Rhein-Pfalz Kreis Der mit den Pferden flüstert

Mutterstadt. Ein Pferd ist kein Motorrad. Und im Gegensatz zu den Pferdestärken der Maschine springt das Tier auch nicht auf Knopfdruck an. Ein Pferd möchte seinem Reiter gern vertrauen. Ist das Verhältnis zwischen beiden gestört, kann Kurt Blickensdörfer helfen. Er ist Übersetzer, Mediator und manchmal Therapeut – mit einem Wort: ein Pferdeflüsterer. Seine Wirkungsstätte liegt zwischen Mutterstadt und Schifferstadt.
Die fast 600 Kilo eines Großpferds kann ein Mensch nicht anschieben. Das macht sich bemerkbar, wenn das Pferd nicht in einen Hänger will. Manche Besitzer versuchen es mit Reden, Schieben und Ziehen, manche sogar mit roher Gewalt. Was in ihrem Pferd vorgeht, warum es sich so verhält, lassen sie außer Acht. „Pferde sind Fluchttiere. Sie würden nie in eine Höhle gehen, denn ihr Instinkt sagt ihnen, dass dort Raubtiere lauern“, erklärt Blickensdörfer. Und ein Anhänger sei eben für ein Pferd eine Höhle ohne Fluchtweg. Mit solchen Problemen wie dem Verladen wird er bei seiner Arbeit oft konfrontiert. Den Umgang mit Pferden hat der Mutterstadter von einem international angesehenen Experten, dem Australier Steve Halfpenny, gelernt. Seine Methode, das Silversand Horsemanship, beruht auf dem Verständnis der natürlichen Verhaltensweisen der Tiere. Es ist zu einem Sammelbegriff für die Arbeit mit dem instinktiven Verhalten der Pferde geworden. „Das Pferd kommt an erster Stelle“, betont Blickensdörfer. Das bedeutet nicht, dass das Tier alles darf, wozu es Lust hat. Vielmehr werden die Bedürfnisse der Pferde vom Reiter oder Ausbilder wahrgenommen und sind Teil der gegenseitigen Beziehung. „Das Pferd interessiert sich für den Reiter. Es möchte wissen, was der von ihm will“, erklärt Blickensdörfer. Allerdings gebe es Reiter, die ihrem Pferd unklare oder widersprüchliche Signale geben. „Ich habe erlebt, dass Pferde dadurch völlig frustriert werden“, berichtet der Experte. Schon in seiner Jugend war der 50-jährige ein Pferdefreund. Besonders angetan haben es ihm die amerikanischen Quarterhorses, die als gelehrig und athletisch gelten. Die Rasse entstand aus der Vermischung von Pferden, die Einwanderer aus Spanien mitgebracht hatten, und aus denen Cowboys die schnellsten und wendigsten auswählten. „Die Pferdeflüsterer gab es früher im amerikanischen Westen. Aber dieses Wissen wurde nur innerhalb der Familien weitergegeben“, berichtet er. Seit die Bedeutung des Pferdes in den USA zurückgegangen ist, sei die Horsemanship-Szene in Europa zwar stärker als in den Staaten ausgeprägt, doch die großen Namen der Szene stammten aus Amerika. Noch heute schwärmt Blickensdörfer von einem Seminar bei Rancher und Pferdetrainer Ray Hunt, der an der Westküste lebte. Der habe sich auf ein Pferd gesetzt, das ihm zuvor unbekannt war und konnte nach wenigen Stunden ohne sichtbare Einwirkung von Zügelhilfen und Schenkeldruck das Tier präzise bewegen. Mit zwei Pferden im Round-Pen, in der Kreisbahn, zeigt Blickensdörfer, wie eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Pferd und Mensch aussieht: Zwischen zwei Bambusstecken, die nur waagrecht gehalten werden, geht das Pferd vorwärts oder rückwärts, völlig ruhig und ohne Kommandos. Das junge Tier muss auch Vertrauen lernen. So bewegt Blickensdörfer einen Stock im hinteren Gesichtsfeld. Später bindet er ein Fähnchen daran – das Pferd soll immer noch stehen bleiben mit dem Gefühl, dass ihm nichts passieren wird. Wenn das Pferd gelernt hat, dass ihm keine Gefahr droht, kommt der nächste Schritt, bis es schließlich zum Aufsatteln und Aufsitzen kommt. „Wenn das Pferd nicht erträgt, dass sich etwas hinter seinem Kopf bewegt, braucht man den Sattel gar nicht erst zu holen“, erklärt der Fachmann. Vielleicht hat er seine Geduld und seine Sensibilität schon in seinem früheren Beruf geschult – da war er Erzieher im Kindergarten.