Rhein-Pfalz Kreis Der Schatz im Wohnzimmer

Thorsten Schuhmann mit dem Nachgeburtstopf am Fundort.
Thorsten Schuhmann mit dem Nachgeburtstopf am Fundort.

«Fussgönheim.» Ein Jahrhunderte altes Haus birgt so manche Überraschung. Diese Erfahrung hat Thorsten Schuhmann gemacht, als er den Boden seines Wohnzimmers aufgegraben hat. Unter der Sandschicht, die unter den Dielen lag, fand er Knöpfe, Messer, Münzen und einen komplett erhaltenen Topf aus Ton. Der deutet auf einen alten abergläubischen Brauch.

Der Anlass für seine Grabungen war für den 29-jährigen Hausbesitzer eigentlich nicht erfreulich: Feuchtigkeit stieg in das nicht unterkellerte Wohnzimmer. Schuhmann, der das Haus in der Amtsstraße 4 in Fußgönheim im vergangenen Jahr gekauft hat, wollte das in Ordnung bringen und machte sich an die Arbeit. Unter dem Wohnzimmerboden lag eine etwa 20 Zentimeter dicke Sandschicht. Beim Wegschippen entdeckte Schuhmann schon verschiedene kleine Gegenstände aus der Vorgeschichte des Hauses. Wie weit diese Geschichte zurück reicht, wusste er da noch nicht. Bekannt war ihm, wie den meisten Fußgönheimern, dass in seinem Haus die Post war, sein Wohnzimmer ist der ehemalige Schalterraum. Die Post zog in den 1980er Jahren aus, das Haus wurde vermietet. Schuhmann und seine Familie zogen vor zwölf Jahren dort ein.

Weltkriegsbombe? Aber nicht doch!

Unter der Sandschicht grub er weiter. „Dann sah ich etwas, das ich erst für ein Mauseloch hielt“, erzählt er. Dem folgend, stieß er auf etwas Hartes. „Ich habe vorsichtig dagegen geklopft und vermutet, es könnte ein altes Rohr sein. Oder eine Weltkriegsbombe“, erzählt Schuhmann. Mit größter Behutsamkeit buddelte er weiter und machte eine erstaunliche Entdeckung: Er fand einen komplett erhaltenen Topf aus gebranntem Ton.

Leider kein Schatz 

„Erst habe ich gehofft, dass ich einen Schatz gefunden habe und der Topf vielleicht voller Münzen ist“, erzählt er schmunzelnd. Doch dem war nicht so. Um dem Geheimnis des vergrabenen Topfs auf die Spur zu kommen, schaltete Schuhmann den Heimat- und Kulturkreis ein. Dessen stellvertretender Vorsitzender Michael Plumpe zog einen alten Ortsplan zurate. „Auf der Karte von 1743 ist das Haus, oder dessen Vorgänger schon eingezeichnet“, sagt Plumpe.

Topf aus 16. oder 17. Jahrhundert

Alte Mauern, auf die Schuhmann gestoßen ist, deuten darauf hin, dass sein Haus unmittelbar auf den Fundamenten eines älteren Hauses gebaut ist. Damit könnte der Krug durchaus aus der Zeit des Barock, etwa dem 16. oder 17. Jahrhundert stammen. Plumpe und weitere Heimatforscher verglichen den Topf mit Stücken, die unter ähnlichen Umständen anderswo gefunden wurden. „Form und Größe entsprechen Elsässer Bauernkeramik, die auch in der Pfalz oft verwendet wurde“, sagt Plumpe. Insbesondere der Fundort lasse auf eine besondere Verwendung schließen: „In diesem Topf wurde eine Nachgeburt begraben“, erklärt Plumpe. Plazenta, Eihaut und Nabelschnur-Reste werden nach der Geburt eines Kindes als Nachgeburt abgestoßen. Deren Bestattung soll Gesundheit für Kind und Mutter garantieren, so der Glaube.

Brauch aus dem Württembergischen

Vergleichbare Funde zeigen sehr ähnliches Aussehen der Töpfe. „Die Töpfe wurden über Jahrhunderte in derselben Form hergestellt, deshalb ist eine genaue Datierung schwierig“, sagt Plumpe. Er verweist auf einen Fachartikel zu Nachgeburtsbestattungen, der bisherige Fundstellen aufzeigt. Demnach war dieser Brauch vor allem im württembergischen Raum verbreitet. Typisch sei der Ort der Nachgeburtsbestattung: Sie sollte nämlich an einem Platz sein, der weder von Sonne noch Mond beschienen werde. Fast alle der aufgelisteten Funde stammen aus dem Inneren alter Häuser in Württemberg.

Funde kommen in privaten Schaukasten

Das Landesamt für Denkmalpflege in Speyer hat Topf und Fundstelle besichtigt. „Die Leute haben hier alles vermessen und fotografiert und sich auch alles andere angesehen, was ich noch gefunden habe“, berichtet Schuhmann. Er gräbt vorsichtig weiter und schüttet allen Aushub durch ein Sieb. Später will er seine Funde bei sich in einen Schaukasten hängen. Den Nachgeburtstopf aber stellt Schuhmann dem Heimat- und Kulturkreis zur Verfügung. „Das ist ein bedeutender Fund für Fußgönheim, er stammt aus einer Zeit, die wenig dokumentiert ist“, freut sich Plumpe. Der Topf soll Prunkstück einer geplanten Ausstellung zur Barockzeit werden.

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