Rhein-Pfalz Kreis Ein Pilzlein hüpft im Walde ...

. Kann man den essen? Volker Westermann ist es gewohnt, dass man ihm Fragen stellt. Der 51-Jährige ist beim Forstamt Pfälzer Rheinauen für die forstliche Umweltbildung zuständig. „Essen können Sie ihn, aber er schmeckt nicht.“ Na toll. Aber wir lernen aus dieser Antwort: Nicht jeder Pilz, den man essen kann, schmeckt. Wie dieser Knopfstielige Rübling. Oder: Ein Pilz, der nicht schmeckt, muss nicht zwingend giftig sein. Getroffen haben wir den Rucksackschulen-Förster und seine Hündin Paula an der Dudenhofener Ganerbhalle. Wir sind nur wenige Meter gelaufen und schon mitten im Wald. Es ist ein grandioser Herbsttag. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir hier nicht einen leckeren Pilz finden würden. „Ich glaube ja, dass sie weghüpfen,“ sagt der Bildungsförster und grinst. Wir lernen schon wieder etwas: Pilze sind schwierig einzuordnen, sie bilden ein eigenes Reich in der Natur. Nachdem Pilze wegen ihrer sesshaften Lebensweise lange den Pflanzen zugeordnet wurden, gelten sie heute aufgrund ihrer physiologischen und genetischen Eigenschaften als etwas Eigenes und enger mit Tieren verwandt. Vielleicht hüpfen sie Pilzsammlern ja tatsächlich davon ... Da verhalten sich andere Früchte sammelfreundlicher: Bucheckern, Eicheln und Kastanien fallen Wanderern direkt vor die Füße. Und was ist ein Herbst in der Pfalz ohne Keschde in Suppe, Brot, Saumagen oder Eis? Ja, hier in der Region wird selbst die Edelkastanie noch kulinarisch veredelt. Die Früchte der Rotbuche und Eiche schaffen es bestenfalls in die Bastelecke. „Dabei gab es Zeiten, da haben sie uns Menschen ernährt“, erzählt Westermann. Aus ihnen lässt sich Speiseöl herstellen. „Das ist aufwendig, aber nach dem Krieg haben die Menschen genutzt, was sie finden konnten.“ Die dreieckigen Bucheckernfrüchte lassen sich außerdem zu Mehl malen. Geröstet als knackige Ergänzung auf grünem Salat sind sie heute noch ein Feinschmeckertipp. Eicheln machen Schweine fett. In Notzeiten haben sich aber auch Menschen die ovalen Früchte mit den Bitterstoffen nutzbar gemacht: Schälen, schneiden, rösten, aufbrühen – fertig ist der Eichelkaffee. Doch was haben wir denn da? Hier stehen ein paar Pilze, die vergessen haben davonzuhüpfen. „Die müssen nicht fliehen, die sind giftig“, sagt der Förster und buddelt einen vorsichtig aus, damit wir dieses Prachtexemplar von Knollenblätterpilz besser betrachten können. Wir lernen: Den niemals ins Sammelkörbchen legen! Die Pilze sind heute faul. Denn ein paar Schritte weiter treffen wir auf weitere, diesmal genießbare Ausführungen. Der Kiefernreizker gehört der Gattung der Milchlinge an und gilt als leckerer Speisepilz. Schneidet man ihn an, tritt karottenrote Milch aus. Der Kiefern- oder Edelreizker mag kalkreiche Böden und ist in der Nähe von Kiefern zu finden. „Er ist recht unbekannt, und das ist gut für alle, die ihn sammeln“, sagt Westermann. Pilze haben bestimmte Standorte. Den Sommersteinpilz finden Sammler an Eichen. Den edlen Herrensteinpilz an Fichten. Und Krause Glucken sitzen an Kiefern. „Sie sagen uns, der Baum ist faul“, erklärt der Förster. Die Krause Glucke oder Fette Henne ist eine parasitische Pilzart, sie dringt in den Baum ein und löst Braunfäule aus. „Der Gourmet jedoch freut sich, wenn er sie findet, denn sie gilt als Leckerbissen. Genauer gesagt: ihre Frucht.“ Wir lernen: Das, was wir sehen – Stiel und Schirm – ist der Fruchtkörper. Der eigentliche Pilz, das Lebewesen, ist ein Geflecht unter der Erde. Eigentlich ein Fakt, der gegen Westermanns Weghüpf-Theorie spricht. Der Förster lacht. Dann bildet er weiter: „Oft gehen Pilz und Baum eine Symbiose ein: Die Pilzwurzel umschließt die Baumwurzel, dadurch kann der Baum Wasser und Salze besser aufnehmen. Der Baum wiederum versorgt den Pilz zu bestimmten Zeiten mit Kohlenhydraten.“ Nicht nur zur Kastanien- und Pilzsaison dürfen Waldbesucher das Angebot nutzen. Im Frühling darf Bärlauch geerntet werden, im Frühsommer wachsen Heidelbeeren, im Spätsommer Holunderbeeren, im Herbst Hagebutten und Vogelbeeren, nach dem ersten Frost Schlehen. Und zur Weihnachtszeit hält der Wald Dekomaterial in Form von Zapfen, Tannen- und Mistelzweigen bereit. Kleine Korrektur: Tannen als tiefwurzelnde Bäume sind im Kreiswald mit seinen eher lockeren, sandigen Böden nicht so oft zu finden. Der Vorderpfälzer muss für sein Adventsgesteck also Fichten oder Kiefernzweige nehmen. Wer sich im Wald bedient, sollte es maßvoll tun. Als Faustregel gilt: Ich darf nur so viel mitnehmen, wie ich selbst nutzen kann. Wer Zweige oder Heidekraut sammelt, sollte die Pflanzen leben lassen, Bäume nicht kahl stellen. Oder mit Paragraf 23, Absatz 1, Landeswaldgesetz ausgedrückt: „Pilze, Beeren sowie Zweige, Blumen und Kräuter bis zur Menge eines Handstraußes dürfen nur für den persönlichen Bedarf entnommen werden. Ihre Entnahme hat pfleglich zu erfolgen.“ Der Industriemensch von heute nutzt den Wald aber lange nicht mehr so stark wie die Generationen zuvor. Das sei natürlich zum einen eine Frage des Wohlstands. „Vielen ist es aber auch unheimlich, etwas mitzunehmen, was einfach so da wächst“, sagt Volker Westermann. Es schade jedenfalls nicht zu wissen, was angeboten wird. „Über das Lernen entsteht Freude an der Natur – und Wertschätzung.“