Rhein-Pfalz Kreis An Italien und Frankreich orientieren

Warten auf den Regen: Das Foto mit Blick auf den Pfälzerwald hat RHEINPFALZ-Fotograf Klaus Landry Anfang August aufgenommen. Dam
Warten auf den Regen: Das Foto mit Blick auf den Pfälzerwald hat RHEINPFALZ-Fotograf Klaus Landry Anfang August aufgenommen. Damals zeigte das Thermometer bis zu 39 Grad an.
Trocken, aber kein Rekordjahr

2018 sei zwar ein extrem trockenes Jahr, aber kein Rekordjahr. „Es gab schon trockenere Jahre“, sagt Wolfgang Lähne. Als Beispiel nennt er das Jahr 1921. 2018 käme im Bezug auf die Niederschlagsmenge an die Jahre 2003 und 1976 heran. Verantwortlich für die lange Trockenheit in diesem Jahr seien neben den geringen und sehr unregelmäßigen Niederschlägen die hohen Temperaturen gewesen, sagt Lähne. Die Temperaturen hätten seit Anfang April permanent über den langjährigen Mittelwerten gelegen. Nur an wenigen Tagen seien die Mittelwerte unterschritten worden. Das sei sehr ungewöhnlich, da auch in extrem heißen Sommern wie 2003 mehr oder weniger lange Perioden mit kühlen Tagen aufgetreten seien, erklärt der Meteorologe aus dem Ortsteil Mechtersheim. Das Klima, das diesen Sommer von April bis September in der Vorderpfalz geherrscht habe, sei vergleichbar mit der italienischen Stadt Pisa in der Toskana. „Die durchschnittliche Niederschlagsmenge, die Häufigkeit der Niederschläge und die Hitzedauer haben alle gepasst“, sagt Lähne. Häufige heiße Sommer sprechen für Klimawandel Lähne rechnet damit, dass heiße Sommer in Zukunft häufiger vorkommen. Heiße Sommer hat es laut dem Klimatologen im 19. Jahrhundert zwar auch häufig gegeben, allerdings gab es damals auch Jahre mit kühlen Sommermonaten. Diese hätten in den vergangenen Jahrzehnten gefehlt und das sei sehr ungewöhnlich und bedenkenswert. Das spreche für den Klimawandel, sagt Lähne. Dass wir uns an lange heiße Phasen im Sommer gewöhnen müssen, hat laut dem Klimatologen mit dem Jetstream zu tun, der das Wetter und Klima in unseren Breitengraden bestimmt. Dieser Starkwindstrom habe sich in den vergangenen Jahren immer öfter verlangsamt, weil die Temperaturdifferenz zwischen der Arktis und den Tropen abgenommen habe. „Die Arktis hat sich schneller erwärmt als die Tropen“, sagt Lähne. Dass der Jetstream schwächelt, habe zur Folge, dass es weniger Wetterwechsel gebe und das Wetter somit beständiger werde. Wärmere Sommer – wie wir damit leben Wärmere Sommer müssen jedoch nicht unbedingt nur schlecht sein, findet der Klimatologe. In den vergangenen Jahrhunderten hätte die Bevölkerung von warmen Perioden profitiert, kalte Phasen hätten in der Regel wirtschaftliche Not zur Folge gehabt. Mit Blick auf das diesjährige wochenlange Niedrigwasser im Rhein, das zum Beispiel den Gewinn des Chemieunternehmens BASF geschmälert hat, sagt Lähne, dass wir daran selbst Schuld seien: „Die Franzosen haben damit weniger große Probleme, weil sie ihre großen Flüsse nicht begradigt, sondern stattdessen Seitenkanäle für die Schiffe geschaffen haben.“ Für Landwirte bedeute der Klimawandel, dass sie sich an anderen Ländern orientieren müssen, in denen schon jetzt das Klima herrsche, das wir hier in 20, 30 Jahren haben. Südwestfrankreich und die Po-Ebene in Italien seien solche Regionen, sagt Lähne. Als Beispiel für eine Bewässerungsmethode in niederschlagsarmen Regionen nennt er die Tröpfchenbewässerung, bei der Pflanzen direkt an der Wurzel über längere Zeit mit Wasser betropft werden. Mit Blick auf die wärmeren Sommer sagt der Mechtersheimer, dass diese auch ein Vorteil für die Landwirtschaft sein könnten. Es könnten wärmeliebende Feldfrüchte angebaut werden, und es gebe weniger Probleme mit Frost. Das heißt, dass man auch in der Landwirtschaft auf Anpassungsstrategien setzen müsse, um die potenziellen Probleme des Klimawandels umgehen oder unter Umständen auch nutzen zu können. „Eine andere Strategie neben der gleichzeitigen Reduzierung der CO2-Emissionen gibt es nicht“, macht Lähne deutlich. Auch Städte und Gemeinden müssen sich auf heißere Sommer einstellen. Dachbegrünungen, Bäume und helle Hausfassaden spielen laut Lähne eine Rolle, um den Hitzestress zu reduzieren. „Eine dunkle Hausfassade würde man in südlichen Ländern nie machen“, sagt er mit Blick auf den Trend zum schwarzen Hausanstrich. Bei Steingärten, die immer häufiger vorkommen, sieht Lähne auch die Kommunen in der Pflicht. Es sollte Richtlinien zur Bepflanzung der Vorgärten geben, findet er. Bei der Planung von Neubaugebieten werden heutzutage auch schon Klimatologen wie Lähne hinzugezogen. Sie beurteilen lokale Luftströmungen und zeigen wie die Gebiete durch einen ausreichenden Abstand zwischen den Gebäuden besser durchlüftet werden können. „Mehr Starkregen“ – das will Lähne nicht unterschreiben Die Annahme, dass die Anzahl der Starkregenereignisse deutlich zugenommen habe, will der Klimatologe nicht unterschreiben. „Ich bin nicht sicher, ob deren Anzahl deutlich zugenommen hat“, sagt er. Fakt sei aber, dass es in den vergangenen 20 Jahren tendenziell heftiger geregnet habe. Das sei logisch, weil wärmere Luft mehr Niederschlag aufnehmen könne als kältere. Da die Sommer wärmer seien, könne dies zumindest theoretisch auch zu heftigeren Niederschlägen führen, erklärt Lähne. Er ist auch deshalb vorsichtig die Annahme zu bestätigen, weil sich die Datenerhebung in den vergangenen Jahren wesentlich verbessert habe und man dadurch vermehrt auf Starkregenereignisse aufmerksam werde. Außerdem sei die Gesellschaft für das Thema Starkregen sensibilisiert, weil mehr Sachgüter versichert, mehr Flächen verbaut seien, und es mehr Verkehr gebe, der von einem solchen Wetterereignis betroffen sei. Das Dilemma der Klimaforscher: nur Übertreiben hilft Der Unterschied in der Datenerhebung in den vergangenen Jahrhunderten darf laut Lähne aber nicht dazu führen, dass der Klimawandel infrage gestellt wird. „Man darf nicht sagen: ,Wir wissen zu wenig, lass uns weitermachen’“, betont er. Das Dilemma der Klimaforscher sei, dass sie kein Gehör bei Politikern finden, wenn sie zu sachlich seien, sagt Lähne. Ein Teil der Klimaforscher agiere deshalb mit der Maxima, man müsse drastisch warnen, um etwas zu bewirken – allerdings mit der Gefahr, dass sie unglaubwürdig wirken, wenn der Ernstfall nicht eintreffe. Bei den Leugnern des Klimawandels vermutet der 58-Jährige, dass diese ihren Lebenswandel nicht ändern wollen. Lähne selbst glaubt, dass es Zeit brauche, sich auf einen klimafreundlichen Lebenswandel einzustellen. In der Pflicht sieht er dabei vor allem die Politik. „Es braucht Anreize, Aufklärung und Sanktionen“, findet der Mechtersheimer. Als Beispiel für einen Anreiz nennt er den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Dieses Thema sollte auch unkonventionell angegangen werden, meint Lähne. Vorbilder könnten das urbane Seilbahnnetz der bolivianischen Stadt La Paz oder die geplante Seilbahn in München sein. Elektroautos sind nicht unbedingt das Gelbe vom Ei Mit Blick auf die Förderung von Elektroautos sagt Lähne, dass diese keine unumschränkt gute CO2-Bilanz aufweisen. Bei der Produktion solcher Fahrzeuge werde mehr CO2 verbraucht als bei anderen Autos. Um diese negative Bilanz auszugleichen, müsste sehr lang mit dem Elektroauto gefahren werden. „Es kommt darauf an, ob Elektroautos mit 100 Prozent Ökostrom betrieben werden und welche Größe sie haben, da unter Umständen ein konventioneller Kleinwagen auch auf lange Nutzungsdauer eine bessere Ökobilanz aufweisen kann als ein Elektro-SUV“, sagt Lähne. Der Klimatologe appelliert deshalb an die Autoindustrie, mehr Fahrzeuge mit einem niedrigen Treibstoffverbrauch zu bauen. Beim Thema Sanktionen spricht Lähne die Fahrer von SUVs an. Weil diese Autos mehr Treibstoff verbrauchen, sollten die Eigentümer auch mehr Steuern zahlen, findet Lähne. Den Trend zu immer größeren und stärker motorisierten Fahrzeugen als Statussymbol kann der 58-Jährige nicht nachvollziehen. Kleinere Fahrzeuge wären besser und sicherlich kein Verlust an Fahrfreude, findet er. Zur Person Wolfgang Lähne ist Klimatologe und Meteorologe aus Römerberg-Mechtersheim. Der 58-Jährige ist freiberuflich tätig. Er arbeitet für das pfälzische Wetterbüro Klima Palatina und für das Mannheimer Unternehmen Ökoplana. Die Firma hat ihre Schwerpunkte in den Bereichen Klimaökologie, Lufthygiene und Umweltplanung. Das Büro erstellt zum Beispiel klimaökologische Gutachten bei der Landes-, Regional-, Bauleit- und Objektplanung. Zudem leitet Lähne den Arbeitskreis Meteorologie beim Naturschutzverein Pollichia.

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