Land und Leute RHEINPFALZ Plus Artikel Die Wochenendkolumne: Von Öko und Dichterinnen

Es grünt so grün ...
Es grünt so grün ...

Was den Rhein-Pfalz-Kreis in dieser Woche bewegt hat. Abseitiges, Skurriles und nicht ganz ernst Gemeintes aus den Dörfern.

Örtlich ökologisch

Ob das gut geht? Wir haben gerade mal einen Suchlauf durch unser Archiv gestartet. Mindestens! Mindestens jeder zweite Artikel über Rödersheim-Gronau handelt davon, wie das Dorf noch natürlicher werden kann. Es geht um das Anlegen von Ökoflächen, Blühstreifen, Streuobst- und Blumenwiesen. Artenreiche Wiesen sollen entstehen, auf denen sich Biene, Fliege, Falter und Käfer, aber auch Maus, Igel, Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Und guten Morgen. Es wird Holz gestapelt und Totholz gehäuft, es werden Lebenstürme errichtet, Nisthilfen aufgehängt, Sandarien gefüllt. Die Wege sind aus Gras. Die Beete voller Stauden. Die Blumen voller Bienen, Der Himmel voller Geigen. Äh Vögel. Und und und.

Ob das gut geht? Wir glauben nicht. Es kann nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich die Natur das kleine Dorf am Rande des Rhein-Pfalz-Kreises schnappt. Ja, bis sie es mit ihren grünen Armen umschlingt. Und verschlingt. Unter dem tosenden Applaus aneinanderschlagender Fledermausflügel und dem ohrenbetäubenden Gebrumm Tausender Wildbienen. Vogelgeschrei erfüllt die Luft. Schlangen, Spinnen und anderes Kriechgetier erobert die Häuser. Zwei, drei, vier, fünf Lebenstürme sind ihnen nicht mehr genug.

Wenn dann der letzte sture Rödersheim-Gronauer, der Heim und Hof nicht wuchernden Stauden und kletternden Ranken kampflos überlassen wollte, von mit Macheten bewaffneten Spezialkräften gerettet ist und der Rhein-Pfalz-Kreis ein Dorf weniger zählt, wird die Frage gestellt werden: Wie konnte es soweit kommen? Heimatlose Ortspolitiker, die sich heute noch darüber streiten, wer mehr für die Natur im Örtchen macht, schauen dann wohl schuldbewusst zu Boden und murmeln: Das haben wir nicht gewollt.

Pälzisch poetisch

Da fährt man mehr als 100 Kilometer, um in Baden-Baden einen wunderschönen Abend zu verbringen. Gutes Essen, Poetry Slam, Weihnachtsgeschenk. Wie schön, dass die Veranstaltung nicht ausfällt, Corona macht eben nicht alles zunichte. Das Theater, ein Prachtbau an der Lichtentaler Allee, auf der kulturellen Meile der Kurstadt gelegen. Eines der ältesten noch bespielten Theater Deutschlands, 1862 auf Initiative des Spielbankpächters Edouard Bénazet erbaut, klassizistische Außenfassade, französischer Rokokostil im Inneren. Und als der Moderator, der sich Phriedrich Chiller nennt, die Kontrahenten des Slams ankündigt, schleicht sich ein Lächeln aufs Gesicht, das auch die dickste Maske nicht verdecken könnte. 100 Kilometer Anfahrt – und wer steht auf der Bühne? Edith Brünnler. Aus Ludwigshafen-Edigheim. Mundartautorin. Jahrgang 1953, geboren im Hemshof. Bestens bekannt von ihren Auftritten im Schifferstadter Schreiwer Hais’l. Zugegeben, und ohne es despektierlich zu meinen, mit der mehrmaligen Preisträgerin des Mundartwettbewerbs Dannstadter Höhe war nun wirklich nicht zu rechnen. Inmitten der aufstrebenden wie etablierten Slammer. Aber sie ist ein Teil der Poetry-Szene, dieser eher jugendlichen Kunst-Kultur. Er habe schon oft versucht, sie für einen Auftritt zu bekommen, sagt Moderator Chiller. Nun hat es endlich geklappt. Ob die Zuschauer im badischen Ausland sie überhaupt verstehen würden, wenn sie Pälzisch babbelt, habe Brünnler zuvor wissen wollen. Keine Frage, und ob sie das tun. Sie johlen im leider nicht ausverkauften Saal, wenn die Grande Dame des Pfalz-Raps loslegt. Sich langsam steigert. Der Rhythmus des Mundart-Sprechgesangs passt, die Pointen ebenso. Die Geschichten sind aus dem Leben gegriffen, der Applaus, entscheidend über Ausscheiden oder Weiterkommen, ist laut und lang. Der Finaleinzug ist ihr sicher, auch wenn es in der Endrunde der besten Drei nicht ganz reicht, um letztlich den Silbernen Löffel zu gewinnen. Ob Zweiter oder Dritter ist da einerlei, gegen den Mainzer Wort-Akrobaten Artem Zolotarov mit seinen lyrischen Ausführungen ist an diesem Abend nichts zu holen. Das macht nichts, denn Edith Brünnler hat das ehrwürdige Haus in Baden-Baden im Sturm erobert. Und wir freuen uns – und überlegen. Ein echter Poetry Slam im Schreiwer Hais’l, das wäre doch mal was.

Ein schönes Wochenende wünschen Britta Enzenauer und Sven Wenzel

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