Otterstadt
Der Wellness-Faktor beim Friseur fehlt
Seit 7.30 Uhr klingelt das Telefon an diesem Montag ununterbrochen. Normalerweise wäre der Salon montags geschlossen, doch es gibt so vieles aufzuholen. Schon in den vergangenen Wochen haben die ersten Kunden bei Susanne Bund zu Hause angerufen, um Termine zu vereinbaren. Die Not war bei manchen doch groß. „Für die Männer war es besonders tragisch“, erzählt Susanne Bund. Ausgewachsene Koteletten, Löckchen über den Ohren, der Nacken nicht rasiert, das ist kein Zustand. Schlimmer noch der Kahlschlag nach einem Selbsthilfeversuch, bei dem vergessen wurde, einen Aufsatz auf die Haarschneidemaschine zu stecken.
Frauen seien da offensichtlich leidensfähiger. Sie binden die Haare auch mal zusammen oder probieren ein neues Styling. „Na ja, es war für uns schon auch schlimm“, wirft Andrea Strunk ein. Sie hat zufällig einen der ersten Termine ergattert und ist froh, frische Strähnchen zu bekommen. „Ich hab das gleich mit meinem Chef abgeklärt, dass ich da einen Friseurtermin habe. Er hatte Verständnis“, sagt sie.
Verständnis haben auch Susanne Bunds Kunden für die vielen Einschränkungen. Sobald sie den Salon betreten, werden sie zum Händewaschen geschickt. Sie müssen Name, Adresse und Telefonnummer in eine Liste eintragen. Bevor irgendetwas an den Haaren gemacht werden darf, müssen sie gewaschen werden. „Auch bei Herren und Kindern. Und auch wenn sie gerade zu Hause frisch gewaschen wurden“, erklärt Susanne Bund. Außerdem besteht Mundschutzpflicht und das hat so seine Tücken. Zum einen ist es schon diffiziler, die Haare um die Ohren herum zu schneiden. Zum anderen steigt der Geräuschpegel im Salon, denn wer Mundschutz trägt, spricht lauter, um verstanden zu werden.
Nur ein Kunde pro Mitarbeiterin
Kosmetik fällt erst einmal weg. Die Augenbrauen bleiben ungezupft, die Wimpern ungefärbt und die Fingernägel ungefeilt. Auf den Wellness-Faktor, den Frauen ganz gerne mal beim Friseur genießen, muss auch verzichtet werden. Kein Kaffee, keine Zeitschriften. „Für uns ist das auch komisch, das den Kunden nicht mehr anbieten zu dürfen“, sagt Susanne Bund. Man packt sich also besser ein Getränk und ein Buch ein, wenn man eine längere Sitzung beim Friseur plant.
Pro Mitarbeiterin darf nur ein Kunde im Laden sein. Alle anderen müssen draußen warten. Mütter dürfen nur mit einem Kind kommen, nicht wie gewohnt, den kompletten Nachwuchs zum Haareschneiden bringen. Für Susanne Bund und ihre vier Mitarbeiterinnen bedeutet das: Wenn die Farbe einwirkt, dürfen sie in der Zwischenzeit keinen anderen Kunden bedienen. Das verlängert die Arbeitszeit und schmälert gleichzeitig die Einnahmen.
Im März hat Bund ihre vier Mitarbeiterinnen noch voll bezahlt, denn auch sie müssten ja Geld zum Leben haben. Im April waren sie in Kurzarbeit. Kurzarbeitgeld vom Arbeitsamt habe sie bisher noch nicht bekommen. Die zugesicherte „Soforthilfe“ kam nach sechs Wochen an: 1200 Euro. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie das finanziell gehen soll“, sagt Susanne Bund. Jetzt müsse sich alles erst mal wieder einspielen. Trotz allem: „Es ist so schön, wieder arbeiten zu können“, findet die Friseurin.