Böhl-Iggelheim RHEINPFALZ Plus Artikel Das Wunder der Märchen in der Demenz-Therapie

Dank ihrer Ausbildung zur Schauspielerin kann Claudia König besonders akzentuiert Märchen erzählen.
Dank ihrer Ausbildung zur Schauspielerin kann Claudia König besonders akzentuiert Märchen erzählen.

An Märchen erinnert man sich bis ins hohe Alter. Das macht sich auch die Demenzprävention zunutze. Ein Besuch im Seniorenzentrum mit der Märchenerzählerin Claudia König.

Oma kennt alle Märchen. Auswendig. Doch was sie zu Mittag gegessen hat, weiß sie nicht mehr. Die Wissenschaft weiß, dass das Langzeitgedächtnis bis ins hohe Alter funktioniert. Doch inzwischen weiß sie auch mehr: Märchen bleiben im Gedächtnis, weil sie eine klare Botschaft, eine „Moral“ haben. Der oder die Gute wird belohnt. Wer böse ist, bekommt seine wohlverdiente Strafe. „Märchen beruhigen, denn sie werden meist im schützenden Familienkontext erzählt, das triggert positive Emotionen – zu Deutsch: Es fühlt sich gut an“, sagt Ute Alter. „Ich beobachte immer wieder, dass die Menschen, die gerade noch vor sich hingedämmert haben, plötzlich aufwachen, mitgehen, sich einbringen.“

Ute Alter ist Gesundheitsmanagerin bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) Rheinland-Pfalz und Saarland, die das Demenzpräventionsprojekt unterstützt. Sie koordiniert die Projekte in der Süd- und Vorderpfalz. Außer dem Seniorenzentrum Böhl-Iggelheim haben sich weitere 22 Einrichtungen beworben und den Zuschlag für die Maßnahme „Es war einmal – Märchen und Demenz“ erhalten. Durchführender Träger ist „Märchenland“ in Berlin. Die gemeinnützige GmbH wurde vielfach für Projekte und Veranstaltungen ausgezeichnet. Im Auftrag der Bundes- und Landesregierungen hat sie Modellkonzepte erarbeitet, die deutschlandweit in Seniorenheimen angewendet werden. Basis hierfür war eine vierjährige wissenschaftliche Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, mit der die gesundheitsfördernde Wirkung von Märchen speziell für das mentale Wohlbefinden von Bewohnern mit Demenz und Pflegekräften empirisch nachgewiesen werden konnte.

Eine märchenhafte Stunde

Ungefähr 30 ältere Menschen, überwiegend Frauen, sind an diesem Nachmittag auf die Ebene „Sonnenblick“ im Seniorenzentrum Böhl-Iggelheim gekommen. Da rauscht sie auch schon herein, die „Königin“ – hochgewachsen, in einem langen Brokatmantel. Und steigt sogleich ein mit dem „König Drosselbart“. Sie flüstert, säuselt und zischt, wird laut, ringt die Hände, lässt die Prinzessin, der kein Freier gut genug ist, hämisch lachen.

Die Königin, das ist Claudia König aus Frankfurt. Die ausgebildete Schauspielerin arbeitet als Dozentin für Sprecherziehung an Hochschulen und Theatern. Seit 2014 ist Claudia König zertifizierte Demenzerzählerin und seit 2019 auch Dozentin für Weiterbildung zum Märchenvorleser für „Märchenland“. Sie ist dicht umringt von ein paar Frauen, die ihr mit blanken Augen an den Lippen hängen. Eine kichert unentwegt über das harte Schicksal, das der hochmütigen Prinzessin zuteilwird. Und als das Märchen zu Ende ist, sprechen sie im Chor: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Überhaupt kennen alle die Schlüsselsätze aus Aschenputtel oder den Lausbubengeschichten von Max und Moritz und sagen sie laut mit. Fast scheint ein Wettbewerb auszubrechen, wer am meisten weiß. Und im Anschluss bemerkt einer der wenigen Herren verschmitzt: „Das waren aber keine Tupperschüsseln, die der Prinzessin auf dem Markt zerschlagen wurden!“

Entlastung fürs Personal

Doch bei diesem Projekt geht es um viel mehr als nur um das Erzählen von Märchen. Nach den vier Vorlesenachmittagen – in Iggelheim ist der letzte im November – wird auch das Pflegepersonal einbezogen. Dann kommt Claudia König als Sprecherzieherin ins Seniorenzentrum. Sie wird die Betreuenden akzentuiertes, deutliches Lesen lehren und wie sie einem Text Leben einhauchen können. „Die Märchennachmittage verbessern zwar sofort die Lebensqualität der Bewohner. Aber erst, wenn das Erzählen und Einbeziehen einen festen Platz im Alltag hat, kann die Maßnahme ihre volle Wirkung entfalten“, sagt Claudia König. All das erleichtere den Zugang zu Demenzkranken und deren Betreuung und entlaste dadurch den Pflegealltag der Beschäftigten. „Das ist dann echte Nachhaltigkeit“, betont sie.

Solche positiven Folgen habe sie schon in anderen Einrichtungen beobachtet: „Da wurden sogar Theatergruppen innerhalb der Bewohnerschaft gegründet. Oder das Personal begann, für die Bewohner zu spielen. Wieder andere Seniorenheime laden regelmäßig Kindergartenkinder zur Märchenstunde ein, denn Märchen verbinden Generationen“, erzählt die Schauspielerin.

Eine der eifrigsten Schülerinnen von Claudia König ist Carmen Hildebrandt. Die junge Betreuungskraft ist extra aus dem Urlaub gekommen, um bei der Märchenstunde zuzuhören. „Ich freue mich total auf diese Fortbildung“, sagt sie. Sie habe bereits kleine Märchenszenarien mit Barbiepuppen, Playmobil-Figuren, Naturmaterialien oder Dingen, die sie mit den Senioren zuvor gebastelt hatte, aufgebaut. „Für „Dornröschen hatte ich die Haare der Barbiepuppe schwarz gefärbt!“ Viele Gedanken habe sie sich gemacht. Und die Idee, im Foyer eine Märchenlandschaft aufzubauen, könnte demnächst umgesetzt werden. Im Seniorenzentrum Böhl-Iggelheim wird die Maßnahme also nachwirken und viel Kreativität freisetzen.

Märchenerzählerin Claudia König mit der Betreuungskraft Carmen Hildebrandt. Die junge Frau möchte sich von der Schauspielerin sc
Märchenerzählerin Claudia König mit der Betreuungskraft Carmen Hildebrandt. Die junge Frau möchte sich von der Schauspielerin schulen lassen.
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