Rhein-Pfalz Kreis Bekämpfung im großen Stil ist einzige Chance
Kurz vor der Versammlung in der gut gefüllten Jahnhalle, also mitten in dem Viertel, das die Vernachlässigte Ameise (Lasius neglectus ) besetzt hat, fühlen sich einige Bobenheim-Roxheimer noch zu Scherzen aufgelegt. Da wird über das unglaubwürdige Szenario gelacht, dass Ameisen daheim aus der Steckdose kommen oder die Dämmung eines Wohnhauses durchlöchern. Am Ende der Veranstaltung scheint allen das Lachen vergangen zu sein. Auch denen, die gar nicht in den Straßen wohnen, in denen die Superkolonien bildende Art ganz sicher entdeckt wurde. Wie am 23. November berichtet, stellt Lasius neglectus keine unmittelbare Gefahr für die Gesundheit des Menschen dar, aber sie im Haus zu haben – dort lebt sie ganz gern – ist mindestens lästig und eklig und im schlimmsten Fall schädlich fürs Gebäude. Zum Glück ist sie kein Holzschädling. „Zwischen den Nestern findet ein Austausch statt“, sagt Frank Unvericht, Chef des Fachbereichs Bürgerdienste, um zu erklären, was eine Superkolonie ist. Die Kolonien heimischer Ameisenarten konkurrieren, die der invasiven Vernachlässigten Ameise kooperieren. So können sich Gemeinschaften mit zig Millionen Arbeiterinnen und Hunderttausenden von Königinnen bilden. Was das bedeutet, macht Hansjörg Hess von der Speyerer Schädlingsbekämpfungsfirma Hess deutlich: „Es nützt nichts, wenn nur in einem Haus ein Nest mit Königin zerstört wird.“ Auch Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Frank Unvericht, denen ein Gutachten des renommierten Instituts für Schädlingskunde in Reinheim vorliegt, machen deutlich, dass eine Bekämpfung dieser Ameisenart nur erfolgreich sein könne, wenn Gemeinde und Einwohner eng zusammenarbeiteten. Das sei bisher noch in keiner betroffenen deutschen Kommune gelungen. „Wir fühlen uns verpflichtet, sie zu informieren und zu unterstützen“, sagt Frank Unvericht. Dorfchef Müller stellt allerdings klar, dass die Gemeinde nur auf ihren Grundstücken, also auf Straßen und Plätzen oder in öffentlichen Gebäuden, Fraßköder und Gießmittel ausbringen kann, aber nicht auf Privatgrundstücken und Wohnhäusern. Und sie könne auch niemanden zwingen, sich an der Bekämpfungsaktion zu beteiligen. Diese ist vermutlich nicht billig, weil nur bestimmte Mittel infrage kommen und fachmännisch verteilt werden sollen. Drei Firmen empfiehlt die Gemeinde. Und sie rät allen Bobenheim-Roxheimern, die in Haus und Garten Probleme mit Ameisen haben, 20 Euro zu investieren und zwecks Artenbestimmung und Ratschlägen ein paar Exemplare an das Institut für Schädlingskunde zu schicken. Frank Unvericht hat dazu eine schriftliche Anleitung verfasst, die man sich am Ausgang mitnehmen oder auf der Homepage der Gemeinde herunterladen kann. Hansjörg Hess erklärt die Methoden, mit denen der Vernachlässigten Ameise möglichst bald zu Leibe gerückt werden soll: im Winter mit kleinen, süßen, insektizidhaltigen Gelpunkten an ihren bevorzugten Rückzugsräumen, ab dem Frühjahr mit giftigem Granulat. Und zwar definitiv auch auf Grundstücken, die noch nicht befallen sind, aber an das bislang als betroffen geltende Gebiet in Bobenheim angrenzen. „Man sollte das Problem nicht unterschätzen“, sagt Hansjörg Hess. Für Hunde und Katzen seien die Mittel nicht gefährlich, weil die ausgebrachten Mengen so gering seien. Es gibt aber durchaus Tiere, für die das Gift ebenso tödlich ist wie für die Ameisenköniginnen und -larven, nämlich für Ameisen heimischer Arten und für andere Insekten, zum Beispiel die schon selten gewordenen, aber so wichtigen Bienen. Deshalb sieht sich Ewald Marx, Vorsitzender des Vereins für Naturschutz und Heimatpflege, in der Versammlung verpflichtet, einen Appell gegen die Bekämpfungsaktion an die Bürger zu richten: „Insekten sind Nahrung für andere Tiere. Ich plädiere für eine natürliche Art der Bekämpfung, indem wir zum Beispiel Nistkästen für Vögel, die Ameisen fressen, in unseren Gärten aufhängen.“ „Wo soll ich denn mein Grünzeug aus dem Garten entsorgen, damit die Ameisen nicht woanders hingeschleppt werden?“, fragt eine Frau. Dafür will die Gemeinde einen Spezialcontainer auf dem Betriebshof aufstellen und die Erlaubnis einholen, dass der Grünschnitt verbrannt werden darf. Noch Fragen? Der Vortrag von Frank Unvericht in der Einwohnerversammlung über die „Entdeckung einer Superkolonie der vernachlässigten Ameise Lasius neglectus in Bobenheim-Roxheim“ findet sich auf der Internetseite der Gemeinde: www.bobenheim-roxheim.de.