Rhein-Pfalz Kreis Altrip: Widerstand gegen Hotel-Erweiterung

Wenn es um die Blaue Adria geht, ist die Aufregung in Altrip oft groß. Die Erschließung des Naherholungsgebiets hat das gezeigt. Aber auch das Strandhotel ruft regelmäßig Widerständler auf den Plan. Auf das jüngste Vorhaben der Darsteins hin reagieren Nachbarn gar mit einer Initiative, die sich gegen eine Erweiterung des Hotels wehren will – aus Sorge um Ruhe und Natur. Die konkreten Pläne sind indes noch gar nicht im Ortsgemeinderat vorgestellt worden.
«Altrip.» „Warum dürfen sie das?“ Diese Frage stellen sich Nachbarn der Darsteins seit einigen Jahren immer mal wieder – wenn es um die Erweiterung des Hotels geht, Bäume gerodet oder Feuerwerke abgebrannt werden. Im Moment regt sich bei Anwohnern des Naherholungsgebiets Blaue Adria massiver Widerstand gegen die Pläne der Familie, das Hotel nochmals auszubauen. Und auch Naturschützer haben Bedenken: Heißt größer auch lauter? Und wenn ja: Wie wird die Natur das Mehr an Menschen und Lärm verkraften? Zu allen Überlegungen, was den Ausbau des Hotels betrifft, treibt so manchen Altriper noch das Gerücht um, dass die Darsteins ihr Hotel an einen Investor verkaufen, sobald der Anbau steht. Die Frage, die folgt: Was macht ein Fremder aus dem Strandhotel, das – wer erinnert sich noch? – einst ein kleiner Strandkiosk war. Am Adriaweiher steht eine Gruppe. Versammelt haben sich Menschen, die ein Grundstück in Nachbarschaft zum Hotel haben, Vertreter des Vereins Blaue Adria und der Freizeitgemeinschaft Karpfenzug sowie ein Naturschutzbeauftragter und ein BUND-Mitglied. Einige kennen die Darstein-Geschichte von Anfang an. Und bis vor ein paar Jahren hatten die meisten von ihnen mit dem Hotel auch noch kein Problem. „Man hat im Einklang miteinander gelebt“, sagt Roland Brünn, stellvertretender Vorsitzender des Vereins Blaue Adria. Der Ärger ging für die hier Versammelten los, als das Hotel Darstein im Jahr 2012 zum ersten Mal erweitert wurde. „Genehmigt waren drei Geschosse, gebaut wurden vier. Herr Darstein hat sich das dann im Nachhinein genehmigen lassen“, beschwert sich Brünn. Zusammen mit dem Anbau sei die Hochzeitsinsel aufgeschüttet und mehr Land gewonnen worden, als genehmigt gewesen sei. Das behauptet Frigga Ferara, die von ihrer Terrasse aus direkt auf den Anbau und die Hochzeitsinsel blickt. Ornithologe Klaus Eisele, Biotopbetreuer des Naturschutzgebiets Neuhofener Altrhein, hat Hinweise darauf bekommen, dass die Hochzeitsinsel mit Bauschutt vom Anbau des Hotels aufgeschüttet worden sei, obwohl Frank Darstein die Auflage gehabt habe, diesen abzutransportieren. „Ich habe Bilder, auf denen Bauschutt und Bitumen zu sehen sind“, sagt Eisele. Barbara Feldmann, die ganz in der Nähe des Hotels ein Grundstück hat, mag so etwas gar nicht glauben: „Ich versuche seit vier Jahren, meine Terrasse zu renovieren, es ist mir noch nicht gelungen, einen genehmigungsfähigen Plan zu finden, und Herr Darstein darf das Hotel einfach so erweitern und eine Insel aufschütten? Warum?“ Kurz ist es jetzt ganz still am See. Alle schauen einer Gruppe Vögel nach, die knapp übers Wasser in Richtung Strandhotel zieht. Wie es in ein paar Jahren da drüben wohl aussieht? Die Menschen, die sich hier versammeln, haben Angst um die Ruhe in einem Areal, das der Erholung dienen soll. Und um Flora und Fauna im angrenzenden Naturschutzgebiet. Sie stellen aber auch einige harte Behauptungen auf, die sich nicht immer halten lassen. Ortsbürgermeister Jürgen Jacob kramt Tage nach dem Treffen am See in alten Bauakten, um der Geschossfrage nachzugehen. „Nein, das stimmt nicht, das Hotel wurde 2012 erweitert wie geplant – da hat sich später nichts mehr geändert. Da gab es auch nachträglich nichts zu genehmigen.“ Was sicher nicht so glücklich gewesen sei: dass die Erweiterung über den einfacheren Weg genehmigt wurde – per Bauantrag an die Kreisverwaltung. „Der Ortsgemeinderat musste lediglich sein Einvernehmen erteilen.“ Komplizierter, dafür gründlicher, ist es laut Jacob, für ein Bauvorhaben den Bebauungsplan zu ändern. Für die jetzt geplante zweite Erweiterung des Hotels seien die dafür notwendigen Schritte eingeleitet. Die zweite Erweiterung. Vor lauter Gram über die Folgen des ersten Anbaus haben die Versammelten die neuesten Darstein-Pläne kurzfristig aus den Augen verloren, doch dann wird ihnen wieder präsent, wogegen sie sich wehren: ein Hotel, das fast doppelt so groß werden soll, wie es schon ist – und das mitten im Naherholungsgebiet. Ein Hotel, das mit Hochzeitsgesellschaften Trubel anzieht – und das mitten im Naherholungsgebiet. Ein Hotel, über dem es kracht – und das mitten im Naherholungsgebiet. Ja, Naherholung – geht es um Ruhe und Natur, werden Menschen empfindlich. Denn bislang hat die Verbandsgemeindeverwaltung in Waldsee lediglich den Auftrag bekommen, den bestehenden Bebauungsplan zu überarbeiten. Das Verfahren ist sozusagen eröffnet und steht noch ganz am Anfang. Pläne wurden bislang nicht in öffentlicher Sitzung vorgestellt. „Wie die Pläne aussehen, soll voraussichtlich auf einer Sondersitzung des Ortsgemeinderats im Mai erklärt werden. Dann kann sich jeder, den es interessiert, informieren“, sagt Bauabteilungsleiter Frank Juchem. Und danach sei noch lange nicht entschieden, wie eine mögliche Erweiterung aussieht. Die Öffentlichkeit darf Eingaben machen. Und am Ende muss der Ortsgemeinderat der Änderung des Bebauungsplans zustimmen. Trotzdem beäugen Anlieger wie Naturschützer schon jetzt misstrauisch jede Veränderung im Hotelumfeld. In einem Wäldchen vor dem Hotel etwa wurden Anfang des Jahres Bäume gefällt. Eine Fläche, die bis vor Kurzem im Flächennutzungsplan als „Tabuzone“ ausgeschildert gewesen sei. „Wenn ich einen Baum auf meinem Grundstück fällen will, geht das nicht, weil dort Fledermäuse wohnen könnten. Warum darf ein ganzes Wäldchen abgeholzt werden?“, zieht Barbara Feldmann erneut Vergleiche. Der Kreisverwaltung als Unterer Naturschutzbehörde ist gar nicht bekannt, dass der Bereich mit dem Wäldchen „Tabuzone“ genannt wurde. „Bei dem Gebiet handelt es sich um den nördlichen Teil des ehemaligen Parkplatzes des Naherholungsgebiets. Die Fällung der Bäume ist im Einvernehmen mit dem Revierförster geschehen“, heißt es auf RHEINPFALZ-Anfrage. Rechtsgrundlage für diese „Maßnahme“ sei das Landeswaldgesetz, in der Zuständigkeit des Forstamts Pfälzer Rheinauen. Im Kreishaus geht man noch zwei anderen Fragen nach: Ist die Hochzeitsinsel rechtmäßig aufgeschüttet worden? Und wann war das? Dazu werden in einer anderen Abteilung Akten gewälzt: bei der Unteren Wasserbehörde. Nach einigen Tagen gelangt man hier schließlich zu der Erkenntnis, gar nicht zuständig zu sein. „Ihre Anfrage hat intern ein wenig für Verwirrung gesorgt, da eine Genehmigung der Unteren Wasserbehörde für die Aufschüttung der Hochzeitsinsel weder beantragt noch ausgestellt wurde.“ Die Hochzeitsinsel falle in den Bereich der Gewässer zweiter Ordnung. Ausbau oder Umgestaltung an diesen Gewässern benötigten die Genehmigung der nächsthöheren Behörde. Bei der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) in Neustadt finden sich Akten zum Thema Hochzeitsinsel – auch wenn die Hochzeitsinsel darin gar nicht Hochzeitsinsel heißt. Mit Hilfe der Schriftsätze lässt sich die Entstehung der Landzunge aber recht gut rekonstruieren. Für die Umgestaltung des Ufers des Adriaweihers im Bereich des Strandhotels Darstein wurde der SGD zufolge bereits im Herbst 1999 durch die ehemalige Bezirksregierung Rheinhessen-Pfalz die Plangenehmigung erteilt. „Im Oktober 2005 ist darauffolgend die Herstellung von Flachwasserzonen auf der sogenannten Hochzeitsinsel durch die SGD Süd genehmigt worden. Hierzu durfte und darf ausschließlich unbelastetes Erdmaterial verwendet werden“, schreibt die Pressestelle der Neustadter Behörde. Heißt: Die Insel entstand vor der zweiten Hotelerweiterung 2012. Von einer weiteren Aufschüttung ist der SGD nichts bekannt. Im Gespräch am See war mehrmals von einer „Vergrößerung der Insel“ die Rede gewesen. Die kleine Landzunge, die sich vom Hotelgrundstück in den See hinein erstreckt, gibt eine romantische Kulisse für Hochzeiten – da mag es noch so viele Schriftsätze in steifer Behördensprache dazu geben. Die Darsteins werben für das Idyll und bezeichnen ihr Anwesen selbst als Hochzeitshotel. Dass zu einem Hochzeitsarrangement auch ein Feuerwerk gehören kann, entdecken Interessierte, wenn sie sich intensiv durch die Webseite klicken. Die Nachbarn der Darsteins nervt das Knallen der Feuerwerkskörper. Aber auch die Musik, die mit den Hochzeitspartys einhergehe. Und das nicht nur am Abend. „Da kommt man von der Woche geschafft hierher und hört schon tagsüber hundertmal ,Over the Rainbow’, weil gerade für eine Hochzeit geprobt wird“, verdeutlicht Barbara Feldmann das Lärmproblem. Lärm sei aber nicht allein für Menschen anstrengend, die sich vom Alltagsstress erholen wollen, sondern auch für die Tierwelt. Vögel steckten in der Hochzeitssaison gerade in der Hauptbrutzeit, erklärt Ornithologe Eisele. Hasen und Rehe würden ebenfalls durch das Knallen der Feuerwerkskörper verstört. Lärm, Licht und toxischer Feinstaub, der in der Umgebung des Hotels niedergeht – die Liste der Nebenwirkungen wird immer länger. „Für die Natur haben die Feuerwerke negative Auswirkungen“, sagt Georg Waßmuth vom Nabu Ludwigshafen. Alle in der Runde sind überzeugt, dass mit der Genehmigung dafür etwas nicht stimmt. Vonseiten der zuständigen Verbandsgemeinde Rheinauen gibt es jedoch keine Beanstandungen. Beigeordneter Wolfgang Kühn (SPD) berichtet von unangekündigten Geräuschmessungen – während im Darstein gefeiert wurde – mit dem Ergebnis: „alles im zulässigen Rahmen“. Kühn zufolge sind die Feuerwerke alle angemeldet. Der beauftragte Altriper Pyrotechniker Markus Hofacker verwende im Übrigen spezielle geräuschärmere Feuerwerke, die eher „puff“ machten anstatt „wumm“. Es habe zudem schon Beschwerden über Darstein-Feuerwerke gegeben, die es gar nicht gab. Laut Kühn gibt es glaubhafte Hinweise, dass die Knallkörper von Anwohnern an der Blauen Adria selbst abgeschossen wurden. Warum dürfen sie das? Die Runde am See bleibt misstrauisch. Als Initiative gegen eine erneute Hotelerweiterung will sie diese Frage weiter stellen – im Glauben, dass an der Blauen Adria nicht alles mit rechten Dingen zugeht.