Rhein-Pfalz Kreis Eiertänze im Kreiswald

Placeholder-Image
Ludwigshafen

. Etwa 1,2 Festmeter Holz pro Jahr benötigt ein Bundesbürger im Durchschnitt. Anders ausgedrückt: Jeder von uns braucht einen neun Meter langen Stamm mit einem Durchmesser von 40 Zentimetern. Holz ist aber nicht nur Papier oder Brennstoff. Holz ist trendy. Heißt: Holz finden alle gut. Es ist umweltfreundlich, ein nachwachsender Rohstoff und von Schadstoffen unbelastet. „Holzmöbel und Holzfußböden sind ein Zeichen besonderer Lebensqualität“, sagt Ernst Christian Driedger. Paradox findet der Förster deshalb, dass das Geschrei groß ist, sobald Harvester und Forwarder in den Wald fahren, die Holzernte beginnt. „Dass Menschen schimpfen, sobald ein Baum gefällt wird, ist ein Trend, der sich in den letzten zehn Jahren herausgebildet hat.“ Der Schifferstadter beobachtet, dass viele Spaziergänger und Naturfreunde „Holz gewinnen“ mit „Wald zerstören“ gleichsetzen. Er vergleicht die Situation mit dem Bau von Windkraftanlagen: „Erneuerbare Energie ja, aber bitte kein Windrad vor unserer Haustür.“ Holz ja, aber bitte keinen Baum fällen im Mutterstadter oder Schifferstadter Wald – das ist nicht nur paradox. Das ist nicht nur egoistisch. Das ist streng genommen sogar ein Wald zerstörender Wunsch. Denn Wald muss – zumindest ab und zu – durchforstet, mancher Baum gefällt werden, damit andere wachsen können. „Was gerne vergessen wird: Selbst die alten beeindruckenden Wälder mit ihren urigen Bäumen sind ein Ergebnis der Arbeit vieler Förstergenerationen: Kleine Pflanzen auf großer Kahlfläche gepflanzt und dann immer wieder gepäppelt, gepflegt und später durchforstet, damit die Baumkronen genügend Platz haben.“ Bäume werden auch gefällt, weil sie alt, krank oder bruchgefährdet sind. Weil sie Spaziergängern auf den Kopf fallen könnten. Und Bäume werden gefällt, damit Geld verdient wird, das in den Wald investiert wird. Ja, mit dem Wald erhalten wird. „Die Gemeinden im Kreis, die mit 3500 Hektar den größten Waldanteil halten, sind waldfreundlich.“ Der Förster wird konkreter: „Sie sind zufrieden, wenn wir so arbeiten, dass unterm Strich eine schwarze Null herauskommt beziehungsweise der Zuschussbedarf sich in Grenzen hält.“ Im Rhein-Pfalz-Kreis finden Holzerntearbeiten jährlich auf nur zehn Prozent der Waldfläche statt. Es wird weniger Holz eingeschlagen als nachwächst. Doch die Wahrnehmung ist eine andere: Denn Bäume wachsen still und leise. Das bekommt niemand mit. Die Holzernte jedoch macht Krach. Und hinterher sieht es nicht schön aus. Waldwege können matschig sein. Das gibt Driedger unumwunden zu. Es sagt aber auch: „Das stört weniger die Natur als vielmehr die Waldbesucher, die Ruhe suchen.“ Dass sie verstehen, was im Wald passiert, ist dem Förster wichtig. Und deshalb versucht er, Zusammenhänge zu erklären. Ein Beispiel: Der Mutterstadter Wald ist fast ausschließlich Wasserschutzgebiet. Er ist Landschaftsschutzgebiet. Der Mutterstadter Wald ist Erholungswald. Er ist Nutzwald. Und nichts davon schließt sich aus: Denn auch wenn das Gebiet für die Trinkwasserversorgung in der Region eine wichtige Rolle spielt, darf darin gewandert werden. Auch wenn in dem Wald Pflanzen, Vögel und andere Tiere geschützt werden, dürfen Waldarbeiter Bäume fällen. „Wald hat eine Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion. Wir Förster haben darauf zu achten, dass das Zusammenspiel funktioniert. Auch wenn wir manchen Eiertanz austragen müssen, um zwischen den verschiedenen Interessen abzuwägen.“ Konflikte entstehen jedoch nicht nur, wenn das Waldparadies von bäumemordenden Maschinen heimgesucht wird. Waldwert lässt sich auch nicht allein aufgrund seines Holzvorrats und seiner Holznutzungsmöglichkeiten berechnen. Waldwert ist größer. Die gesellschaftliche Bedeutung des Waldes ist immens. Vielen Menschen nutzt der Wald, ohne dass ihnen das bewusst ist. Und viele Menschen nutzen den Wald zu ihrem Vergnügen, zur Freude. Und da Vergnügen und Freude unterschiedlich interpretiert werden können, entsteht Stress auch zwischen den unterschiedlichen Waldbesuchern. Wieder nimmt Driedger den Mutterstadter Wald, um ein plastisches Beispiel zu geben: „Mit seinen rund 130 Hektar Waldfläche ist er für die Gemeinden Mutterstadt und Limburgerhof der Wald vor der Haustür. Das bedeutet statistisch pro Kopf eine Waldfläche von 56 Quadratmetern. Täglich besuchen Hunderte von Menschen diesen Wald.“ Einer Umfrage zufolge treiben 35 Prozent Sport, 45 Prozent führen ihren Hund aus und 20 Prozent wollen sich einfach erholen. Driedger: „Kein Wunder, wenn es auf dieser kleinen Fläche zu Konflikten kommt.“ Dazu kommen Missverständnisse, die Ernst Christian Driedger und seine Kollegen ausräumen müssen. „Viele glauben, dass die Auszeichnung zum Landschafts-, FFH- oder Naturschutzgebiet bedeutet, es darf darin nicht gearbeitet werden. Das stimmt nicht. Ich muss auch eine Wiese mähen, die unter Naturschutz steht, sonst geht sie verloren.“ Damit Förster und Waldarbeiter den Überblick über die Schutzaufgaben behalten und darüber, wo der Wald wem nützen soll, werden die Waldfunktionen in eine Karte eingetragen. Das passiert spätestens bei jeder Zehn-Jahres-Planung. In den Forstbetriebsplänen werden Driedger zufolge auch Ziele festgesteckt: Wo altersmorsche Bäume zur Freude von Specht und Hirschkäfer stehen bleiben dürfen. Wo junge Bäume nachgepflanzt werden. Und wo Holz geschlagen wird. Oder geschlagen werden muss. „Denn eines ist sicher – weder aus Zerstörungswut noch aus Lust am Leuteärgern fahren unsere Waldarbeiter mit Harvester und Forwarder durch den Wald.“

x