Mutterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Die Heller-Geschwister: Familie im XXL-Format

Es ist nicht einfach, die Heller-Geschwister alle auf ein Bild zu bekommen. Wenn es gelingt, kommen mittlerweile stolze 890 Lebe
Es ist nicht einfach, die Heller-Geschwister alle auf ein Bild zu bekommen. Wenn es gelingt, kommen mittlerweile stolze 890 Lebensjahre zusammen. Die Hellers gehören zu den wenigen Großfamilien in Mutterstadt.

Elf Senioren verbindet etwas: Die 71- bis 90-Jährigen sind Geschwister und noch recht fit. Seit dem 18. Mai, an dem Bruder Wolfgang 81 wurde, zählen sie zusammen 890 Jahre. Im Kreis wohl am bekanntesten ist Konrad Heller. Der 79-jährige Mutterstadter ist das siebte Kind einer Familie mit wahrhafter Größe und interessanter Vergangenheit.

Mitte des 20. Jahrhunderts gab es in Mutterstadt fünf Großfamilien, also mit zehn und mehr Kindern im Haushalt. Am Mandelgraben lebte Familie Schantz mit 14 Kindern, In der Stolzgewann Familie Reber mit zwölf Kindern, in der Luisenstraße Familie Hinderberger mit elf Kindern und in der Unteren Kirchstraße Familie Bähr mit zehn Kindern. Leider mussten die meisten Familien schon früh Abschied von einigen ihrer Kinder nehmen. Nicht so das Ehepaar Eugen (Jahrgang 1904) und Luise Heller (Jahrgang 1906, geborene Magin). All ihre zwischen 1930 und 1948 geborenen Kinder sind noch am Leben: Die älteste Tochter Anneliese feierte im Januar ihren 90. Geburtstag und Sohn Konrad ist der ehemalige Erste Beigeordnete der Gemeinde und Kreisbeigeordnete.

1928 heirateten Eugen und Luise Heller. Das Paar wohnte zunächst bei den Eltern in der Ludwigstraße, zog nach dem dritten Kind in die Zeppelinstraße, um später in der BASF-Siedlung (heutige Thomas-Mann-Straße) ein Eigenheim zu bauen. Hier kamen die sechs jüngsten Kinder zur Welt, darunter auch Konrad Heller. „Die Hebamme Frau Bohrmann und der Hausarzt Dr. Scholl waren bei uns ständige Besucher“, erzählt er und schmunzelt. Die 13-köpfige Familie hatte einen großen Garten mit Kleintierhaltung, teilweise auch mit Schweinen, und konnte sich so weitestgehend selbst versorgen.

Mutter war der Mittelpunkt

Fast alles wurde entweder selbst hergestellt oder getauscht. Vater und Mutter Heller seien Multitalente gewesen, erinnert sich Konrad Heller. Eugen, zwar rekrutiert, aber nicht zum Krieg eingezogen, war zwischenzeitlich – wie viele seiner Zeitgenossen – arbeitslos, fand aber schließlich eine Anstellung als Schlosser in der BASF. Nebenbei erledigte er alle anfallenden Arbeiten in Haus und Garten, schnitt den Buben die Haare, besohlte die Schuhe der ganzen Familie und verdiente sich die ein oder andere Mark durch Nachbarschaftshilfe. „Für technische Dinge fand er immer eine Lösung“, blickt Konrad bewundernd auf seinen Vater zurück. Auch seine Mutter Luise war für ihn einmalig. Sie sei der Mittelpunkt in allen Lebenslagen gewesen, Haushaltsvorstand, Finanzchefin, christliche Erzieherin, Seelentrösterin und die beste Krankenschwester und Köchin. Er erinnert sich noch genau: „Wenn es Dampfnudeln gab, wurde der Teig am Vorabend gemacht, er war für Dampfnudeln im hohen zweistelligen Bereich; und dazu gab es Grumbeersupp’, von der wir noch heute schwärmen.“ Die Familie saß am großen, vom Vater präparierten Ausziehtisch und jeder schlief mit mindestens einem anderen Familienmitglied gemeinsam in einem Bett.

1948 gab’s viel „Kopfgeld“

Unvergessen sei auch der montägliche Waschtag gewesen: Kamen die Kinder von der Schule nach Hause, stieg ihnen der Kesselduft der schon früh im Haushalt vorhandenen Bottich-Waschmaschine von Miele in die Nasen. Große Aufregung gab es, als der kleine Konrad mit zweieinhalb Jahren in die Jauchegrube fiel und vom Vater mit einem Schöpfer herausgezogen werden musste. Oder als sich auf dem Bahnsteig in Limburgerhof die Schiebetür des Güterwagens langsam vor seiner Nase schloss und nur der durchdringende Schrei seiner Mutter, die schon im Waggon war, und die Hand eines Mannes, die ihn in den fahrenden Zug schubste, den Sechsjährigen rettete.

Auch an den Krieg erinnert er sich noch: Bei Fliegerangriffen saß die Familie im eigenen Keller – betete und erzählte. Zum Glück blieb das Haus von Kriegsschäden verschont, musste aber nach dem Krieg für die amerikanischen Besetzer geräumt werden. „Von den Amerikanern erhielten wir Kinder unser erstes Kaugummi, und die Franzosen, die danach kamen, aber genauso arm wie wir waren, hatten Weißbrot für uns“, sagt Konrad Heller. Es war die sogenannte Schieberzeit, in der Lebensmittel so knapp waren. Die Familie, die zwischenzeitlich im Haus der Großeltern untergekommen war, fand bei ihrer Rückkehr in die eigenen vier Wände eine Rumpelkammer vor. Die großen Schwestern trugen nun mit zum Lebensunterhalt bei. Schwester Monika fuhr schon mit 13 Jahren mit Körben voller Zwiebeln über den Rhein, um diese gegen Brotmarken zu tauschen. Die zwei größeren Schwestern waren „in Stellung“ – also in Haushalten als Hausmädchen tätig. Die Ausbildung auf weiterführenden Schulen konnte sich die Hellers für ihre elf Kinder, die alle die Volksschule im Ort besuchten, nicht leisten. Zwar seien sie nach der Geburt der jüngsten Tochter Rita drei Tage vor der Währungsreform am 20. Juni 1948, bei der es „Kopfgeld“ für jedes Familienmitglied gab, die „geldreichsten Mutterstadter“ gewesen. „Aber das war nur eine ganz kurze Zeit“, stellt Konrad Heller klar. Er selbst, sowie seine Brüder Wolfgang und Richard bekamen Lehrverträge bei der BASF.

31 Enkel und 52 Urenkel

Aber auch Rückschläge musste die Familie verkraften: So erkrankte der Vater 1953 lebensbedrohlich und musste daraufhin beruflich noch einmal umlernen. Und einige angeheiratete Familienmitglieder – darunter gar drei Enkelkindern von Eugen und Luise – verstarben. Dennoch sind Konrad Heller und seine zehn Geschwister dankbar und demütig, dass sie noch alle zusammen sein dürfen und auf eine große Familie mit 31 Enkeln und 52 Urenkeln blicken dürfen. Die Familie ist über ganz Deutschland verstreut, viele sind aber auch in der Vorder- und Kurpfalz geblieben.

Zudem vereint die Großfamilie ein gemeinsames Hobby – die Musik. Mutter Luise, die bis kurz vor ihrem Tod noch als „Heller Luis“ bei der Weiberfastnacht St. Medardus in der Bütt stand, hat ihnen das musikalische Talent und die gute Singstimme vererbt. Bei Familienfesten traten die Geschwister samt Anhängen regelmäßig unter der Leitung von Konrad Hellers Tochter Angelika Grothe als gemeinsamer Chor auf. Das geht jetzt leider altersbedingt nicht mehr. Beruflich allerdings haben sich die Hellers und ihre Nachkommen in viele Richtungen orientiert: Sie sind Kernphysiker, Ärzte, Architekten, Chemiker, Ingenieure, Techniker, Handwerker, Arbeiter, Erzieher, Sozialarbeiter, Angestellte oder selbstständig. Und die meisten von ihnen engagieren sich ehrenamtlich in kirchlichen, kulturellen, sozialen und politischen Bereichen. Sie sind eine Großfamilie mit unzähligen Facetten, mit Zuneigung und Respekt füreinander, mit Zusammenhalt und mit Stolz.

Die elf Geschwister

Anneliese Oberbeck (*1930), Hedwig Rief (*1931), Monika Klein (*1933), Magdalena Hegmann (*1936), Gertrud Vogt (*1937), Wolfgang Heller (*1939), Konrad Heller (*1941), Marliese Dietl (*1943), Christa Sommer-Obser (*1944), Richard Heller (*1947) und Rita Dirolf (*1948).
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