Mutterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Ein großes Naturschauspiel ist so ein naturnaher Garten

Wo einst ein alter Schuppen stand, ist nun eine überdachte Freifläche samt Liegewiese. Auf der genießt Ursula Groß ihren Garten.
Wo einst ein alter Schuppen stand, ist nun eine überdachte Freifläche samt Liegewiese. Auf der genießt Ursula Groß ihren Garten.

Über 1000 Quadratmeter hat Ursula Groß aus Mutterstadt der Natur zurück geschenkt – und das mitten im Ort. Ihr naturnaher Garten ist preisgekrönt.

Man mag es kaum glauben, wenn man vor dem Tor von Ursula Groß’ Anwesen in der Ludwigshafener Straße steht. Es ist eine der Hauptverkehrsadern in Mutterstadt. Schreitet man durch das Tor, eröffnet sich eine große, naturbelassene Wiese. Und nicht nur das. Hier ein Steinhaufen, dort Baumstämme zu einem Berg aufgehäuft und an anderer Stelle Kleinholz. Und das sind nur die Dinge, die einem auf dem ersten Blick auffallen. Am Tag unseres Besuchs ist es regnerisch, es duftet herrlich nach Kräutern und feuchtem Holz.

Ursula Groß hat beim Wettbewerb „Naturnahe Gärten“ des Rhein-Pfalz-Kreises den zweiten Platz belegt. Zurecht, möchte man sofort selbst urteilen, so beeindruckend ist ihre Wiese. Das Areal ist verwinkelt und groß und hat eine Geschichte. Nicht nur, dass Ursula Groß hier aufgewachsen und – mit Ausnahme von ein paar Jahren – schon immer hier gelebt hat, hier atmet auch Mutterstadter Historie. Ihre Urgroßeltern betrieben Anfang des 20. Jahrhunderts an dieser Stelle eine Essigfabrik und Branntwein-Brennerei. Zu der gehörte eine große Scheune, die vor etwa 14 Jahren abgerissen wurde. Mit den Gärten und Flächen hinter der Scheune erstreckt sich nun die etwa 1000 Quadratmeter große Grünfläche, die fast ausschließlich der Natur überlassen wird. Und das sei ein großes Schauspiel, schwärmt die 73-Jährige: „Es gibt immer etwas zu entdecken, und das fast täglich.“

Erst einmal Unkraut jäten

Nach dem Abriss der Scheune hat Ursula Groß die Fläche die ersten Jahre wirklich nur sich selbst überlassen. „Das war eigentlich auch ganz schön“, sagt sie. Dann habe sie einen Bericht in einer Zeitung gelesen, wie man Blühwiesen anlegen kann. Davon inspiriert, machte sie sich ans Werk und kaufte entsprechende Samen. Doch diesen einfach auf die Wiese verteilen – so simpel war es dann doch nicht. „Zuvor mussten die vielen, weit verwurzelten Unkräuter entfernt werden, damit die anderen Pflanzen überhaupt eine Chance haben“, erinnert sie sich. Für diese große Fläche sei das ein enormer Aufwand gewesen. Darum habe sich die Seniorin professionelle Unterstützung geholt: unter anderem die Diplom-Biologin Christiane Brell aus Dudenhofen. Sie ist auch Vorsitzende des Naturschutzbeirats des Rhein-Pfalz-Kreises und hat Ursula Groß überhaupt ermutigt, beim Wettbewerb mitzumachen.

Mit dem Wunsch nach einer naturnahen Fläche musste auch der Untergrund vorbereitet werden. Blühwiesen wachsen auf mageren, nährstoffarmen Böden. „Nach dem Scheunenabriss hatte ich den Untergrund mit Muttererde auffüllen lassen; das war genau falsch“, erinnert sich Ursula Groß. So musste der Boden mit Sand „abgemagert“ werden, dann wurde endlich die Wildblumenwiesen-Mischung gesät.

Auch wenn so eine naturnahe Wiese an sich keine Arbeit macht, so ganz „unbehandelt“ könne sie nicht bleiben, vor allem nicht in den ersten Jahren. So müssen Pflanzen entfernt werden, die stark wurzeln und andere verdrängen. An manchen Stellen, etwa bei der Wildrosen-Hecke, und bei extrem trockener Hitze muss schon mal gegossen werden. Und: Zweimal im Jahr wird gemäht, jedoch auf schonende Art und Weise mit einer sogenannten Staffelmahd. Dazu wird nicht die komplette Wiese gemäht, sondern einzelne Bereiche in Abständen von mehreren Wochen, um die Tierwelt und Artenvielfalt zu schonen.

Vom Garten-Pionier gelernt

Die Natur, die Pflanzen und Artenvielfalt – das hat Ursula Groß, die in ihrem Berufsleben Lebensmittel-Chemikerin war, schon seit vielen Jahren fasziniert. Ursprünglich standen in den Gärten hinter der Branntwein-Brennerei viele Obstbäume. „Hier habe ich viel Zeit mit meinem Opa verbracht, bin den Heuschrecken und Schmetterlingen hinterhergesprungen, daran habe ich schöne Erinnerungen“, erzählt sie. Ihr Wissen über naturnahe Wiesen eignete sie sich auch mit den Büchern von Reinhard Witt an. Der Biologe und Journalist ist einer der Pioniere des naturnahen Gärtnerns in Deutschland und langjähriger Präsident des deutschlandweit agierenden Vereins NaturGarten.

Wenn Ursula Groß heute über ihre Wiese läuft, zeigt sie mal hierhin und mal dorthin. Zu jeder Ecke, jeder Pflanze kann sie etwas erzählen. Ihr Wohnhaus ist ein Mehrfamilienhaus – und das schon seit vielen Jahrzehnten. So haben nicht nur ihre Vorfahren ihre Spuren hier hinterlassen, sondern auch viele Mieter. Neben der Wiese stehen Bäume, die mitunter schon ihre Großeltern gepflanzt haben, wie etwa ein riesiger, fast fünf Meter hoher Buchsbaum, eine Thuja oder auch die große Feige, die ein Mieter eingepflanzt hat. In diesem schattigen Bereich hat sich Ursula Groß auch eine wunderschöne Liegefläche bauen lassen, wo einst ein alter Schuppen stand. Die Überdachung blieb. Und ein paar Meter weiter steht ein Tisch mit Stühlen, ebenfalls schattig überdacht. Hier lässt es sich an heißen Tagen gut aushalten – alleine oder auch mit guten Freunden. Meist hält es sie aber nicht lange auf der Liege. Viel lieber spaziert sie durch ihren Garten, zupft mal hier und zupft mal da und lauscht und beobachtet die Vögel – für sie hängen Futterstationen in den Bäumen.

Naschen erlaubt!

Dank der durchdachten Planung der Biologin Christiane Brell würde auch immer etwas blühen. Vom Frühjahr bis zum Spätjahr hat Ursula Groß Farbtupfer auf ihrer Wiese. Und das Wunderbare an so einem riesigen Areal ist, dass man viele Platz zum Ausprobieren hat. So wachsen in einem Eck Ringelblumen, Bartnelken, Gartenzinnie, Gelber Sonnenhut und Co. aus einer Max-Liebermann-Samenkugel, die ihr ihre Tochter aus Berlin mitgebracht hat. An einer anderen Stelle wächst in einem Pflanzkübel die historische Sorte einer Kapuzinerkresse, nebenan ranken Rosenstöcke, die schon über 20 Jahre alt sind. Und ganz im Eck thront ein beeindruckend großer Gelber Blasenstrauch, dessen Früchte tatsächlich aussehen wie dicke, längliche Blasen am Stiel.

Extraflächen für Obst und Gemüse wie in einem klassischen Garten findet man hier nicht. Doch der kleine Hunger kann durchaus gestillt werden: Ein alter Johannisbeerstrauch trägt schon Früchte, wilde Erdbeeren wachsen zwischen alten Steinstufen – die Himbeeren und Kornelkirschen brauchen noch etwas Zeit. Hier wird auch so manch kleines Krabbeltier satt. In einem Aushub fühlen sich Sandbienen und unmittelbar daneben eine kleine Eidechse wohl. „Die habe ich erst gar nicht erkannt, so gut war sie an die Bodenfarbe angepasst“, erzählt sie.

Raub des „Karottenfressers“

Der Totholz- und der Reisighaufen sind Lebensräume für allerlei Insekten, aber auch für Nagetiere und Igel. „Einmal lebte hier auch eine Igel-Mama mit ihren zwei Igel-Babys. Das war vielleicht eine Freude!“ Doch mit so manchem Kleingetier hadert Ursula Groß, etwa mit Schnecken. „Die fühlen sich hier ein bisschen zu wohl“, sagt sie und setzt ein beeindruckendes Exemplar um, das sich eben ein Blütenblatt schmecken lässt. Eine andere hat sich über den Kopf eines Steinfroschs geschleimt – einst hat er Wasser für ein längst verschwundenes Wasserbassin gespeit.

Er ist nicht die einzige Skulptur. Eine sitzende Schönheit, gezeichnet von unzähligen Sommern und Wintern, sitzt auf einem Mauerrand. Ursula Groß zeigt auf einen großen Baum: „Unter diesen stand einst der Karottenfresser.“ Karottenfresser? „Ja“, erzählt sie. Er sei vor vielen Jahren Opfer eines „Kunstraubs“ geworden. Wie bitte? Das schwergewichtige und mannshohe Geschenk eines Künstlers sei von Dieben tatsächlich aus dem Garten gehievt worden. „Er spielte Querflöte, doch bei uns Kindern war das nur der Karottenfresser, weil es so aussah, als würde er eine Karotte essen“, sagt sie und lacht.

Echte Karotten wachsen in Ursula Groß’ Garten nicht, dafür aber unzählige Kräuter. Und aus diesen kreiert sie am liebsten ein deftiges Wildkräuter-Pesto. Dazu ein selbst gebackenes Brot, mehr braucht sie manchmal nicht, wenn sie in ihrem Garten sitzt – mitten in der Natur. „Was kann es Schöneres geben!?“

Schnecken finden im naturnahen Garten immer etwas zum Fressen.
Schnecken finden im naturnahen Garten immer etwas zum Fressen.
Blühende Farbtupfer gibt es fast das ganze Jahr.
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Einst speite der Frosch Wasser für ein Bassin.
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Besonders üppig ist der Wildrosen-Busch in Ursula Groß’ Garten.
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Von Bienen umschwärmt sind die vielen wilden Kräuter und Blumen.
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Das Pesto aus Wildkräutern von der Wiese schmeckt köstlich.
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