Rhein-Pfalz Kreis
Bobenheim-Roxheim: Wie Erkenbert einst einen Bettler vor dem Erfrierungstod rettete
Der 24. Dezember ist nicht nur Heiligabend, sondern auch der Gedenktag Erkenberts, der vor 900 Jahren in Frankenthal ein Augustiner Chorherrenstift gegründet hat, von dem die Erkenbert-Ruine zeugt. Beim Jubiläumsmusical wirkte der Bobenheim-Roxheimer Kinder- und Jugendchor Don Bosco mit. Diese kulturelle Nachbarschaftshilfe könnte man historisch begründen, denn auf Bobenheimer Gemarkung hatte Erkenbert an einem bitterkalten Wintertag eine Begegnung, die in seine Lebensbeschreibung eingegangen ist.
Die mittelalterlichen Überlieferungen über Erkenbert geben seinen Werdegang in erster Linie unter religiösen Gesichtspunkten wieder, zur Erbauung und vor allem zum Vorbild der Leser. In solchen Biografien schlägt sich klösterliches Adelsverständnis nieder und prägt das Bild vom christlichen Ritter. In Erkenberts Vita aber nimmt der weltliche Entwicklungsprozess des jungen, bisweilen Erko gerufenen Adligen die Hälfte der Gesamtbeschreibung ein. Solche Ausführlichkeit ist ein Glücksfall für die Forschung.
Ein gleichnamiger Onkel des um 1080 geborenen Erkenbert war bischöflicher Oberster Kämmerer von Worms. Ein Amt, das oft fälschlich Reginmar zugeschrieben wird, dem auch in der Schreibweise Rigemar begegnenden Vater des späteren Stiftsgründers. Ebenso widersprechen neuere wissenschaftliche Arbeiten der Auffassung, er habe einem Geschlecht unfreier Dienstmannen, sogenannter Ministerialen, angehört. Zahlreiche Hinweise lassen vermuten, dass es sich in Wirklichkeit um eine Familie aus dem Ritterstand gehandelt hat.
Erkenbert hatte ein Herz für Arme
Erkenbert und seine Frau Richlinde waren „Konversen“. Darunter verstand das Mittelalter Menschen, die ihren alltäglichen Lebenswandel – in diesem Fall einschließlich ihrer Ehegemeinschaft – ganz legal gegen ein klösterliches Dasein eintauschten. Ausgebildet in der Abtei Zum Heiligen Kreuz, die wir als Kloster Limburg kennen, benahm sich der junge Mann zunächst keineswegs wie ein Heiliger, obwohl man ihm schon früh ein Herz für Arme bescheinigte. Mit seiner späteren Gattin hat er in „wilder Ehe“ zusammengelebt, ehe er sich vom Kustos des Wormser Paulusklosters überzeugen ließ, dass dies eines frommen Ritters unwürdig sei. Hierauf setzte ein fundamentaler Wandel in der Lebensgestaltung des Paars ein.
Von seinen Eltern hatte Erkenbert ein Gut im Dorf Frankenthal geerbt. Nachdem er und Richlinde ihre private Habe größtenteils Bedürftigen übereignet hatten, legte er am 25. April 1119 auf dem ihm zu diesem Zweck geschenkten Nachbarflurstück den Grundstein zur Kirche St. Maria Magdalena, dem Herzstück des später Groß-Frankenthal genannten Stifts. Er wohnte aber zunächst weiterhin in einer Hütte nahe der Kapelle St. Stephan außerhalb der Wormser Stadtmauer. Musste er nach Frankenthal, so ging er zu Fuß auf der alten Römerstraße, deren Verlauf ungefähr der heutigen Landesstraße 523 entsprach.
„Da weinte er mit den Weinenden“
Als er diesen Weg einmal vor Tagesanbruch bei klirrendem Frost und Schneeregen in Begleitung eines Ordensbruders der Augustiner Chorherren zurücklegte, traf er in Höhe des Dorfs Bobenheim auf einige dürftig gekleidete, entkräftete Bettler. „Da weinte er mit den Weinenden“, heißt es in der Vita. Erst als ein Wagen, wohl der eines Händlers, vorbeifuhr, konnte dessen Lenker durch entsprechende Bezahlung dazu bewegt werden, alle nach Frankenthal mitzunehmen.
Der Ordensbruder hüllte einen der Halberfrorenen in seinen Mantel und rannte im Untergewand voraus, um im Kloster alles für die Aufnahme der bedauernswerten Menschen vorzubereiten. Dort warteten noch weitere arme Teufel, und Erkenbert „freute sich sehr und widmete sich ihnen, und er nahm sein Frühstück nicht eher, als bis er alle erquickt hatte“. Das darf man ganz wörtlich nehmen, denn jeder Bettler war nach zeitgenössischer theologischer Anschauung eine Verkörperung Jesu Christi.
Erkenbert trat selbst in seine Gründung ein, wurde 1124 deren Vorsteher und starb an Heiligabend 1132.