Bobenheim-Roxheim RHEINPFALZ Plus Artikel Dekan zu Kirchenaustritten: „Man fühlt sich hilflos“

Markus Hary ist seit 2020 Pfarrer in der Gemeinde Heiliger Petrus und ist seit Oktober 2022 Leiter des Dekanats Speyer.
Markus Hary ist seit 2020 Pfarrer in der Gemeinde Heiliger Petrus und ist seit Oktober 2022 Leiter des Dekanats Speyer.

Die jüngst vermeldeten Rekordzahlen zu den Kirchenaustritten mögen allen Geistlichen einen weiteren Schlag in die Magengrube versetzt haben. Überraschend kam die Meldung nicht. Zumindest nicht für Pfarrer Hary. Im Gespräch mit der RHEINPFALZ wirkt er angesichts der Situation zunehmend hilflos.

Markus Hary sitzt an einem Tisch in seinem Gemeindebüro vor einer Tasse Kaffee. Für einen Moment ist es still im Raum. Neben ihm steht eine Flasche Kaffee-Sahne, Bio-Qualität. Draußen vor seiner Kirche wehen eine ukrainische Friedens- und eine Regenbogenfahne. Fast könnte der Gedanke aufkommen, hier ist die katholische Kirche am Puls der Zeit. Dabei scheint der Puls der zwei großen christlichen Kirchen in Deutschland selbst von Jahr zu Jahr schwächer zu werden. Die für 2022 vermeldeten bundesweiten Austrittszahlen: neue Rekordwerte. Hary, dessen Berufsbild sich dadurch auszeichnet, mit Menschen zu reden, Trost zu spenden, im besten Falle zu helfen – er wirkt in dieser Sprechpause selbst hilflos. Ratlos.

Der Leiter des Dekanats Speyer hebt die Schultern, breitet seine Arme mit den Handflächen nach oben aus, als wolle er jetzt zum Reden ansetzen. Die Mundwinkel hat er nach unten gezogen. Doch da kommt erstmal wieder nur: Stille. Auf dem Tisch liegt auch ein Zettel mit den Austrittszahlen für die Pfarrei Heiliger Petrus, für die er seit April 2020 zuständig ist. Als er die Stelle angetreten hatte, zählten die fünf dazugehörigen Kirchengemeinden – Beindersheim, Bobenheim, Gerolsheim, Heßheim und Roxheim – rund 6000 Katholiken. Zwei Jahre später sind es nur noch 5689. Innerhalb von zwei Jahren ist die Anzahl der Mitglieder um rund fünf Prozent gesunken. Dabei spiele neben den bundesweit präsenten Themen – etwa die Kirchensteuer, Gleichstellung von Mann und Frau oder Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs – rund um die Kirchenaustritte auch der demografische Faktor eine Rolle.

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Immer weniger Taufen

Die Anzahl der Bestattungen schwanke jährlich zwischen 80 und 90, liest Hary aus seinen Unterlagen heraus, bleibe aber stets in diesem Bereich. Die Anzahl der Taufen aber nehme von Jahr zu Jahr ab. Waren es 2019 noch 37, konnte Hary zuletzt nur noch 30 Kinder taufen. „Uns fehlen die Familien und Kinder bei den Gottesdiensten“, resümiert der Pfarrer, der seit Oktober 2022 auch das Dekanat Speyer leitet. In den zwei katholischen Kitas seiner Pfarrgemeinde machten nicht getaufte Kinder inzwischen die zweitgrößte Gruppe aus, zähle man katholische und evangelische Kinder getrennt. Besonders traditionell seien in Bezug auf die Kirche vor allem noch jene Familien mit ost- oder südeuropäischem Hintergrund.

„Es war schon heftig, dass es dieses Mal über eine halbe Million war“, kommentiert der 59-Jährige die hohe Anzahl an bundesweiten Kirchenaustritten innerhalb eines Jahres. Auch für diese Antwort muss er sich etwas Zeit nehmen. Überrascht sei er aber nicht gewesen. Im Dekanat Speyer lag der Wert 2022 mit 1899 Austritten auch so hoch wie wohl nie zuvor – zudem stellt es einen Anstieg von 166 Prozent im Vergleich zum Jahr davor dar. 1980 zählte das Dekanat 314 Austritte, 2010 bereits 800.

Uneinigkeit bei der Ausrichtung

Angesprochen auf die Gründe dieser Austritte, versucht Hary zunächst das Gute zu sehen. Er sei froh, dass es mit Bischof Karl-Heinz Wiesemann hier – im Bistum Speyer – einen „sehr reformfreudigen“ Bischof gebe. Doch sei man sich im Klerus über die künftige Ausrichtung nicht einig. „Unsere Diözese spiegelt das wieder, was wir in der Kirche in Deutschland und in der Weltkirche erleben“, sagt Hary. Eine zunehmende Entfremdung zur Kirche und draus resultierende Austritte gebe es schon länger. Menschen würden nun aber auch ganz bewusst austreten, aufgrund der aktuellen Themen der Zeit, wie der Gleichstellung von Mann und Frau. Dazu komme der finanzielle Aspekt, gerade in Zeiten, in denen alles teurer geworden ist.

Vor der St. Laurentius Kirche in Bobenheim wehen die ukrainische und eine Regenbogenflagge. Beide mit Friedensbotschaften verseh
Vor der St. Laurentius Kirche in Bobenheim wehen die ukrainische und eine Regenbogenflagge. Beide mit Friedensbotschaften versehen.

„Gesellschaftliche Trends halten sie auch nicht mit einem Holy Aperoly auf“, meint Hary angesprochen auf die Idee einer evangelischen Pfarrerin aus Bayern, die künftig Aperol-Gottesdienste anbieten möchte, um Menschen für die Kirche zu begeistern. Er glaubt, der Entfremdung müsste die Kirche aktiv entgegnen. Das sei aber auch aufgrund von Personalmangel und den in diesem Zuge vergrößerten Verantwortungsbereichen nicht leistbar.

„Ein längst fälliger Schritt“

Froh sei er darüber, dass es in Deutschland viele Bischöfe gebe, die den Reformweg gehen wollen und über das, was schrittweise schon liberaler geworden sei. „Früher, in den 1990ern, hätte man eine Putzfrau, die für die Kirche arbeitet, entlassen müssen, wenn sie wieder geheiratet hätte“, erinnert Hary an die jüngsten Reformen im katholischen Arbeitsrecht. Unter solchen Regeln habe er bisher „immer gelitten“. Erst Ende 2022 hatten sich katholische Bischöfe darauf geeinigt, dass private Aspekte wie Homosexualität, Scheidung und Wiederheirat die Kirche als Arbeitgeber nichts mehr anzugehen haben. „Ein längst fälliger Schritt im kirchlichen Arbeitsrecht“, sagt der Dekan.

Die Themen, die auf dem Tisch liegen, seien eigentlich gar keine neuen Themen: „Zum Beispiel das Diakonat der Frau, das lag schon bei der Würzburger Synode 1975 vor.“ In der römisch-katholischen Kirche können Frauen fast ausnahmslos noch immer nicht Diakonin werden. Hary meint, er habe bereits während seines Theologie-Studiums in den 1980er Jahren eine Art „neue winterliche Kälte“ gespürt, die theologischen Ansichten hätten sich in dieser Zeit verengt.

Kritik an „Betroffenheitsrethorik“

Ein Thema, das Hary ebenfalls seit seinem Studium begleitet, ist der öffentlich gewordene sexuelle Missbrauch innerhalb der Kirche und die damit einhergehende Vertuschungspraxis. „In den 1980ern gab es dazu die ersten Berichte aus den USA“, bestätigt Hary. „Es ist ein Thema, das durchgängig vorhanden war.“ Es sei aber nie etwas getan worden. „Viele Bischöfe dachten scheinbar, dass es für sie andere Gesetze gibt.“ Dass Täter geschützt worden und Opfer nicht bedacht, könne er bis heute nicht verstehen. „In Trauergesprächen merke ich immer wieder, dass Menschen Verletzungen nicht überwinden und jahrzehntelang mit sich herumtragen“, erzählt der Pfarrer über seine Arbeit.

Hary kritisiert auch die „Betroffenheitsrethorik“ vieler Bischöfe bei diesem Thema, ohne, dass sich etwas ändere. Dennoch erkennt er auch: „Der Missbrauchsskandal müsste Chefsache sein“, kommentiert Hary mit Blick auf das lange Zögern von Papst Franziskus zur Entscheidung des Rücktrittsgesuchs von Kardinal Woelki, während „in Köln die Diözese abbrennt“.

Missbrauchsskandale an deutschen kirchlichen Institutionen waren der Öffentlichkeit spätestens Anfang der 2010er Jahre bekannt geworden. „Das ist schon wieder 13 Jahre her“, sagt Hary, macht wieder eine lange Pause, zuckt mit den Schultern und sagt: „Man fühlt sich hilflos.“

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