Baum des Jahres RHEINPFALZ Plus Artikel Die Mehlbeere: Ein Baum für die Zukunft

Im Herbst leuchten sie: Vor allem bei Vögeln und Insekten sind die Früchte der Mehlbeere beliebt.
Im Herbst leuchten sie: Vor allem bei Vögeln und Insekten sind die Früchte der Mehlbeere beliebt.

Die Mehlbeere ist kein mächtiger Baum, aber sie hat es trotzdem geschafft, zum „Baum des Jahres“ gekürt zu werden. Dafür gibt es einen guten Grund: Sie kommt mit Trockenheit und Hitze gut zurecht – und damit in der Zukunft.

Heiß und trocken können die Sommer in der Vorderpfalz sein. „Wir werden Extreme immer öfter erleben“, sagt Volker Westermann. Der Bildungsförster vom Forstamt Pfälzer Rheinauen stellt uns den „Baum des Jahres“ vor. Es ist die Mehlbeere. Ein Baum, der nicht besonders groß und stattlich wird, dafür aber mit trockenen und heißen Perioden gut zurecht kommt. Die Wahl trifft jedes Jahr die Dr.-Silvius-Wodarz-Stiftung. „Und es war eine kluge Wahl, diesen Baum zu küren“, findet Westermann. „Eben wegen der Klimatauglichkeit der Mehlbeere. Somit wird sie tendenziell auch in Zukunft noch in unseren Wäldern und Städten zu finden sein. Dass sie zudem Frost gut verträgt, ist ein weiteres Plus für die Baumart.“ Wer eine Mehlbeere im Rhein-Pfalz-Kreis sehen will, findet unter anderem ein Exemplar in Dudenhofen am Barfußpfad. Noch sind Mehlbeeren jedoch eher eine Randbaumart. Insbesondere auf Pionierstandorten, also etwa dort, wo sich der Wald im Zuge des Klimawandels auflöst, beginnt mit der Mehlbeere ein neuer Wald zu wachsen.

Weiße Blüten im Mai

Zurzeit wird sie nicht groß auffallen, ab Mitte März jedoch öffnen sich ihre großen, klebrigen, braun und grün changierenden Knospen, und die gänzlich von dichtem silbergrauen Haarfilz bedeckten Triebe treten zutage. Ab Mitte Mai – bei kühlerem Wetter auch später – beginnt die Mehlbeere zu blühen mit weißen, leicht cremefarbigen Blüten. „Es sind doldenartige Blütenstände, die weißen Tupfen machen sich gut zu den dunkelgrünen Blattoberseiten“, sagt Westermann. Im Herbst, so etwa ab September, sind dann die ersten sattroten Beeren, die dem Baum wohl unter anderem seinen Namen geben, zu entdecken.

Mehlbeere klingt zunächst mal nicht so lecker, und in der Tat sind die rundlich-ovalen Früchte unserem Bildungsförster zufolge kein besonderer Genuss. „Sie schmecken wie sie heißen: mehlig und eher langweilig.“ Nach dem ersten Frost allerdings ist laut der Dr.-Silvius-Wodarz-Stiftung der Gehalt an Gerbstoffen verringert, und es kommt eine gewisse Süße durch, sodass der Saft der Früchte zumindest als Beimischung zu anderen Obstsäften, Marmeladen und Gelees infrage kommt. Auch Essig oder Branntwein lässt sich nach Zugabe von Zucker aus den Früchten gewinnen. Vorsicht: Die beiden kleinen Kerne pro Frucht gelten zwar nicht als giftig, aber eher unbekömmlich und können Brechreiz verursachen.

„Für die Ernährung der Menschen hatte die Mehlbeere früher trotzdem eine durchaus wichtige Bedeutung“, berichtet der Bildungsförster. „Und von daher gibt es noch eine andere Erklärung für ihren Namen. Man hat die Früchte nämlich gemahlen und dem Mehl zugesetzt. Man hat das Mehl also gestreckt. In Hungerwintern früherer Jahrhunderte waren solche Pflanzen wie die Mehlbeere überlebenswichtig.“

157 Insekten stehen drauf

Während wir Menschen – heute kulinarisch eher verwöhnt – lieber Him- und Brombeeren sammeln, gibt es eine ganze Schar Vögel und Insekten, die voll auf die Früchte der Mehlbeere stehen. „Das macht sie so ökologisch wertvoll“, nennt Westermann einen weiteren Grund, warum die Mehlbeere den Titel „Baum des Jahres“ verdient. Bei Untersuchungen in England seien 18 Vogelarten beim Verzehr der Beeren gezählt worden. Zudem konnten Forscher 157 pflanzenfressende Insekten- und Milbenarten an Mehlbeeren feststellen. „Das finde ich schon sehr beeindruckend“, sagt der Förster. Bei uns seien es vor allem Drosseln, aber auch Dompfaffen und Rotkehlchen, die sich über die roten Beeren hermachen und zur Verbreitung dieses Baumes beitragen. Auch Mäuse, Wildschweine und andere Säugetiere können den Beeren etwas abgewinnen. Allerdings müssen nicht auf Bäume kletternde Arten abwarten, ob ihnen die Vögel etwas von dem Beerenschmaus übrig lassen. Die Fruchtstände sind Wintersteher, die erst nach und nach im darauffolgenden Jahr abfallen.

In der Holzverarbeitung spielt die Mehlbeere nur eine untergeordnete Rolle. Es fällt in der Forstpraxis bislang auch nicht allzu viel Holz von ihr an. „Aber es ist ausgesprochen hart und zäh. Es ist für Fassdauben und Werkzeugstiele sehr gut geeignet“, sagt Westermann. Mehlbeeren sind (noch) Raritäten. Aber bei zunehmend wärmeren und trockeneren Sommern wird man sie wohl öfter sehen, zumal sie sich Experten zufolge dann auch als Stadtbäume gut machen. „Dass die Wahl zum Baum des Jahres den Blick auf diese Baumart wirft, war eine äußerst kluge Entscheidung“, sagt Förster Volker Westermann. „Hoffentlich führt das zu einer dauerhaft stärkeren Berücksichtigung der Baumart bei der Neuanlage von Wald. Zum Beispiel im Waldrandbereich.“

Die Serie

In „Mal im Rampenlicht“ stellen wir Pilz, Baum, Vogel, Tier, Insekt, Heilpflanze und die „Natur“ des Jahres 2024 vor. Seit 1989 ruft die Dr.-Silvius-Wodarz-Stiftung den Baum des Jahres aus. Stand 2023 die Moorbirke im Fokus, die bei uns nicht wächst, ist es heuer die Mehlbeere, die den Klimawandel gut begleiten könnte.

Schön anzusehen sind die Blüten der Mehlbeere, die etwa ab Mitte Mai zu sehen sind.
Schön anzusehen sind die Blüten der Mehlbeere, die etwa ab Mitte Mai zu sehen sind.
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