch selbst noch jung“, erzählt der 72-jährige Willi Vettermann. In der Sängerlust traf sich die Roxheimer Dorfjugend. Hier konnte sie im Saal Tischfußball, Dart oder Billard spielen. In späteren Jahren vollzog die Sängerlust einen Wandel und avancierte zur gut bürgerlichen Gaststätte. Karin Vettermann galt immer als die gute Seele des Hauses und als hervorragende Köchin. Beigebracht hat sie sich das alles selbst. Von morgens bis abends auf den Beinen, hatte sie ihren Laden immer fest im Griff. „Das war nicht immer leicht – ich musste mich ja auch um unsere drei Kinder kümmern“, blickt sie zurück, „und mein Mann war im Fernverkehr beschäftigt, ging früh morgens vor vier Uhr schon aus dem Haus.“ Sie habe aber auch gute Freundinnen und ihre Kinder gehabt, die ihr viel geholfen hätten. Zu ihren Gästen hatten die Wirtsleute stets ein sehr persönliches Verhältnis. Viele, die in die Sängerlust kommen, sind seit Jahrzehnten treue Stammkunden. Etliche haben bereits das 80., ja sogar das 90. Lebensjahr überschritten. „Natürlich tut es uns gerade wegen unserer älteren Leute schon weh, diesen Schritt vollziehen zu müssen – aber wir können einfach nicht mehr“, sagt die 69-Jährige. Die Vettermanns haben das dörfliche Leben über Jahrzehnte maßgeblich mitgeprägt. 25 Jahre lang waren sie als Festwirte des großen Roxheimer Gondelfestes in Aktion. Die Roxheimer Kerwe haben sie gastronomisch noch länger betreut. Willi Vettermann war 2. Vorsitzender des Ortskartells, aktiver Fußballer bei der DJK und über 40 Jahre Schiedsrichter. Seit 33 Jahren ist er Vorsitzender des Sportkegelclubs Goldene Neun. Bis vor zwei Jahren war er im Arbeitskreis des RHEINPFALZ-Hallen-Fußball-Turniers in Frankenthal. Karin und Willi Vettermann waren in den vergangenen 50 Jahren nur zweimal in Urlaub. Karin Vettermann. „Wir waren zweimal in Elmau am Wilden Kaiser – das war alles.“ Im Ruhestand würde Karin Vettermann mit ihrem Willi mal gerne für ein paar Tage in den Odenwald oder in den Bayerischen Wald fahren. Auch ein neues Domizil haben beide schon. Die Vettermanns ziehen gleich um die Ecke, in die Raiffeisenstraße zu ihrem Sohn Heiko. Wie es mit der Sängerlust weitergeht, wissen beide noch nicht. Das Haus mit der Gaststätte und dem Saal habe man an einen Privatmann verkauft. Auch etliche Vereine müssen sich nun ein neues Domizil suchen. Jahrzehntelang war der Schachclub 1935 hier quasi zuhause. Dessen Vorstandsmitglied Daniel Voll sagt: „ Wir sind natürlich sehr traurig, die Sängerlust war für uns ein Stück Heimat. Wir haben uns hier immer sehr wohl gefühlt.“ Der Schachjugend würden „die Pommes von Karin Vettermann sehr fehlen“. Auch Werner Aufleger, der Vorsitzende des FCK-Fanclubs, weiß noch nicht so recht, wo und wie es weitergeht: „Es wird mir schwerfallen, all unsere Bilder, Pokale und Wimpel hier rauszutragen.“ Der Roxheimer Carnevalverein will in die Bobenheimer Jahnhalle wechseln. RCV-Präsident Michael Schmitt: „ Wir brauchen ja – je nach Art der Veranstaltung – größere und kleinere Räume.“ Am Mittwochabend bereits haben sich die Vereinsvertreter von Karin und Willi Vettermann verabschiedet. Auch Bürgermeister Michael Müller (SPD) dankte den engagierten Wirtsleuten. „Solche Menschen und eine solche Gaststätte sind für eine Gemeinde unersetzlich“, sagte Müller. Es sei betrüblich, dass nach der Schließung des Pfälzer Hofs und der Fröhlichen Pfalz nun auch die Ära der Sängerlust zu Ende gehe. Damit sterbe ein gutes Stück Dorfkultur. Im Rathaus und beim Gewerbeverein mache man sich Gedanken über diese Entwicklung. „Aber wir können natürlich niemanden dazu verdonnern, einen gastronomischen Betrieb zu eröffnen“, sagte Müller. (wek)