Rhein-Pfalz Kreis Aus dem Leben gerissen

. Bis ins Bett hatte es Holger Spahns* Frau noch geschafft. Im Keller war die 64-Jährige im vergangenen September auf den Kopf gestürzt, auf allen Vieren hatte sie sich ins Erdgeschoss gekämpft und war mit dem Treppenlift in Richtung Schlafzimmer gefahren. „Dann hat sie sich hingelegt, ich dachte, sie schläft ein bisschen“, sagt Spahn. Er ging in die Küche, wenig später hörte er ein Rumsen. Als er das Schlafzimmer betrat, lag seine Frau regungslos neben dem Bett. Ein Rettungshubschrauber flog sie in die Klinik, Diagnose: Gehirnblutung. Viermal wurde sie operiert, über einen Monat lang lag sie im Koma. Dann öffnete sie die Augen. Sich bewegen, reden oder schlucken konnte sie nicht. Spahn brachte sie in eine Reha-Klinik, vier Monate blieb seine Frau dort. „Sie hat Fortschritte gemacht, aber Sprechen und Schlucken hat sie nicht gelernt.“ Ernährt wird sie bis heute über eine Magensonde. „In einer Reha-Klinik stehen Menschen immer unter dem Druck, Fortschritte machen zu müssen“, sagt Stefanie Kreutz. „Bei uns gibt es das nicht.“ Kreutz leitet den Sozialdienst der Station „Junge Pflege“ im Seniorenzentrum St. Bonifatius in Limburgerhof. Seit 2006 werden auf dieser Station 17 Patienten mit „erworbenen Hirnschädigungen“ betreut. Schlaganfälle, Autounfälle, Herzinfarkte haben junge, vorher gesunde Menschen auf die Station gebracht, auf der sie jetzt im Wachkoma liegen. Morgens öffnen sie die Augen. Was sie vom Tag mitbekommen, weiß man nicht. Der Altersdurchschnitt liegt bei Mitte 40, der jüngste Patient ist 24 Jahre alt und mit dem Auto verunglückt. Die erste Wachkomapatientin kam vor 14 Jahren nach einem akuten Herzversagen in das Altenzentrum in Limburgerhof. Heute ist sie 54 und immer noch dort. „Um Unter-60-Jährige in einem Seniorenheim unterzubringen, braucht man eine Sondergenehmigung“, sagt Kreutz. Durch die erste Wachkomapatientin kam sie ins Gespräch mit Krankenhäusern in der Region und erfuhr, dass dort noch mehr solcher Patienten lagen. Eine spezielle Einrichtung gab es in der Vorderpfalz nicht. „Deswegen haben wir 2006 eine gegründet“, sagt Kreutz. Die 17 Plätze waren sofort belegt. Knapp die Hälfte der Patienten ist heute noch auf der Station. Andi gehört nicht dazu. An einem regnerischen Mittwochmorgen sitzt er im Aufenthaltsraum der Station und spielt zusammen mit einer Ergotherapeutin das Computerspiel Tetris. Vor einem Jahr erlitt er einen Herzinfarkt, bis heute kann er nicht sprechen. In der Hand hält er einen überdimensional großen Stift, mit Unterstützung von Ergotherapeutin Maria Terneus tippt er auf einem Tablet-PC herum. „Komm, Andi“, sagt die Therapeutin. „Wir zeigen mal, was du noch kannst.“ Sie schließt das Spiel und öffnet ein anderes Programm. Auf kleinen Buttons steht „Hallo“, „Danke“, „Bitte“. „Sag mal was, Andi“, meint Terneus. Andi tippt auf einen Button, eine elektrische Stimme sagt scheppernd: „Ich will was anderes machen.“ Andi lacht, kurz darauf spielt er wieder Tetris. Ein paar Meter weiter sitzt Holger Spahns Frau in einem Rollstuhl. Sie ist noch weit davon entfernt, ein Tablet bedienen zu können. „Aber sie versteht praktisch alles, davon bin ich überzeugt“, erklärt Spahn. Er merke das zum Beispiel, wenn er ihre Hand nehme und sage: „Komm, wir ziehen mal.“ Und sie dann wirklich ziehe. „Ich hoffe, dass sie irgendwann wieder sprechen kann“, sagt Spahn. Bis dahin freut er sich über jede Erfolgsmeldung: „Vor Kurzem hat sie zum ersten Mal einen Joghurt verputzt.“ „Es gibt Erfolgsgeschichten“, erläutert Einrichtungsleiter Christian Hassa. Eine Frau sei im Wachkoma gekommen, ein halbes Jahr später habe sie im Rollstuhl wieder in eine eigene Wohnung gekonnt. „Da sieht man, was möglich ist“, berichtet Hassa. Weil man aber „ins Dunkle“ arbeite, gehe es auch darum, die Lebensqualität der Patienten in der jetzigen Situation zu verbessern. Bei einer Frau, die bisher nur an die Decke starren kann, hat man die jetzt grün gestrichen. Die Farbe hat der Förderverein bezahlt. Einen Euro zahlen 80 Mitglieder jeden Monat, bei den immensen Pflegekosten kann der Förderverein die Patienten nicht unterstützen. Ein Zimmer kostet für Patienten mit der höchsten Pflegestufe monatlich (31 Tage) 5549 Euro, 1550 Euro davon übernimmt die Pflegekasse. Der Eigenanteil liegt bei fast 4000 Euro. „Das schaffen die wenigsten auf Dauer“, sagt Kreutz. „Viele werden zum Sozialfall.“ Sie hält es für „eine große Ungerechtigkeit“, dass die Krankenkassen dagegen bis zu 25.000 Euro übernähmen, wenn Patienten in ihrer Wohnung gepflegt werden. Ihre Patienten haften dagegen sogar mit dem eigenen Vermögen, nur in Einzelfällen sei das nicht der Fall: Wenn die Kosten nicht als Hilfe zur Pflege, sondern als Eingliederungshilfe abgerechnet werden. „Das ist unlogisch“, sagt Rosemarie Patzelt (FWG), die als Erste Beigeordnete der Gemeinde Limburgerhof für soziale Fragen zuständig ist. Es müsse Klarheit geschaffen und grundsätzlich entschieden werden, ob die Behandlung von Wachkomapatienten als Eingliederungshilfe oder Hilfe zur Pflege eingestuft werde. Holger Spahn zahlt für die Pflege seiner Frau jeden Monat fast 3500 Euro. Er rechnet damit, dass er im kommenden Jahr eines der zwei Häuser, die ihm und seiner Frau gehören, verkaufen muss. „Langfristig auch das zweite“, sagt er. Ausgezogen ist er bereits. Spahn hat ein Zimmer im Seniorenzentrum in Limburgerhof bezogen. „So kann ich jeden Tag bei meiner Frau sein.“ Die nötige Zeit hat der Rentner dafür. Angehörigen jüngerer Patienten geht das anders. „Auch sie werden mitten aus dem Leben gerissen“, erklärt Hassa. Einmal im Monat gibt es in Limburgerhof deswegen eine Selbsthilfegruppe für Angehörige. „Ich habe auch sonst immer das Gefühl, unterstützt zu werden“, sagt Spahn. Neben allem anderen kämpft er im Moment mit der Bürokratie. Seine Frau hat ihn zwar vor dem Unfall als Betreuer bestimmt, die Patientenverfügung wurde aber nicht notariell beglaubigt. Jetzt muss das Amtsgericht darüber entscheiden, ob Spahn trotzdem ohne die Zustimmung seiner Frau das gemeinsame Haus verkaufen darf. Hassa rät grundsätzlich dazu, eine Patientenverfügung abzuschließen. „Aber man sollte sich dafür Hilfe holen“, ergänzt er. In der Verfügung kann unter anderem auch festgelegt werden, wie ein Patient sterben will. „Die letzte Patientin, die gestorben ist, konnte nach ihren Wünschen gehen“, sagt Kreutz. Sie wollte nicht mit unzähligen Schläuchen so lange wie möglich am Leben gehalten werden. „Diese Entscheidung“, meint Kreutz, „muss jeder für sich selbst treffen.“