Harthausen / Hanhofen
Bedrohte Naturparadiese: Die Ganerb
Auf einer von Wäldern gesäumten Fläche, zwischen vereinzelten Baumreihen und Weihern, ist seit Anfang März wieder ihr „Kiju-wit“-Ruf zu hören: Die Kiebitze sind aus dem Winterquartier zurück in der Ganerb. Vier Brutpaare gab es vergangenes Jahr in dem Grünlandgebiet, insgesamt 72 waren es in ganz Rheinland-Pfalz. „Der Kiebitz gilt im Land als vom Aussterben bedroht. Er wird deshalb in der Roten Liste in Kategorie 1 geführt“, sagt Dieter Hoffmann. Er und seine Frau Ute sind seit Jahrzehnten für den Natur- und Vogelschutzverein Harthausen aktiv.
Im Gegensatz zur Savanne sind in dem EU-Vogelschutzgebiet, zu dem die Ganerb zählt, nicht die Menschen „hinter Gittern“ oder in Geländewagen, um sich vor „Raubtieren“ zu schützen. 2020 wurden erstmals vier Kiebitz-Nester mit Schutzkörben versehen, um die Bruten gegen Angriffe von Greifvögeln, Füchsen und weiteren Wildtieren, aber auch vor freilaufenden Hunden zu sichern. „Der Kiebitz ist ein Bodenbrüter. Aus seinen meist vier Eiern schlüpfen nach 25 bis 28 Tagen die Jungen“, weiß Biologin Christiane Brell. Die Vorsitzende des Natur- und Vogelschutzvereins Dudenhofen erwartet, dass die ersten Vogelpaare ab Ende März brüten.
Um die Kiebitz-Gelege zu schützen, wollen die Mitglieder des Vereins aus Harthausen und des Vereins der Vogelfreunde Hanhofen wieder Nestschutzkörbe anbringen; eine Maßnahme, die das Land unterstützt und die von der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (Gnor) organisiert wird. Doch heißt das nicht, dass dann freilaufende Hunde, die in der Ganerb jüngst häufiger zu sehen sind, Wildtiere nicht mehr gefährden könnten. „Kiebitz-Junge sind Nestflüchter, die erst nach 35 bis 38 Tagen flügge werden, sagt Christiane Brell. So lange sind sie leichte Beute für Füchse oder Hunde. Deshalb appellieren die Naturschützer an Hundehalter, auch mit einem Merkblatt, das im Amtsblatt veröffentlicht wurde, ihre Vierbeiner an die Leine zu nehmen und die Wege nicht zu verlassen. Damit schone man auch andere bodenbrütende Vögel.
In dem Vogelschutzgebiet liegt das Gelände des Modellflugvereins Gommersheim. „Die Modellflugzeuge dürfen nur in einem Halbkreis von 300 Metern um das Gelände herum fliegen“, sagt Reinhard Steiger, Vorsitzender des Harthausener Vereins. „Doch nicht alle Flugsportler halten sich immer daran und überfliegen sensible Naturschutzräume und Brutflächen, das müsste besser kontrolliert werden. Zumindest haben immer mehr Flugzeuge einen Elektromotor, sind also leiser als früher“, teilt er mit. Vergangenes Frühjahr hat Dieter Hoffmann einen Hinweis von einem Spaziergänger bekommen, dass jemand offenbar eine Kameradrohne an einem der beiden Storchennester fliegen ließ. „Ich habe den Mann dort ein paar Tage später gesehen und darauf angesprochen. Er hat es zwar bestritten, ließ sich dort aber nicht mehr blicken“, erinnert er sich.
Vor rund 15 Jahren ist wegen des Vorkommens von Weißstorch, Bekassine, Wachtelkönig und Wespenbussard ein großes Areal, zu dem die Ganerb auf Hanhofener und Harthausener Gemarkung zählt, als EU-Vogelschutzgebiet ausgewiesen worden. Darüber hinaus hat das Grünland Anteil an einem Fauna-Flora-Habitat und einem Landschaftsschutzgebiet.
Die Naturschutzvereine aus Harthausen und Hanhofen haben in der Ganerb mehrere Flächen gekauft oder gepachtet, um seltene Tiere und Pflanzen zu fördern. Nicht zuletzt mit der richtigen Pflege dieser Grundstücke wollen sie dazu beitragen, dass anderen bodenbrütenden Vögeln das Schicksal der Bekassine erspart bleibt. Denn die ist im Land bereits ausgestorben.