Böhl-Iggelheim
Aus Hilfseinsatz für Flutopfer wird närrische Freundschaft
„Nachdem das Unglück passiert war, haben wir uns überlegt, dass wir gerne etwas spenden würden“, erzählt Annette Melzer, Präsidentin der Böhler Hängsching 1981. Der Überlegung sollten Taten folgen. Ziellos ins Unglücksgebiet fahren schien den Böhler Narren jedoch nicht sinnig, daher befragte die Hängsching-Chefin „Herrn Google“ nach Karnevalsvereinen in Bad Neuenahr-Ahrweiler und pickte den als erstes in der Suchmaschine erscheinenden Namen heraus. Es traf die Karnevalsgesellschaft Bunte Kuh Walporzheim.
Als Annette Melzer deren Präsidenten Hardy Mies anrief, sei dieser total perplex gewesen, sagt die Böhlerin. Sie habe sich bei ihm erkundigt, was benötigt würde, und daraufhin einen Sammelaufruf für Hygieneartikel, Windeln und Babysachen, Konserven mit Dosenöffnern, Wasser nicht nur zum Trinken, abgepacktes Brot, Nussnougat-Creme, Kaffee und sonstige haltbare Dinge gestartet. Mit einem 7,5-Tonner-Lkw, einem VW-Bus mit Anhänger und einem Pick-up seien die Vorderpfälzer dann eine Woche nach dem Unglück, am 21. Juli, dorthin aufgebrochen und durften die Alte Schule, das Vereinshaus der Bunten Kühe und gleichzeitig eine Verteilstelle, direkt anfahren.
Schlimme Bilder gesehen
„Mitten ins Geschehen“, hat Melzer noch das Bild vor sich. Was sie sonst gesehen hat, lasse sich mitnichten mit den Bildern aus dem Fernsehen vergleichen. Es sei noch so viel tragischer und aufwühlender gewesen, dass sie noch viele Tage danach bei der Erinnerung daran schlucken musste. „Es ist unbeschreiblich, was die Menschen mitmachen mussten“, resümiert sie noch immer erschüttert über das erlebte Szenario, das sich auch beim zweiten Besuch der Böhler Helfer am darauffolgenden Samstag nicht wesentlich entspannt hatte.
Laut Hardy Mies beträgt der Pegelstand der Ahr normalerweise 80 Zentimeter. Als der Wasserstand während der Flut anwuchs, sei bei 5,75 Meter der Pegelmesser abgerissen und man konnte nur anhand von Lasern nachvollziehen, dass er 9,84 Meter erreicht haben muss.
Zum Frühschoppen eingeladen
Melzer war tief beeindruckt davon, was die Betroffenen durchzustehen hatten und noch haben. So kam es, dass man der neuen närrischen Bekanntschaft aus dem nördlichen Rheinland-Pfalz ein bisschen Abstand und Normalität ermöglichen wollte, und lud sie neulich kurzerhand zum Hängsching-Frühschoppen ein. Für die Gästeschar, bestehend aus dem Präsidenten der Bunten Kühe und seiner Frau, dem Kinderprinzen mit Eltern und seinem Adjutanten, dem Sitzungspräsidenten nebst Gattin und zwei weiteren Damen, wurden Zimmer in einem Haßlocher Gästehaus gemietet, die Kosten dafür von den Hängsching getragen.
Mit dieser Delegation und weiteren rund 350 hiesigen Besuchern, darunter auch Vertreter von anderen Karnevalsvereinen, verlebte man unter Einhaltung der 3G-Regelung gemeinsam den Sonntag, labte sich an Spießbraten, Brat- und Currywurst mit Pommes und Tzatziki und genoss die Livemusik des Iggelheimer Musikvereins. Für die Kinder gab es eine Hüpfburg, Kuchen der Landfrauen versüßte den Nachmittag.
Fast ein Urlaubswochenende
„Ein sehr gelungenes Fest bei bester Stimmung“, blickt Melzer zurück und freut sich auch über die positive Rückmeldung der Karnevalskollegen aus Bad Neuenahr-Ahrweiler. Dabei wurden selbst scheinbar banale Dinge wertgeschätzt. „Die frische Luft hier, wie schön“, lautete eine der Reaktionen der Angereisten, die sich pudelwohl fühlten und für die die Veranstaltung einem Urlaubswochenende gleichkam. Und man konnte sich trotz der Umstände daheim amüsieren. „Wenn wir nichts mehr tun, das uns Freude bereitet, werden wir ganz kaputt gehen“, hieß es aus ihren Reihen.
Keine Kampagne im Ahrtal
Dinge konnten wieder mit Humor gesehen werden. Hatten die Böhler sich zunächst nicht getraut, bei der Hilfsaktion die gespendeten Schwimmflügel ins Ahrtal mitzubringen, so konnten jetzt beide Seiten darüber lachen. Melzer ist sich sicher, dass hier eine dauerhafte Freundschaft entstanden ist. „Eine, die nicht mehr bricht“, wünscht nicht nur sie sich, sondern auch ihr Amtskollege der Bunten Kühe. Hardy Mies fasst die Unterstützung der Böhler mit einem Wort zusammen: „Genial!“ Und zwar gleich, ob durch die gelieferten Hilfsgüter oder das gemeinsame Ausräumen des Vereinskellers, in dem Wagen, Elferratstisch, ein Weinstand und andere Requisiten aufbewahrt wurden. Diese müssen nun in Stand gesetzt werden. Eine Kampagne 2021/22 wird es daher nicht geben. „Einladungen von außerhalb nehmen wir aber gerne an“, versichert Mies.