Böhl-Iggelheim
Blick in die Geschichte: Wald und Flur als Schießplatz
Dass Wald und Flur rund um seinen Heimatort in der Zeit des Nationalsozialismus „mit einem Truppenübungsplatz verglichen werden kann“, hat der 89-jährige Iggelheimer Theo Brendel noch in eigener Erinnerung. Noch im Januar 1945 mussten sich „Jungvolk-Buben“ und Rentner den Umgang mit Waffen erklären lassen, und nach dem Einmarsch der Amerikaner mussten Kinder – auch Brendel war darunter – Waffen entschärfen, die fliehende deutsche Soldaten weggeworfen hatten. Und schon einige Male hat er bei Exkursionen den Teilnehmern die Spuren der Kriegszeit im Wald gezeigt. Dass Brendel aber bei seinen Nachforschungen festgestellt hat, dass schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Böhler Wald und den angrenzenden Waldgebieten Schießübungen stattgefunden haben, „das hat mich selbst überrascht“, sagt er.
Ein alter Zeitungsartikel brachte ihn auf die Idee nachzuforschen, erzählt Brendel. Er wertete die Gemeindearchive von Böhl und Iggelheim im Landesarchiv Speyer aus: „Was mir da alles entgegengekommen ist ...“. Denn nicht nur am Boden wurde da im Wald zwischen Schifferstadt und Mutterstadt, Speyer und Dannstadt geschossen und kämpfen geübt. Auch der Luftraum wurde genutzt.
Sogar mit Ballons wurde geübt
Mit einem Schreiben, datiert vom 30. Mai 1898, teilte die Militärverwaltung in Germersheim der Iggelheimer Gemeindeverwaltung mit, dass im Wald zwischen Hanhofen, Haßloch und Iggelheim vom 22. bis 30. Juli „gefechtsmäßiges Schießen“ stattfinde. Übungen also für den Ernstfall, den die Chevaulegers, die leichte Kavallerie, da im Wald plante. Und gar gleich an 13 Tagen tummelten sich Soldaten aus Germersheim, diesmal vom 17. Infanterieregiment, im August 1902 „in unserem Wald“, wie Theo Brendel auflistet. Und zwar genau von 6.30 bis 15 Uhr – damit alles seine Ordnung hat. Dass das Ganze nicht ohne Spuren blieb, versteht sich. Jedenfalls hat der Iggelheimer Gemeinderat dann am 30. August 1902 zwei seiner Mitglieder herausgedeutet, die die Schäden feststellen sollten, die im Wald durch die Ballerei entstanden seien, berichtet Theo Brendel.
Sogar mit Ballons wurde geübt. In den Unterlagen hat Brendel eine „kriegsmäßige Ballonverfolgung“ gefunden, die am 5. April 1914, also kurz vor dem Ersten Weltkrieg, vom Verein für Luftfahrt und dem Automobilclub, beide aus Frankfurt, veranstaltet worden ist – mit neun Militärflugzeugen, acht Ballons und 25 Autos. Und im Juni des gleichen Jahres übte ein Bataillon des 36. Infanterie-Regiments aus Ludwigshafen vier Tage lang Schießen im Böhler Wald. Von wegen Waldesruhe.
1935 dann wurde im Gemeindewald bei Iggelheim auf einer leichten Bodenerhebung, dem Haidbuckel, ein richtiger Schießplatz errichtet – von der Iggelheimer SA. War das noch eine Angelegenheit der örtlichen Truppe, so gab es in den folgenden Jahren eine Reihe von Sperrungen des Waldes, weil die Wehrmacht Scharfschießen übte. Und für die Jahre kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs listet Theo Brendel eine lange Reihe von Daten auf, an denen im Wald militärische Schießübungen vermeldet wurden: zwischen Speyer, Iggelheim, Hanhofen und Dudenhofen, zwischen Dannstadt, Schifferstadt und Limburgerhof, im Dudenhofener Wald – also in Wald und Flur im ganzen Umkreis.
Für Klaus Becker, stellvertretender Leiter des Ludwigshafener Stadtarchivs, sind die Ergebnisse von Brendels Forschungen eine anschauliche Illustration des Verlaufs der nationalsozialistischen Diktatur, mit den zahlreichen Schießübungen als Kriegsvorbereitung: „Besonders bemerkenswert ist die Verwendung des Waldes als Übungsziel für die Luftwaffe.“ Denn sogar aus der Luft wurde der Böhler Wald wieder zum Übungsziel. In den Bruchwiesen war 1941 ein Übungsgelände für Flieger abgesperrt worden. Brendel: „Aus Lachen-Speyerdorf kamen am 11. und 12. August 1941 die Flieger, um im Wald auf den Bruchwiesen dort aufgestellte Ziele mit Bordwaffen und Übungsbomben aus Beton zu treffen.“ Eine drei mal fünf Meter große Zielanlage sei dafür errichtet worden.
Im Wald lauerte Gefahr
Leidtragende waren neben Fauna und Flora auch einmal ein Böhler Bauer und sein Sohn. Am 10. Juli 1942, so schildert es Brendel aus den Archiv-Unterlagen, mähten die beiden Gras auf den Bruchwiesen, als eines ihrer Pferde auf den Blindgänger einer Nebelbombe trat. Beide Pferde seien verletzt worden, und auch der Sohn habe Brandwunden erlitten.
Im Wald lauerte also Gefahr, was aber offenbar nicht alle Anwohner abschreckte. Der Kommandant des Versorgungsstützpunkts Speyer teilte am 11. Februar 1945 der Gemeinde Iggelheim erbost mit, „dass aus den in der Nähe von Iggelheim und Hanhofen eingelagerten Beständen der Wehrmacht Treibmittel von Kindern und Halbwüchsigen entwendet wurden, die von diesen zu Feuerwerk abgebrannt werden“. Von Gefährdung der Schlagkraft der kämpfenden Truppe und Sabotage der Kriegsführung war da die Rede – knapp fünf Wochen, bevor die Amerikaner durch die Pfalz zum Rhein marschierten, entbehrt dies im Rückblick nicht einer gewissen Ironie. Immerhin verwies der Hauptmann auch auf die Gefahr für Gesundheit und Eigentum der Bevölkerung. Konsequenz des Ganzen: Das Betreten des Waldgebiets abseits der Hauptstraßen ohne Erlaubnisschein wurde verboten.
Noch am 9. März, 13 Tage bevor die Amerikaner einrückten, wurden laut Theo Brendel im Iggelheimer Wald Schießübungen abgehalten. Und in der Nacht auf den 23. März haben die sich zurückziehenden deutschen Soldaten Munitionsdepots gesprengt, die im Wald nahe der Straße nach Speyer angelegt worden waren. Brendel erinnert daran, dass die Landstraße von Iggelheim nach Speyer bis 1950 mehrfach gesperrt werden musste, weil das französische Militär im Wald gefundene Munition sprengte. Eine Liste mit erschreckend hohen Zahlen von Waffen und Munition verschiedenster Art, die in der näheren Umgebung von Iggelheim nach dem Krieg gefunden worden ist, hat Brendel aufgelistet.
Nicht immer gingen diese Funde glimpflich ab. Ein zehnjähriger Iggelheimer Schüler starb, als er mit gefundener Munition spielte und ein Zünder explodierte. Und im Böhler Wald verloren noch 1951 zwei Männer bei Waldarbeiten ihr Leben, als eine Mine explodierte. Ein Gedenkstein erinnert noch heute daran.