Maxdorf
Deutsch-russische Geschäftsbeziehungen: Der Rubel rollt nicht mehr
„Es ist ganz krass, es geht nichts mehr, die Geschäfte sind auf Null“, sagt Christian Wahl. Dass Putin Ernst macht, es tatsächlich zum Einmarsch und Kampfhandlungen kommt, hatte der Unternehmer, der in Maxdorf eine Spedition mit Schwerpunkt Russland betreibt, nicht erwartet. „Dass Putin Härte zeigt, konnte ich mir vorstellen, aber bis zum 24. Februar habe ich nicht geglaubt, dass es Krieg gibt“, sagt Wahl und die Erschütterung ist ihm anzumerken.
„Als 1990 der Eiserne Vorhang fiel, war das ein Traum“, sagt der 54-Jährige, der den Kalten Krieg miterlebt hat. Geschäftsbeziehungen nach Russland entwickelte er ab 1994, damals noch als Mitarbeiter einer Speyerer Spedition. „Damals redete man noch vom ’Wilden Osten’, und während Unternehmen wie BASF oder Würth schon in die Richtung gingen, waren Speditionen noch zögerlich“, erzählt Wahl. Also begann er, sich in die besonderen Anforderungen eines Transportgeschäfts mit Russland einzuarbeiten. Aus- und Einfuhrbestimmungen, Zollformalitäten waren anders als innerhalb der Europäischen Union.
Kein Geschäft mehr möglich
„Wir waren Pioniere auf diesem Gebiet“, sagt der Unternehmer. 2006 machte Wahl sich selbstständig, mit dem Ziel, die Russland-Geschäfte weiter auszubauen. Er spezialisierte sich auf Industriegüter und Rohstoffe für Medizinprodukte. Über Fuhrunternehmen konnte er 20 Transportfahrzeuge disponieren, die meisten fuhren nach Moskau, manche bis Sibirien und Südrussland. Davon ist nichts mehr geblieben. Schon vor dem Ukraine-Krieg erschwerte die Pandemie das Geschäft, dann wurde der wichtigste Grenzübergang für den Landverkehr mit Russland in Polen geschlossen. Mit dem Ausschluss Russlands aus dem internationalen Zahlungsverkehr (Swift) sei nun gar kein Geschäft mehr möglich.
Die gewachsenen Beziehungen zu seinen russischen Partnern waren sehr zuverlässig und konstant, die Mentalität der Russen sei aber anders als in Westeuropa. „Man braucht sehr viel Fingerspitzengefühl, unsere deutsche Direktheit und Härte kommt da nicht so gut an“, lautet seine Erfahrung. Man müsse mehr ab und zu geben, die Russen verhandeln noch, wenn Deutsche schon den Abschluss sehen. „Wenn man das verstanden hat, funktioniert die Beziehung“, zieht Wahl ein Fazit.
In mancher Hinsicht habe er aber seine Erwartungen ändern müssen. „Ich habe mich anfangs als eine Art Entwicklungshelfer gesehen und geglaubt, dass wir nicht nur Waren, sondern auch demokratische Ideen austauschen“, sagt Wahl. Allerdings habe sich das anders entwickelt. Das hat Wahl in vielen persönlichen Kontakten erfahren. Am deutlichsten sagt das Wahls bester Freund in Russland, der in Moskau lange Verkaufsleiter eines großen deutschen Unternehmens war. „Klar haben wir eine Diktatur, aber wir wollen diese Diktatur“, schreibt ihm Vladimir in einem Dialog, den Wahl im RHEINPFALZ-Gespräch vorliest. Vladimir schreibt, er genieße es, auf seinem Motorrad mit 160 Kilometern pro Stunde durch Moskau zu rasen – und werde er angehalten, zahle er umgerechnet 30 Euro oder könne die Polizei schmieren, während in Deutschland sein Motorrad eingezogen werden würde und er ins Gefängnis müsste.
„Was glaubst du, welches System mir lieber ist?“, fragt er seinen deutschen Freund. Und Vladimir sagt auch: „Wir sind das System.“ Wobei auch klar wird, dass das „Wir“ die Leute meint, die von dem System profitieren. Das muss auch Wahl erst einmal verarbeiten: „Das ist ein erwachsener, gebildeter Mann und er denkt trotzdem so.“ Auch die anderen Russen aus Wahls Bekanntenkreis haben einen anderen Blick auf das Zeitgeschehen. Die Flüchtlingsbewegungen, die schon zuvor durch Osteuropa gingen, interessieren sie nicht, berichtet Wahl. Viele meinen auch, dass Flüchtlinge nicht arbeiten wollen und aus der Ukraine fliehen, weil man in Russland für sein Geld arbeiten müsse.
Die nach russischem Sprachgebrauch „Militäraktion“ in der Ukraine werde in vier Wochen zu Ende sein, wenn ein anderer Präsident „installiert“ sei. Dann gingen die russischen Streitkräfte wieder nach Hause, gibt laut Wahl die Überzeugung seiner russischen Bekannten wieder. „Die sehen den ganzen Tag russisches Staatsfernsehen und kennen keine andere Perspektive“, sagt er. Um westliche Sanktionen sorgen sich die Russen nicht. „Die Chinesen warten nur darauf, die frei werdenden Lücken zu füllen“, habe sein Freund geschrieben. Zudem werde sich ein Schwarzmarkt entwickeln, schon jetzt sei der US-Dollar das bevorzugte Zahlungsmittel. Der alte Glanz der Sowjetunion sei für viele ein wiedererweckter Traum, meint Wahl.
Vladimir bleibt ein Freund
Wollen „die Russen“ also Krieg? „Ich glaube, einem Großteil der Bevölkerung ist das egal“, sagt Wahl. Allerdings sei es auch schwierig, offen gegen den Krieg zu sein, da entsprechende Äußerungen von Protestierenden zu 15 Jahren Haft führen können. Trotz aller Meinungsverschiedenheiten hält Wahl an seinen persönlichen Beziehungen fest.
„Vladimir ist mein Freund, seit vielen Jahren, wir vertrauen uns“, sagt er. Bei seinen Besuchen in Russland habe sich Vladimir immer bestens um ihn gekümmert. „Ich habe mich jederzeit sicher und behütet gefühlt.“ Er wisse, wo es unterschiedliche Ansichten gebe und welche Differenzen bleiben. „Er ist ein lieber Kerl, aber durch und durch Kommunist. Ich kann ihn nicht umerziehen“, sagt Wahl. Er möchte diese Freundschaft nicht fallenlassen und bedauert, dass er seinen Freund in Moskau auf absehbare Zeit nicht besuchen könne. Sorgen macht sich Wahl um Russen, die hierzulande leben und womöglich angefeindet oder ausgegrenzt werden. „Diese Leute können ja nichts dafür und wenn sie hier leben und aufgeklärt sind, denken die meisten wie wir und sind gegen den Krieg“, sagt Wahl.
Für das Unternehmen Wahl-Trans-East ist der Totalverlust des Russland-Geschäfts zwar ein schwerer Schlag, aber nicht existenziell gefährlich. „Ich habe schon vor einigen Jahren angefangen, mich stärker in die EU zu orientieren“, sagt Wahl. Und er habe immer darauf geachtet, dem Unternehmen ausreichend Reserven zu lassen. Die westlichen Sanktionen sieht Wahl kritisch: „Es wird die Ärmsten ärmer machen, die Reichen und Mächtigen wird das nicht treffen“, sagt er.