Waldsee
Aus der Geschichte: Waldseer Musiktalente begeistern Amerika
Die Waldseer Geschwister Barbara und Ludwig Tremmel gaben – obwohl erblindet – als 16- und 15-Jährige im Jahr 1880 in Neuhofen ein mit viel Beifall bedachtes Konzert auf Klavier und Zither. Viel mehr als dieses einzelne Ereignis im Leben der beiden Geschwister war bis dahin nicht bekannt. Dies änderte sich allerdings kurz nachdem die RHEINPFALZ im September die kleine Geschichte unter der Rubrik „Im Geschichtsbuch geblättert“ veröffentlichte. RHEINPFALZ-Leser Alfred Hauck (91) aus Waldsee erinnerte sich bei der Lektüre des Berichts an seine Großmutter: „Die beiden Tremmel-Geschwister waren Cousine und Cousin meiner Oma, die mit ihren Eltern Peter und Elisabeth in die USA ausgewandert sind“, berichtete er. Im Nachlass seiner Großmutter befindet sich die Kopie eines Briefs, den Barbara Tremmel mit einer Punktschrift-Maschine anfertigte und ihrer Cousine in Waldsee sendete. Solche speziellen Schreibmaschinen mit nur sechs bis acht Tasten setzen das Braille-Blindenschrift-System in Buchstaben um, wodurch es Erblindeten möglich war, Texte für nicht-blinde Menschen zu verfassen.
Mit Hilfe dieser Informationen des ehemaligen BASF-Elektrotechnikers Hauck konnte in der Zwischenzeit die Recherche zum weiteren Verbleib der Familie Tremmel in den USA fortgeführt werden. Durch diverse Dokumente in familienkundlichen Online-Datenbanken setzten sich so einzelne Puzzle-Stücke aus dem Leben des erblindeten Geschwisterpaares zu einer erstaunlichen Erfolgsstory in Übersee zusammen.
Laut einer Passagierliste wanderte das Ehepaar Tremmel 1882 mit seinen sieben Kindern, darunter auch Barbara und Ludwig, über Antwerpen in die USA aus. Dort ließ sich die Familie in Syracuse, einer Industriestadt im Staat New York, nieder, wo später noch drei weitere Kinder des Ehepaars zur Welt kamen. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang noch, dass die Einwanderungsbehörde die Familie mit zwei blinden Kindern ins Land ließ. Denn die Amerikaner waren darauf bedacht, nur vollkommen Gesunde passieren zu lassen. Dies lässt den Schluss zu, dass bereits in den USA befindliche Verwandte der Tremmels eine Kostenübernahmegarantie abgaben.
Tournee in neuer Heimat
Wie aus dem Nachruf für Vater Peter Tremmel hervorgeht, war wohl wirtschaftliche Not das Motiv für die risikoreiche Auswanderung nach Übersee. In seiner Heimat Waldsee war ihm weder als Ackersmann noch als Ziegelmacher Erfolg beschieden. Dies sollte sich in den USA ändern: Hier war er als Musiker gemeldet. Er war es wohl, der seine beiden blinden Kinder bereits in Waldsee an die Musik herangeführt hatte und ihnen trotz ihres Handicaps eine umfassende musikalische Ausbildung ermöglichte. In der neuen Heimat konnte er nun seine Leidenschaft ausleben.
Zahlreiche Zeitungsartikel berichten von Konzert-Tourneen, die er gemeinsam mit seinen beiden blinden Kindern Barbara und Ludwig – in den USA wurde der Sohn Louis genannt – durch über 20 Bundesstaaten machte. Mit Klavier, Zither, Flöte und Gesang begeisterte das Familien-Ensemble fortan die US-Amerikaner. Während einer dieser Konzertreisen im Jahr 1902 verstarb Vater Peter Tremmel an einer Lungenentzündung in Wisconsin. Was für eine Tragödie dies für die beiden blinden Geschwister bedeutet haben musste, kann man sich vorstellen. Zum Glück für die beiden übernahm Fred (Fritz) Maurer, ein befreundeter Waldseer Auswanderer, fortan die Betreuung des musikalischen Duos.
Die Geschwister verbrachten ihren Lebensabend im St. Josephs-Altersheim von Sherburne County/Minnesota. Barbara Tremmel verstarb dort 82-jährig im Jahr 1947, Louis wurde 93 Jahre alt, er starb 1953. Ihr Grab ist noch erhalten.