Rhein-Pfalz Kreis
Bobenheim-Roxheim: Nilgans – ein biologisches Erolgsmodell
Seit vier Jahrzehnten sind Kanada- und Nilgänse am Silbersee nicht nur Durchzügler – sie gründen hier auch Familien. Beide Arten geraten immer mal wieder in die Schlagzeilen, weil sie Mensch und anderen Tieren ins Gehege kommen sollen. „Ein Verdrängungseffekt konnte nicht nachgeweisen werden“, sagt jedoch Vogelkunler Thomas Dolich.
Wenn in der Abenddämmerung die Badegäste den Silbersee verlassen, wird es noch lange nicht still an Bobenheim-Roxheims Haussee. Dann tummeln sich in der Vogelwelt auch Einwanderer, die längst zu Urpfälzern geworden sind: die aus Nordamerika stammende Kanadagans und die afrikanische Nilgans.
Auf der Rangliste der am häufigsten vorkommenden Gänsearten im Silberseegebiet steht die Graugans, der Vorläufer der domestizierten Hausgans, ganz oben. Auf Platz zwei folgt die Kanadagans - „20 bis 30 Exemplare wurden hier im Frühjahr gesichtet. Vier Paare haben gebrütet, und im Winter waren bis zu 300 Kanadagänse zu Gast, als Durchzügler und Wintergäste“, sagt Thomas Dolich aus Neuhofen von der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (GNOR). Den dritten Platz belegt die Nilgans. „Rund zehn Vögel leben jetzt am Silbersee. Drei bis fünf Paare brüten. Überwintert haben hier etwa 200 Vögel.“
Als Neozoen bezeichnen Biologen eingewanderte Tierarten, zu denen in Deutschland seit Beginn der 1980er-Jahre die beiden Gänsearten zählen. Nach Europa kamen sie schon viel früher: Bereits im 17. Jahrhundert wurden sie in die prunkvollen Gärten des englischen Königshauses als repräsentatives Ziergeflügel eingeführt. Von den Nilgänsen ist bekannt, dass sie bereits von den alten Ägyptern, Griechen und Römern als geflügelte Statussymbole gehalten wurden. Im alten Ägypten waren sie als heilige Vögel dem Schöpfergott Amun gewidmet und wurden in Grabreliefs verewigt. Und in der Kultur der antiken Griechen wurde die in monogamer Dauerehe lebende Gans der Liebesgöttin Aphrodite als heiliger Vogel geweiht.
In den Medien machen die zwei Gänsearten immer wieder Schlagzeilen. Von Gänseplagen ist die Rede und davon, dass die heimische Artenvielfalt in Gefahr sei. „Ein Verdrängungseffekt konnte bisher nie wissenschaftlich nachgewiesen werden“, wehrt sich Dolich gegen solche Vorwürfe. Es gäbe eine natürliche Konkurrenz zwischen Wasservögeln bei der Verteidigung der Reviere. „Aber das machen alle Gänse und Schwäne.“
Im Vergleich zur Kanadagans ist die Nilgans laut Dolich in Deutschland stärker auf dem Vormarsch. Warum? „Die Kandagans brütet standorttreu. Ihre Schwerpunkte in Rheinland-Pfalz sind die Flusstäler am pfälzischen Oberrhein. Auch ihre Jungen brüten dort.“ Anders die Nilgans, deren Nachwuchs sich bis über 70 Kilometer entfernt von seinem Nest ansiedelt. „Daraus resultiert eine viel größere Ausbreitungsfähigkeit“, so Dolich.
Hinzu kommt: Die Nilgans brütet das ganze Jahr über, während die Kanadagans nur ein- bis zweimal im Frühjahr Eier legt. In puncto Anpassungsfähigkeit sei die Nilgans ein biologisches Erfolgsmodell, meint der Ornithologe. „Sie ist auch extrem flexibel bei der Wahl der Nistplätze. Sie geht gern ins Röhricht, auch in Nester von Greifvögeln und Krähen. Und ebenfalls in Gebäude, etwa Türme oder alte Bunker.“ Fasziniert ist der Vogelkundler, wie diese Art, die es hierzulande früher nicht gab, mit den neuen Lebensbedingungen klarkommt.
Der Spaziergänger erkennt die Nilgans, die gern im Pulk auf Getreidefeldern futtert, an ihrem markanten dunklen Augenfleck. Mit ihren weiße Flügelflecken, schwarzen Handschwingen, dem ungleichmäßigen rostbraunen Halsring und langen rosa gefärbten Beinen ist sie ein Blickfang. Kanadagänse wiederum sind durch den schwarzen Kopf und Hals sowie den weißen Kehlfleck deutlich erkennbar. Und durch ihre Laute – sie sind vor allem während des Fluges sehr ruffreudig. Der Ruf dieses Vogels ist tief, nasal und trompetend. Auf zehn Millionen Exemplare wird der weltweite Bestand geschätzt – in etwa so viel, wie in Paris und seinem Speckgürtel Menschen leben.
Auf Freiersfüßen unterwegs, gebärden sich die Erpel beider Arten gänsetypisch: Sie schwimmen auf die Angebetete mit stark nach unten gebogenem Hals zu. Dabei vertreiben sie die männlichen Konkurrenten und positionieren sich neben dem Weibchen. Das frischgebackene Paar stimmt nun unisono einen Triumphgesang an. Es folgt die Zeremonie des Grüßens: Die Partner schwimmen aufeinander zu und biegen ihren Hals. Wenn beide Seiten ausreichend interessiert sind, tauchen sie ihre Köpfe immer schneller ins Wasser – bis es zur Paarung kommt, bei der sich der Erpel ins Nackengefieder der Gans regelrecht verbeißt und sie mit seinem Gewicht fast untertaucht.
Übrigens: Als größte Wildgänseart Europas sind fliegende Kanadagänse eine Gefahr für den Luftverkehr. Der wohl bekannteste Zusammenprall mit einem Flugzeug datiert aus dem Jahr 2009: Ein Airbus A 320 musste im Hudson River in New York notwassern, nachdem kurz nach dem Start mehrere Kanadagänse in seine Triebwerke geraten waren. Clint Eastwood setzte diesem Ereignis 2016 mit „Sully“ ein filmisches Denkmal.
Nils fragt: Ist Gänsen der Zugweg angeboren?
Mit einem spektakulären Flug wurden die Kanadagänse 1993 weltberühmt. Damals gelang dem kanadischen Erfinder William Lishman erstmals der Beweis, dass der Mensch Vögeln das Zugverhalten beibringen kann. 18 Kanadagänse hatte Lishman auf seiner Farm in Ontario aufgezogen. Da kanadischen Wildgänsen das Wissen um die Route ihrer Wanderungen nicht angeboren ist und sie den Zugweg von ihren Eltern lernen, übernahm ihr Ziehvater die Rolle des Lehrmeisters. „Cowboy der Lüfte“ nannte die Presse den Vogelkundler, als er als erster Mensch die Zugvögel ins Winterquartier führte – über eine 600 Kilometer lange Strecke flog er mit einem Miniflugzeug in den US-Staat Virginia, an der Spitze des Schwarms, der ihm willig folgte. Die meisten Gänse kehrten im Frühjahr 1994 selbständig auf die Farm zurück, auf der Lishman sie aufgezogen hatte. 1996 kam der Film „Amy und die Wildgänse“ in die Kinos, der auf dem Experiment Lishmans basiert.