Rhein-Pfalz Kreis Computer als Deutschlehrer
Konzentriert sitzen zehn Männer und Frauen vor Computern im Wohnheim im Bobenheim-Roxheimer Pfalzring. „Das Auge, die Augen“, tönt es aus dem kleinen Lautsprecher neben einem Gerät, und ein grüner Balken erscheint auf dem Bildschirm. Der Nutzer hat den Körperteil, der zu sehen war, richtig benannt, was ihm der Computer optisch und akustisch bestätigt. Die Männer und Frauen aus Syrien, Afghanistan, Iran, Somalia, Eritrea sind fleißig dabei, die deutsche Sprache mit Hilfe von Lernprogrammen zu erlernen. Der Sozialverein Kunterbunt in Bobenheim-Roxheim hat im Oktober Computer, Notebooks, Bildschirme und Drucker von einer Firma, die ungenannt bleiben möchte, gespendet bekommen. In Abstimmung mit der Sprachfördergruppe und der Gemeindeverwaltung wurde daraufhin ein Konzept für einen E-Learning-Raum im Wohnheim entwickelt. Die erforderlichen Software-Lizenzen sowie ergänzende Hardware wurden beschafft und die Systeme installiert und konfiguriert. Seit Anfang Februar können nun Asylbewerber weitgehend selbstständig Deutsch lernen. Mit Musik- und Lernvideos aus dem Internet können sogar Kinder, die noch nicht lesen und schreiben können, Grundzüge der deutschen Sprache lernen, beispielsweise das ABC, Farben oder Tiernamen. „Das Angebot wird sehr gut genutzt“, berichtet Andrea Hettmannsperger, Leiterin des Familienbüros im Sozialverein Kunterbunt. Oft müssten die Leute darauf warten, dass ein Rechner frei wird. Die Lernprogramme sind so angelegt, dass für jedes Alter, jedes Niveau und jeden Wissenstand etwas geboten wird. Und was für viele Asylbewerber wichtig ist: Es besteht auch die Möglichkeit, Bewerbungen und Lebensläufe nach vorgegebenem Muster zu verfassen – betreut von Mitgliedern des Sozialvereins oder ehrenamtlichen Helfern. Für den PC-Raum gibt es laut Hettmannsperger feste Öffnungszeiten, in denen mindestens ein Betreuer anwesend ist: jeden Nachmittag und teilweise bis um 20 Uhr am Abend. Zudem habe jeder Sprachkursleiter einen Schlüssel und könne daher auch außerhalb der regulären Zeiten den Raum nutzen. Die Räume werden kostenfrei von der Gemeinde zur Verfügung gestellt, für den Verein selbst fallen Kosten in Höhe von 1400 Euro an, vornehmlich für ergänzende Hardware, Kopfhörer oder Kabel. Die Gemeinde kümmert sich um die Anschlüsse und übernimmt die laufenden Kosten. Abdul Matin Asghari ist einer der fleißigsten Nutzer des Angebots. Vor 14 Monaten kam der 27-jährige Afghane nach seiner Flucht mit Frau und Tochter nach Bobenheim-Roxheim. Zusätzlich zu seinen selbstständigen Übungen mit der elektronischen Lernplattform nimmt er an einem Sprachkurs in Frankenthal teil. In Afghanistan habe er ein kleines Geschäft gehabt und Kleidung und Kosmetik verkauft, erzählt er in erstaunlich gutem Deutsch. „Ich bin froh, so ein Angebot hier nutzen zu können. Es hilft mir sehr dabei, mein Ziel, einmal als Krankenpfleger zu arbeiten, zu erreichen.“ Matin, wie ihn die Mitbewohner und Betreuer rufen, hat einen Praktikumsplatz im Diakonissenkrankenhaus in Mannheim bekommen, was seinen Ehrgeiz, noch besser Deutsch zu lernen, beflügelt. Harald Wickenhäuser ist die gute Seele des Projekts. Zusammen mit Chadi Achour kümmert er sich um die Geräte, gibt Hilfen für den Gebrauch und wählt geeignete Programme zum Deutschlernen aus. Er war es auch, der aus der Spende von zwölf teilweise nicht mehr ganz funktionstüchtigen PCs acht gut funktionierende und voll nutzbare Geräte bastelte. 50 Sprachkombinationen stehen den Nutzern jetzt zur Verfügung. In Kombination mit Deutsch können nicht nur die gängigen Weltsprachen zur Übersetzung herangezogen werden, sondern auch Syrisch, Farsi (persische Amtssprache im Iran), Urdu (Pakistan) oder Tigrinya (Eritrea). Es besteht zudem die Möglichkeit, alles auf die entsprechenden Schriftzeichen umzustellen, sodass die Asylbewerber Anweisungen in ihrer Muttersprache lesen können. „Wir wollen Leuten mit unterschiedlichen Sprachniveaus individuelle Lernmöglichkeiten nach dem Prinzip ,Hilfe zur Selbsthilfe’ geben“, sagt Harald Wickenhäuser.