Kriegsgeschichten
Ein Koffer mit Erinnerungen an den Vater
Der Vater von Doris Rittmann ist gefallen, als die 1941 geborene Lehrerin aus der Nordpfalz ein Baby war. Sie hat ihn in ihrer Kindheit nie vermisst. Erst als Erwachsene hatte sie das Gefühl, dass in ihrer Kindheit etwas gefehlt hat, und machte sich auf die Suche nach dem Grab des Vaters.
Die Kriegsjahre hat die 1941 geborene Doris Rittmann aus Birkenheide nicht bewusst wahrgenommen. „Erst so ab 1947 wird es dann ein bisschen klarer“, erzählt sie und kramt in einem alten Köfferchen, in dem sie viele Fotos, Briefe, Dokumente, die lederne Brieftasche ihres Vaters und dergleichen aufbewahrt. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt, aber sie hat nach seinem Grab gesucht und es gefunden.
Am 30. März 1941 wurde die heute 78-Jährige in Rockenhausen geboren, am 1. Mai musste Ihr Vater in den Krieg nach Stalingrad ziehen. Eigentlich hätte er als Beamter und Leiter eines Krankenhauses in Steinbach am Donnersberg, nicht einrücken müssen. „Wahrscheinlich lag es daran, dass er nicht dabei half, Juden herauszugeben“, vermutet Rittmann als Grund, warum er trotzdem eingezogen wurde. Ihre Mutter habe erzählt, er sei mal nach Hause gekommen, habe bitterlich geweint und gesagt, wenn das gut gehe, was er gesehen habe, dann gebe es keine Gerechtigkeit mehr.
An Weihnachten saß die Mutter weinend da
Otto Rittmanns Aufgabe im Krieg war es, kaputte Fernmeldeleitungen zu reparieren. Dabei wurde er am 19. Oktober 1942 durch einen Kopfschuss, etwa 30 Kilometer westlich von Stalingrad, verwundet. Er starb im Lazarett. Etwa eineinhalb Jahre war er im Krieg „unterwegs“, als Doris Rittmanns Mutter die Todesnachricht erhielt.
„Wir haben das Leben so genommen wie es kam, vermisst haben wir nichts“, erinnert sich die 78-Jährige. Aber an Weihnachten habe ihre Mutter immer weinend im schwarzen Kleid dagesessen und geschluchzt: „Wenn's doch bloß kein Weihnachten mehr gäb!“ Das habe sie nicht verstanden, sagt Doris Rittmann. „Ich habe meinen Vater überhaupt nicht vermisst, kannte nur das Verhältnis Mutter und Tochter“, blickt sie zurück. „Da gab es in der Nachbarschaft Familien, da haben die Mütter, wenn die Kinder was angestellt hatten, gesagt, wart nur, wenn der Vater am Abend heimkommt, da ist was los, da hab ich bei mir gedacht, bin ich froh, dass ich keinen Vater habe“, erinnert sich Rittmann.
Im Schrank hing weiterhin die Kleidung des Vaters
Was sie versäumt habe, sei ihr erst viel später klar geworden. Nicht nur, dass sie keinen Vater hatte, es sei auch der Stellenwert in der Gesellschaft gewesen. Sie war nur die Halbwaise, die Kriegswaise, und die Mutter war die Kriegswitwe. 300 Mark bekamen sie zusammen als Rente, der Vater hatte nicht viel verdient gehabt.
Rittmann kramt in dem Köfferchen aus Kriegstagen und holt ein paar Fotos heraus: „Auch wenn ich meinen Vater nie vermisst hatte, er war immer irgendwie bei mir, ist mit mir durchs Leben gegangen“. Sie denkt daran, wie sie oft an den Schrank gegangen ist, in dem seine Anzüge und dergleichen hingen, auf dem Boden des Schrankes standen die Schuhe feinsäuberlich nebeneinander gestellt. Die Empfindungen, die sie dabei hatte, kann sie nicht mehr nachvollziehen. „Ich konnte mir keine Vorstellung von ihm machen, trotz der Fotos und trotz der Berichte meiner Mutter“, sagt Doris Rittmann.
Eines der Fotos habe sie besonders berührt. Sie hat es vergrößern und einrahmen lassen und in ihr Esszimmer gehängt. Das Bild zeigt ihren Vater vor einer Unterkunft südlich von Kiew mit einem kleinen Russenkind. Auf der Rückseite des Originals steht „Mirko kommt bei mir Zuckerchen holen“. Rittmann sieht darin die Darstellung des „Vaterseins“. „Vater ist als Soldat in den Wirren des Krieges Mensch geblieben. Das gab es auch in dem unsinnigen Krieg: Völkerverbindung zwischen Russen und Deutschen“, so Rittmann.
Reise an den Ort, an dem der Vater gefallen ist
Später, als die „typische Nordpfälzerin“, wie sie sich selbst bezeichnet, als Lehrerin tätig war, bekam sie Kontakte zu alleinerziehenden Müttern und wurde teilweise mit deren Problemen konfrontiert. Da sei ihr bewusst geworden, was sie in ihrer Kindheit als Tochter einer Alleinerziehenden ohne Vater versäumt hatte. In ihr sei der Wunsch erwacht, zu wissen, wo ihr Vater beerdigt ist. Sie trat in den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Kassel ein und erhielt 1998 eine Einladung zu einem Flug nach Wolgograd, westlich von Stalingrad. In dem Ort Rossoschka gibt es eine Sammelstelle, in der die Gebeine von mehr als hunderttausend deutschen Gefallenen aus den im Umkreis von etwa 30 bis 40 Kilometern liegenden Soldatenfriedhöfen verwahrt werden. Es sei eine siloähnliche Gedenkstätte, in der die menschlichen Überreste registriert sind und in Kartons verpackt wurden. An der Außenwand des Rundbaus seien sämtliche Namen der Gefallenen notiert. Sie habe den Namen ihres Vaters entdeckt, „aber da wurde mir klar, ich konnte wieder nicht zu ihm. Ich hatte mir einen richtigen Friedhof mit Kreuzen und so vorgestellt“, sagt Rittmann.
Bei einem weiteren Russlandbesuch fuhr sie in den Ort Novirogatschik, in dem ihr Vater gefallen und auf dem Soldatenfriedhof bestattet worden war. Der Bürgermeister von Wolgograd habe ein Taxi gerufen, das sie zu dem Friedhof gebracht habe, dabei sei sie von zwei Polizisten auf Motorrädern begleitet worden. Sie habe ein ungepflegtes Areal mit vielen Kuhlen, in denen die Soldaten früher bestattet waren, vorgefunden. Auch die ehemalige Grabstätte ihres Vaters entdeckte sie. „Ganz zufrieden hat mich das nicht gemacht, aber ich wusste dann wenigstens, da war er bestattet, da hat er gelegen“, sagt Rittmann.
Geschichten gesucht
Der Zweite Weltkrieg hat in vielen Gemeinden ein Bild der Verwüstung hinterlassen. Über 60 Millionen Menschen starben. Das darf sich nicht wiederholen. Darum wollen wir, dass das nicht vergessen wird und möchten in unserer Serie Ihre „Kriegsgeschichten“ erzählen. Möchten auch Sie uns Ihre Erlebnisse rund um die Kriegsjahre schildern, dann schreiben Sie uns eine E-Mail an marktlud@rheinpfalz.de oder an Die RHEINPFALZ, „Marktplatz regional“, Amtsstraße 5-11, 67059 Ludwigshafen.