Rhein-Pfalz Kreis „Die Entscheidung wird knapp“

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Ludwigshafen. Am Donnerstag entscheiden die Briten, ob ihr Land die EU 43 Jahre nach dem Beitritt wieder verlässt. Der in der Vorderpfalz aufgewachsene Sebastian J. Schnell arbeitet als Risiko-Analyst in London. Mit ihm haben wir über den möglichen „Brexit“ und die Stimmung auf der Insel gesprochen.

Herr Schnell, London und ganz Großbritannien fiebern der Entscheidung am 23. Juni entgegen. Spürt man das in der Stadt?

Die Anhänger aus dem „Brexit“-Lager scheinen leider sehr viel präsenter zu sein als die Gegner. Vereinzelt sind mir Infostände an der U-Bahn Station oder in Fußgängerzonen aufgefallen. In manchen Fenstern hängen „Brexit“ oder „Bremain“-Schilder, also gehen oder bleiben. Außerdem hatte ich neulich innerhalb weniger Wochen das zweite Flugblatt zum Referendum im Briefkasten. Abgesehen davon ist die bevorstehende Abstimmung auf der Straße kaum spürbar. Je näher die Abstimmung rückt, schätze ich, desto mehr werden Befürworter und Gegner auf die Straße gehen. Sind Diskussionen über das Thema mit Ihren Arbeitskollegen eher entspannt oder eher emotional? Die Diskussionen sind bisher nur durch mein aktives Nachfragen entstanden und waren relativ entspannt. Aus Gesprächen mit britischen Kollegen würde ich auf einen „Brexit“ tippen. Einige sind noch unentschlossen, da sie die unmittelbaren Konsequenzen nicht abschätzen können. Im Zweifel sind sie aber eher für den Austritt. Für andere war die Sache schon lange klar: Die EU kostet viel Geld und engt sie in ihrer Freiheit ein. Aber egal, wie es ausgeht: Die Entscheidung wird knapp. Welche Folgen hätte ein „Brexit“ nach Ihrer Einschätzung? Ich bin neben den negativen politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen für Großbritannien und die EU vor allem um das europäische Gemeinschaftsgefühl besorgt. Als großer Fan der europäischen Idee genieße ich die vielen Vorzüge, die das Leben in der EU mit sich bringt. Können Sie die Argumente der EU-Gegner nachvollziehen? Als Hauptargumente werden oft die aktuelle Flüchtlingspolitik sowie die Vormundschaft aus Brüssel genannt. Eingesparte Beitragsgelder könnten dann genutzt werden, um zum Beispiel das britische Gesundheitssystem zu reformieren. Kritik an den EU-Institutionen kann ich teilweise nachvollziehen, aber trotzdem überwiegen für mich ganz klar die Vorteile der EU-Mitgliedschaft. Wie ist Ihr Eindruck: Fühlen sich die Briten ein Stück weit als Europäer? Ich fühle mich hier wie auf einer Insel. Abgesehen von Urlaubsplänen und Fußball scheint Kontinentaleuropa nicht sehr präsent zu sein. Übrigens: Sollten Englands Fußballer vorzeitig aus dem EM-Turnier fliegen, könnte das durchaus einen negativen Einfluss auf das Referendum haben. Wird die Ermordung der Labour-Abgeordneten und „Brexit“-Gegnerin Jo Cox das Referendum beeinflussen? Ich hoffe, dass so eine schlimme Tat nicht andere davon abhält, zu ihren Werten zu stehen. Vielmehr wäre es gerade für Unentschlossene erst recht an der Zeit, ihre Einstellung zu überdenken und an die Urnen zu gehen. Wie würden Sie das Verhältnis der Briten zu Deutschland beschreiben? Ich arbeite in einem internationalen Umfeld, wo ich als Deutscher freundlich empfangen und respektiert werde. Deutschland hat ein positives Image und wird oftmals bestaunt. Das merke ich insbesondere, wenn ich gefragt werde, warum ich denn ins Ausland bin, wo in Deutschland doch alles so gut läuft. Deutsche, Briten und Franzosen Ihres Jahrgangs – gibt es da Unterschiede in der Mentalität? Franzosen und Briten meines Jahrgangs haben ähnliche Interessen und Träume wie Deutsche, sind genauso flexibel, freiheitsliebend und weltoffen. Im Grunde sind wir alle Europäer. Hätte ein „Brexit“ persönliche Konsequenzen für Sie? Mein Aufgabengebiet ist spätestens seit der Finanzkrise gefragter denn je, egal ob mit oder ohne „Brexit“. Zwei Fragen zum Thema Fußball: Sind die Ausschreitungen englischer Hooligans ein Thema in den Medien? Die Ausschreitungen werden in der Presse thematisiert, wie in Deutschland auch. Das Verhalten der Hooligans wird zwar nicht entschuldigt, allerdings werden die Uefa sowie die französische Polizei für die schlechte Planung kritisiert. Nach den Krawallen bei der WM 1998 hätte man sich auf die englischen Fans besser vorbereiten können. Zur Person Der 35-jährige Sebastian J. Schnell hat in Paris Volkswirtschaft studiert und ab 2005 in der französischen Hauptstadt gelebt. Vor wenigen Wochen ist er nach London gezogen, wo er für eine französische Bank als Risiko-Analyst arbeitet. Er ist in Berlin geboren, in Speyer aufgewachsen und verheiratet. | Interview: Steffen Gierescher |ier/Foto: Privat

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