Rhein-Pfalz Kreis Birkenheider Reiter im Interview über Pferdesteuer: „Wir fühlen uns vertrieben“

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Die Birkenheider Ortsbeigeordnete Emmi Seitz (FWG) fordert eine Pferdesteuer, um die klamme Dorfkasse aufzubessern. 120 Euro pro Tier sind im Gespräch. Die Reiter in der Gemeinde planen den Widerstand gegen die Abgabe. Es fehlen Regeln und Konzept, sagen Manuel und Daniela Sauter. Sie betreiben einen Westernstall. Im Gespräch über Pferdeäpfel, Reiten als Luxussport und den Vergleich zur Hundesteuer werden die beiden emotional.

Herr Sauter, warum sind Pferdeäpfel besser als Hundehaufen?Manuel Sauter:

Sie stinken nicht, wenn man reintritt (lacht). Im Ernst: Früher ist man den Pferden hinterhergelaufen, um die Pferdeäpfel einzusammeln. Auch hier im großen Gemüsegarten der Vorderpfalz, um damit zu düngen. Mit Hundehaufen geht das nicht. Aber aufgelesen von der Straße wird der Mist heute nicht mehr. M. Sauter: Nein, das ist in der Verantwortung der Reiter. Jeder muss seine Tüte selbst mitschleppen oder nach dem Ritt zurückfahren und die Pferdeäpfel mit Schaufel und Eimer wegmachen. Ehrlich: Wird das gemacht – auch in Birkenheide? M. Sauter: Es ist wie mit der Hundetoilette auch. Es gibt Leute, die verstehen das – und es gibt Leute, die verstehen das nicht. Das ist bei den Reitern nicht anders. Einen Eimer und eine Dreckschippe kann ich nicht unbedingt am Pferd mitführen. Und die Portion ist auch größer als bei einem Hund. Aber man kann den Leuten zutrauen, dass sie nach dem Ritt hinfahren und das wegräumen. Offenbar fehlt einigen Reitern aber dieses Bewusstsein. M. Sauter: Muss man dem Raucher erklären, dass er die Zigarettenkippe nicht wegschnippen darf? Es ist sicherlich auch eine Aufgabe des Stallbetreibers, die Leute, die ihre Pferde bei ihm einstellen, darauf hinzuweisen. Am Ende fällt es auf ihn zurück. Frau Sauter, wie ist es in Birkenheide um das Verhältnis zwischen Reitern und Nicht-Reitern bestellt? Daniela Sauter: Ich habe bislang keine Konflikte erlebt. Weder mit den Spaziergängern, Radfahrern, Skateboardern noch mit den Hundebesitzern, denen man beim Ausritt begegnet. Wenn das Wetter schön ist, sind alle unterwegs, da ist viel los auf den Wegen. Das ist ein gutes Miteinander. M. Sauter: Die Leute, denen man begegnet, freuen sich, die Kinder sowieso. Pferde gehören doch zu einem Landschaftsbild dazu. In Birkenheide wird auch durch das Dorf geritten. M. Sauter: Wir haben das Glück, dass unsere Reitwege am Stall nicht an der Straße beginnen. Da kommen sofort Wiesen. Wir reiten nicht sehr viel durch Birkenheide. Es gibt sicher andere, die mehr Konfliktpotenzial erzeugen, weil sie an Stellen vorbeikommen, an denen Personen leben, die – nun ja ... D. Sauter: ... die offenbar nicht so gut auf Pferde zu sprechen sind. In Birkenheide soll nun eine Pferdesteuer eingeführt werden. Wie haben Sie davon erfahren? D. Sauter: Letztlich aus der Zeitung. Aber dass die Politiker zu uns kamen, um darüber zu sprechen? Nein. M. Sauter: Leider nicht. Es ist so ein bisschen der stete Tropfen. Irgendwann kommt nun die pauschale Aussage, dass alle Reiter Müll sind – und deswegen brauchen wir eine Steuer. Vielleicht hätte man ein bisschen vorwarnen können: Wenn es mit den verschmutzten Straßen so weitergeht, kommt womöglich eine Abgabe. Ich weiß aber nicht, ob das gefruchtet hätte. Aber gar nichts zu sagen und gar nicht auf die Reiterschaft zuzugehen, ist kein kluges Verhalten. Wären die Pferdehalter in Birkenheide bereit, sich anders zu engagieren, um Geld in die klamme Kasse zu spülen? M. Sauter: Wir denken etwa an einen Tag der offenen Stalltür. Das kann sogar mehrmals im Jahr sein. Dafür gibt es viel Bereitschaft. Wir können auch an St. Martin Glühwein verkaufen. Da gibt es aber wenig Miteinander in Birkenheide. Dabei wäre das die bessere Lösung als eine Zwangsabgabe. So fühlen wir uns nur vertrieben. Haben Sie den Kontakt zur Politik gesucht? D. Sauter: Wir haben die Ratsfraktionen zu uns in den Stall eingeladen. Es sind auch einige Mitglieder gekommen, so um die zehn Leute. Auch der Bürgermeister Siegmund Hein von der SPD war da. Sogar von der Freien Wählergruppe sind einige gekommen. Leider nicht die Beigeordnete Emmi Seitz. Ich hätte sie gerne einmal persönlich kennengelernt. Emmi Seitz von der FWG hat die Pferdesteuer vorgeschlagen. Die CDU ist dagegen. Wie liefen die Gespräche im Stall? Wie war die Atmosphäre? D. Sauter: Es war interessant. Gerade die FWG kam mit Vorurteilen an. Und danach war durchaus eine gewisse Einsicht, ein Umdenken erkennbar. Auch die SPD ist in ihrer Meinung nicht festgefahren. Es war eine rege Diskussion, nicht ausartend. Was haben Sie den Dorfpolitikern konkret erklärt? D. Sauter: Sie haben schon gedacht, Reiten sei Luxus. Nach dem Motto: Jeder, der ein Pferd hat, hat wahrscheinlich auf dem Rhein noch eine Jacht stehen und eine Finca auf Mallorca. Dass die Leute Nebenjobs annehmen, um ihre Pferde halten zu können, hatten sie nicht auf dem Schirm. M. Sauter: Ein Pferd ist in manchen Fällen sicher ein Luxusgut – in Birkenheide aber nur in den seltensten Fällen. Zum Großteil ist es der Ausgleich von Stress und Arbeit. Viele denken wahrscheinlich so. Reiten gilt gemeinhin als Luxussport. D. Sauter: Der Deutsche Olympische Sportbund sieht das anders. Er hat Reiten 2008 als Gesundheitssport anerkannt. Und das ist das schlagende Argument: Wenn jetzt eine Pferdesteuer kommen würde, wäre Reiten der erste Sport, der besteuert würde – und zugleich gefördert wird. M. Sauter: Wir wollen den Leuten die Möglichkeit geben, ans Pferd zu kommen, es zu erleben. Reiten prägt den Charakter eines Menschen. Mit dem Pferd kann ein Mensch Verantwortung übernehmen, Ängste überwinden. Es werden inzwischen Management-Kurse mit Pferden angeboten, in denen Führen gelernt wird. In Birkenheide stehen auch Therapiepferde der Dürkheimer Lebenshilfe. M. Sauter: Mit der Steuer würde ehrenamtliches Engagement unterlaufen werden. Was bei den Therapiepferden passiert, kann man nicht beschreiben, das muss man sehen. Wenn man ein bisschen Herz und Spaß daran hat, wie Menschen, die körperlich oder geistig behindert sind, auf Pferde reagieren, bekommt man eine Gänsehaut. Es gibt Überlegungen, bestimmte Pferde von der Steuer auszunehmen, Gnadenbrotpferde etwa. Andernorts sind Tiere, die dem Haupterwerb dienen, von der Abgabe befreit. M. Sauter: Die ganze Dramatik an der Geschichte ist, dass noch niemand ein Konzept hat. Altpferde, Jungpferde, Therapiepferde, Sportpferde, Zuchtstuten. Wer entscheidet, welche Ausnahmen es gibt, was Haupt- und Nebengewerbe ist? Wer treibt die Gelder ein, wer überprüft, ob gezahlt wird? Das kann nicht in der Verantwortung des Stallbetreibers liegen. Es wird hin und her überlegt, aber ein richtiger Vorschlag existiert nicht. D. Sauter: Was ist ein altes Pferd? Was ist mit dem zweijährigen Pferd, das sich das Sprunggelenk verletzt hat, zwar schmerzfrei leben kann, aber nicht geritten werden darf? Ist das dann kein Gnadenbrot? Da musste auch Bürgermeister Hein ein wenig nachdenken. M. Sauter: Wir sind in Birkenheide, nicht in Warendorf, der Pferdehauptstadt Deutschlands. Das ergibt doch alles keinen Sinn. Die Idee, Tiere zu besteuern, die zum Vergnügen gehalten werden, ist alt. Stichwort Hundesteuer. D. Sauter: Ein Pferd zu halten, ist Vergnügen? Ist ein Hobby denn kein Vergnügen? D. Sauter: Es fördert die Gesundheit, bildet den Charakter. Aber ob es nun als Vergnügen bezeichnet werden muss, weiß ich nicht. M. Sauter: Natürlich bereitet es auch Freude, keine Frage. Das ist beim Fußballspieler genauso. Aber der muss ja auch keine Extra-Steuer für sein Hobby bezahlen. Wie viel Geld verdienen Sie mit Ihrem Trainingsstall im Nebenerwerb? M. Sauter: Wir machen es so, wie wir gerade Lust haben. Am Ende muss sich unser Hobby refinanzieren. Natürlich wollen wir auch nicht drauflegen. Wenn wir irgendwo hinfahren, um Reitstunden zu geben, darf es kein Minus-Geschäft sein. Aber Geld wie Heu verdienen ist im Nebenerwerb sicher nicht drin. Und lohnt es sich überhaupt, in den Haupterwerb zu wechseln, wenn einem so viele Steine in den Weg gelegt werden? Ist Steuerflucht eine Option für die Reiter in Birkenheide? M. Sauter: Da gibt es genug, die dann weggehen, klar. Das ist kein Geheimnis. Ich kann meinen Einstellern nicht sagen, dass sie nun noch mal 120 Euro im Jahr mehr bezahlen müssen. Das werden sich die Halter nicht antun und ihr Tier woanders unterbringen. In vielen Gemeinden wurde die Pferdesteuer wieder gekippt. D. Sauter: Wir werden uns auch dafür einsetzen, das zu verhindern. Und zwar nicht alleine. Die Reiterliche Vereinigung und andere Verbände stehen hinter uns. M. Sauter: Oder möchte Birkenheide die Anzahl der Pferde einfach nur eindämmen, weil es andere Pläne für den Bruchweg gibt, wo viele Koppeln sind? Vielleicht ist auch das eine Frage. Aber dann sollte die Gemeinde mit offenen Karten spielen und sagen: Wir möchten die Pferdesteuer, damit die meisten von den Pferdehaltern gehen. Das wäre einfach fairer und ehrlicher.

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