Schifferstadt
Chorleiter während der Corona-Pause im Interview: „Singen als Lebenselixier“
Herr Camin, Sie sind Leiter des Schifferstadter Männerchors, leiten in Haßloch die Klangfarben sowie den Männerchor der Sängervereinigung, in Heiligenstein die Magic Gospel Voices und den GV 1857 Lachen. Wie kommen Sie und die Chöre damit klar, dass zurzeit nicht geprobt werden kann?
Nicht wirklich gut. Ich stehe zwar mit vielen Chormitgliedern in Telefonkontakt. Aber bis auf den Gospelchor und die Klangfarben, in denen auch junge Leute singen, sind die meisten Mitglieder eher älter so zwischen 70 und 90. Mit ihnen ist es nahezu unmöglich, beispielsweise über Video zu proben. Da ist zum einen die uneinheitliche Geschwindigkeit des Internets, so dass Töne verzerrt oder zeitverzögert ankommen. Und dann natürlich die fehlende Gewohnheit, mit Technologien wie der Videotelefonie über Skype oder Zoom umzugehen. Zum anderen funktioniert Chorsingen so nicht. Man muss sich selbst und den Chor in seiner Gesamtheit hören können, den gemeinschaftlichen Klangkörper fühlen. Manchmal geht es ein Stück weit: Ich spiele und singe die Stimmen einzeln ein, also, Sopran, Alt, Bass, Tenor, und wer will, erhält ein Audiofile per Mail und kann üben. Ob sie es natürlich wirklich tun, kann ich nicht nachprüfen! (lacht).
Vermissen Sie die Proben?
Sehr. Ich spreche jetzt zwar für mich, aber ich bin sicher, dass es allen Chormitgliedern so geht. Chorsingen ist nämlich viel mehr als Arbeit mit der Musik. Wir sind eine Gemeinschaft, wir umarmen uns, wenn wir uns sehen, und wenn ich erlebe, wie manches Chormitglied gestresst von der Arbeit zur Probe kommt und sie mit strahlenden Augen verlässt, dann fließt diese Energie auch wieder zu mir zurück. Das ist wie ein Lebenselixier.
Wie halten Sie sich selbst mental gesund?
Ich liebe die Natur und habe sie zum Glück direkt vor der Haustür – ich wohne, wie ich finde, in einer der schönsten Gegenden der Pfalz, in Lindenberg. Außerdem habe ich einen großen Garten, und Gartenarbeit tut mir gut. Und dann ist da natürlich die Musik: Wenn ich nicht Klavier spiele, bin ich in einer der Kirchen der Umgebung an der Orgel zu finden. Dabei spiele ich, wie ich es schon als Jugendlicher getan habe, alles – von Klassik bis Pop über Balladen und Rock, oder ich improvisiere einfach, je nach Stimmung.
Wann haben Sie die Proben mit den Chören eingestellt?
Das weiß ich noch genau. Am 8. März, dem Weltfrauentag, hatten wir unser Jahreskonzert in Schifferstadt. Das war klasse, weil wir natürlich extra für die Frauen gesungen haben! Da war der Saal voll. Das war ein Sonntag. Zwei Tage später, am Dienstag, war Benefizkonzert in Haßloch für den Saal Löwer.
Wie wollen Sie wieder in die Chorarbeit einsteigen, wenn es zu Lockerungen für Zusammenkünfte kommt?
Darauf bin ich selbst gespannt! Denn viele unserer Chormitglieder gehören ja zur Risikogruppe. Dann sind unsere Räumlichkeiten sehr beengt. So zählt der Schifferstadter Chor, wenn alle da sind, 60 Sänger. Diese in unseren Proberäumen mit gebührendem Abstand unterzubringen – wir proben abwechselnd im Sängerheim des MGV Concordia und des MGV 1854 – funktioniert beim besten Willen nicht. Wir werden uns, sobald die Maßnahmen gelockert sind, wohl „stimmenweise“ treffen, also entweder nur der Bass oder nur der Tenor. Aber darüber möchte ich erst ernsthaft nachdenken, wenn es wirklich so weit ist, und ich rechne mit einem längeren Zeitraum. Da bin ich einfach vorsichtig.
Sie unterrichten ja zudem Klavier und Orgel, und zwar auf Fortgeschrittenen-Niveau. Können Sie hier das Übungspensum einhalten?
Auch das ist nicht leicht. Meine Übungsstunden leben vom ständigen Austausch und dem gemeinsamen Spiel. Aber wenn ein Schüler über Video begleitet werden will, mache ich das selbstverständlich gern.
Sicher hat die Krise auch finanzielle Auswirkungen für Sie. Was tun Sie, um diese Engpässe zu überbrücken?
Zum Glück beziehe ich mein Chorleitergehalt weiter. Weil das aber auf keinen Fall ausreicht, bin ich ansonsten noch als Pianist auf Hochzeiten oder Geburtstagen unterwegs und begleite viele Konzerte. Damit finanziere ich mich normalerweise sehr gut. Deshalb habe ich mir etwas einfallen lassen: Mein Orgel-Projekt „Musik mit Herz“. Und zwar habe ich bis jetzt vier Filme erstellt, in denen ich jeweils ein Stück auf der Orgel interpretiere. Dabei habe ich alles selbst gemacht – von der Ton- und Bildaufnahme bis zum fertig geschnittenen Film. Eine Heidenarbeit, kann ich Ihnen sagen! Diese Filme sind auf Youtube abrufbar und vielen Menschen waren sie eine Spende wert. Das ist sehr berührend und motiviert mich, weiter zu machen. Es wird also im Laufe des Sommers sicher noch das eine oder andere Video geben.
Zur Person:
Geboren 1980, erhielt Bernd Camin bereits mit fünf Jahren Musikunterricht auf dem Klavier, der E-Orgel und dem Keyboard. Im Alter von 17 Jahren absolvierte er das Studium der Kirchenmusik am Bischöflichen Kirchenmusikalischen Institut in Speyer. Im selben Jahr übernahm er die Leitung des Männer- und Frauenchors des MGV Heiligenstein. 1999 kam der Kirchenchor Sankt Martinus Lingenfeld hinzu, und er gewann den ersten Preis beim Landeswettbewerb „Jugend komponiert“. Weitere Auszeichnungen folgten. Heute ist Bernd Camin Leiter mehrerer Chöre; seine Arrangements von Chormusik und seine Kompositionen von mehreren Chor –und Orgelwerken wurden schon mehrmals aufgeführt und auf CD veröffentlicht.
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