Rhein-Pfalz Kreis „Beim Apfel ist es wie bei einer Frau“
Früher hat man den Äpfeln die Namen von Kaisern oder Königen gegeben, bei den Franzosen waren es oft Generäle. Häufig wurden sie aber auch nach ihrem Finder, dem Fundort oder anderen Eigenschaften benannt. Wir haben beispielsweise den Kohlapfel, der aber gar nichts mit Helmut Kohl zu tun hat. Der Name bedeutet einfach, dass der Apfel dunkel wie ein Kohl ist. Wie viele alte Sorten gibt es denn? Rund 1000. Wir haben vor zehn Jahren sogar alte Apfelsorten, die in der Pfalz entstanden sind, auf einer Wiese des Rhein-Pfalz-Kreises wieder angepflanzt. Darunter ist der Freinsheimer Taffetapfel und der Heimeldinger. Der galt sogar einmal als ausgestorben, wurde dann aber über einen Aufruf in der RHEINPFALZ vor 50 Jahren wiederentdeckt und neu angepflanzt. Es ist aber natürlich auch einfacher, Äpfel vorm Aussterben zu bewahren, als Tiere. Insgesamt gibt es sogar über 10.000 Apfelsorten. Und jedes Jahr entstehen neue. Pflückt man etwa zehn Boskoop vom Baum und steckt deren rund 80 Kerne in die Erde, gehen daraus 80 neue Bäume hervor. Und die sind alle verschieden, wie wir Menschen. Wie behält man bei all den Sorten den Durchblick? Um eine Sorte zu identifizieren, braucht man vier, fünf Äpfel vom selben Baum. Der Apfel wird dann innen und außen genau unter die Lupe genommen. Ein Pomologe zieht dann bis zu 40 verschiedene Merkmale heran. Dazu zählt der Standort des Baums, dessen Größe oder die Apfelform. Ist er rund, birnen- oder fassförmig? Eine Rolle spielen aber auch die Stiellänge oder die Farbe und Form der Kerne sowie der Geschmack. Die Sortenvielfalt ist groß. Warum finde ich im Supermarkt trotzdem immer nur die selben Äpfel? Die Europäische Union hat mittlerweile alles genormt, etwa die Größe. Dadurch fallen bestimmte Sorten durchs Raster. Außerdem geben die Supermärkte den Landwirten vor, wie die Äpfel auszusehen haben. All dies kann bei Erwerbsobst besser kontrolliert werden. Da das Auge ja bekanntlich mitisst, wird etwa versucht, alle Äpfel rot zu halten, weil Kunden mit der Farbe Grün einen sauren Geschmack verbinden. Die Farbe spielt dafür aber eigentlich gar keine Rolle. Und der Boskoop wird beim Aufschneiden beispielsweise sofort braun. Das wurde bei den neuen Sorten herausgezüchtet. Dadurch gehen aber auch wichtige Inhaltsstoffe verloren. Das ist dann wie bei einer schönen Frau, bei der man denkt „Oh Gott“, wenn sie den Mund aufmacht. Auch beim Apfel zeigt das Innere den wahren Wert an. Und diese inneren Werte sind bei Streuobstäpfeln besonders gut? Ja, Streuobst hat eine sehr hohe Qualität. Vor allem geschmacklich unterscheiden sie sich von Industrieäpfeln. Denn diese sind fast immer süßlich. Auf einer Streuobstwiese können hingegen 20 verschiedene Streuobstsorten wachsen, von süß bis sauer. Wenn man daraus einen Saft macht, ist er ausgewogen, denn die Säure bringt den Schmackes. Saft aus Tafeläpfeln ist einfach nur extrem süß. Streuobstäpfel schmecken auch so gut, weil sie tiefe und starke Wurzeln haben. Das ist wie beim Wein: Je älter er ist, desto mehr bekommt er von den tieferen Bodenschichten ab. Deren Eigenschaften sind dann herauszuschmecken. Hat Streuobst noch mehr Vorteile? Ja, es ist deutlich widerstandsfähiger als Erwerbsobst. Weil es nicht gespritzt wird, baut es im Laufe der Zeit eine Art Immunsystem auf und wird resistenter gegen Krankheiten. Und Streuobstwiesen sind generell gut für die Natur, weil sie naturbelassen sind und Insekten Lebensraum bieten. Naturbelassen ... Heißt das, Streuobst ist pflegeleicht? Grundsätzlich wächst Streuobst sehr gut von alleine. Werden die Bäume aber nicht gepflegt, erreichen sie nicht das Alter, das sie erreichen sollen. Streuobstbäume können so alt werden wie Menschen, Erwerbsobstbäume leben nur zehn bis 20 Jahre. Das liegt daran, dass Streuobstbäume tiefe Pfahlwurzeln haben, die Richtung Grundwasser gehen. Industriebäume haben hingegen flache Saugwurzeln. Dadurch können Streuobstbäume mehr Energie aus der Erde ziehen und bekommen vor allem in trockenen Zeiten, wie im vergangenen Sommer, mehr Wasser. Das erhöht die Lebensdauer. Worauf ist beim Pflanzen eines Apfelbaums zu achten? Ein Baum muss regelmäßig geschnitten werden. Ist ein Baum brechend voll mit Äpfeln, rate ich immer, jeden zweiten abzubrechen. Denn sonst trägt er im Folgejahr keine Äpfel mehr oder die Äste brechen ab. Man kann an einem Baum sogar verschiedene Sorten anpflanzen. Der Rekord im Guinnessbuch der Rekorde liegt bei 150 Sorten. Heute werden die deutschen Apfelsorten geehrt. Warum ist das so wichtig? Ein Drittel der weltweiten Apfelproduktion geht auf die Chinesen zurück. Wir Deutschen sind glaube ich an elfter Stelle, also ein kleines Licht. Deshalb ist es wichtig, deutsche Äpfel zu kaufen. Dadurch erhalten wir unsere Apfeltradition, steigern aber auch den Umsatz von regionalen Bauern. Und wir wissen, was wir kaufen. Ein Beispiel: Saft aus dem Supermarkt wird meistens aus Konzentrat hergestellt. Das Problem dabei: Verkauft man einen Apfel unverarbeitet, muss deklariert werden, woher er kommt. Wird er aber weiterverarbeitet, etwa zu Apfelsaft, ist das nicht mehr nötig. Dann erfährt der Kunde nicht, ob der Apfel genbehandelt wurde. Aber eines ist auch klar: Ohne Importe können wir die Nachfrage nicht befriedigen. Und wir brauchen Erwerbsobst, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Das geht nicht nur mit bio. Denn die Bevölkerung wächst und die Anbauflächen werden weniger. Worauf sollte man grundsätzlich beim Apfelkauf achten? Darauf, wo der Apfel her kommt. Äpfel aus der Region sind immer die richtige Wahl. Bei Supermarktäpfeln weiß man auch nie, ob sie zur Kühlung begast wurden. Das bedeutet, dass sie mit Kohlenstoffdioxid gelagert werden, um den Alterungsprozess zu stoppen. Dann kann es sein, dass Äpfel, die im Oktober geerntet wurden, noch im Juni verkauft werden. Beim Kontakt mit Sauerstoff altern die Äpfel zehn Mal schneller als normal. Je älter ein Apfel, desto weniger Nährstoffe und Vitamine besitzt er. Und noch ein Tipp: Wer eine Apfelallergie hat, sollte generell zu alten Sorten greifen. Was macht einen guten Apfel aus? Das Zucker-Säure-Verhältnis sollte stimmen, ein Apfel darf nicht nur süß sein. Und die Nährstoffe sind wichtig. Ein Berlepsch hat etwa die zweithöchste Vitamin-C-Einlage. Haben Sie einen Geheimtipp? Mein Favorit unter den alten Sorten ist nach wie vor der Berlepsch. Ich mag aber auch die Ananasrenette. Das ist ein kleiner, gelber, würziger Apfel mit Pünktchen. Auch der Fischbacher Süßapfel ist lecker. Was viele nicht wissen: Es gibt Äpfel mit rotem Fruchtfleisch, die sind innen wie Tomaten. Davon habe ich fünf, sechs Sorten, etwa den Pomfital. Die schmecken zwar nicht ganz so gut, haben aber am meisten nährwertgebende Inhaltsstoffe, auch krebshemmende. Wie essen Sie einen Apfel am liebsten? Pur, mit Schale. In oder direkt unter der Schale sind auch die meisten Nährstoffe und Vitamine. Wenn ich mir einen Apfelvorrat anschaffe: Wie lagere ich den am besten? Ein feucht-kühles Klima ist immer am besten. Der Kühlschrank eignet sich gut, aber auch die Garage, wenn man keinen kühlen Keller hat. Wichtig ist, immer nur eine Schicht zu stapeln, denn ein fauler Apfel kann schnell andere anstecken. Und Äpfel sollten nicht mit Kartoffeln gelagert werden, die wollen sich nicht haben.