Römerberg RHEINPFALZ Plus Artikel Als ein Kerweumzug die Polizei auf den Plan rief

Bei einem Festumzug in der Heiligensteiner Hauptsstraße: Polizeidiener Rudolf Baader mit Pickelhaube und Schleppsäbel im Jahr 19
Bei einem Festumzug in der Heiligensteiner Hauptsstraße: Polizeidiener Rudolf Baader mit Pickelhaube und Schleppsäbel im Jahr 1933.

„Kerwe“, „Kirb“, „Kerb“ oder „Kirmes“ – gemeint ist immer das gleiche Fest. Bräuche und Attraktionen haben sich im Laufe der Zeit aber verändert. Doch schon vor 100 Jahren musste sich die Polizei mit der Kerwe in Heiligenstein befassen.

Die Kirchweih oder das Kirchweihfest wird in Deutschland bereits seit dem Mittelalter anlässlich der jährlichen Wiederkehr des Tages der Weihe einer Kirche gefeiert. In Heiligenstein, wo seit 1476 der Hl. Sigismund als Kirchenpatron der seit 1235 urkundlich nachgewiesenen Pfarrkirche seinen Namen gibt, findet das Kirchweihfest erst seit gut 100 Jahren alljährlich am heutigen Termin, dem vierten Sonntag im September, statt. Vor 1910 wurde die Kerwe am 11. November (Martini) abgehalten und aufgrund der teils schon kalten und schlechten Witterung später in den September verlegt. Der Weihetag des heutigen Gotteshauses – erbaut in den Jahren 1778/79 – ist jedoch der 22. Juli. Wie uns die Kirchenchronik berichtet, wurde 1787 die Weihe durch den Speyerer Weihbischof Andreas Seelmann vorgenommen.

Metzgerei und Gastwirtschaft zum Schwanen um 1920: Hier wurde oft zum Kerwetanz aufgespielt. Das Gebäude wurde 2013 abgerissen.
Metzgerei und Gastwirtschaft zum Schwanen um 1920: Hier wurde oft zum Kerwetanz aufgespielt. Das Gebäude wurde 2013 abgerissen.

Das Kerwefest war früher traditionell mit einem Brauchtum verbunden, das heute vielerorts in Vergessenheit geraten ist. In Heiligenstein fand am 13. November 1897, dem Kerwesonntag, in Heiligenstein der „bisher übliche Umzug“ mit einem „gekrönten“ Kirchweihwagen – einem reich mit buntfarbigen Kränzen und Nadelholz verzierten, farbig angestrichenen Wagen – statt. Eine „Gesellschaft junger Burschen“ fuhr dabei mit Musik durch den Ort, um danach über Mechtersheim und Berghausen ziehend die Nachbarn froh gelaunt auf das Fest hinzuweisen. Eine solche Veranstaltung musste stets über das Heiligensteiner Bürgermeisteramt beantragt und vom „Königlichen Bezirksamt Speyer“ genehmigt werden.

Karussell vom Pferd

Bei der Bevölkerung, insbesondere aber bei den jungen Leuten, waren die Kerwetage das gesellschaftliche Ereignis im Jahreskreis, mit Rummelplatz und ausgelassener Freude. Vor allem der Kerwetanz hatte noch eine große Bedeutung. Im kleinen Heiligenstein wurde in drei Tanzsälen von Samstag bis Montag das Tanzbein geschwungen. Dazu spielten Tanzkapellen der umliegenden Orte in den Wirtshäusern „Schwanen“, „Zum Löwen“ und „Zum Rebstöckel“ für die in großer Zahl erschienenen, bewegungshungrigen Gäste auf.

In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts war der „Kerweplatz“ vor dem Wirtshaus „Schwanen“ zu finden. Damals gab es ein kleines Karussell, das von einem Pferd angezogen wurde. Auch war hier schon von einer Schiffschaukel die Rede, die neben dem Hau-den-Lukas zu den wenigen Attraktionen zählte. Aus heutiger Sicht war dieses Kerwefest ungemein preiswert. Mit ein paar Pfennigen bestückt ging man auf den Kerweplatz und kaufte sich, wenn noch etwas Geld übrig war, mit Stolz eine rote, grüne oder auch gelbe Zuckerstange. In den Jahren des Zweiten Weltkriegs folgte dann ein Karussell mit Handbetrieb von Ferdinand Sauer, das von vier Jungen mit ihrer Muskelkraft angetrieben wurde. Danach folgte ein Kettenkarussell der Firma Schreiner, das bereits elektrischen Antrieb besaß.

Die Blaskapelle Eggart bei einem Feuerwehrfest in den 1930er-Jahren: Die Kapelle rief 1922 bei der Kerwe die Polizei auf den Pla
Die Blaskapelle Eggart bei einem Feuerwehrfest in den 1930er-Jahren: Die Kapelle rief 1922 bei der Kerwe die Polizei auf den Plan.

Besatzungsmacht spricht mit

1922, also vor genau 100 Jahren, inmitten einer „galoppierenden“ Inflation, rief die Kerwe den Polizeidiener Rudolf Baader als örtlichen Hüter des Gesetzes auf den Plan. Im Polizeiprotokoll heißt es, dass die Musikkapelle Eggart am Kerwemontag einen Umzug im Ort gemacht habe. „Die Musik spielte, und ihr folgten noch etwa 30 Burschen hinten nach. Es wurde auch von einem Burschen eine Fahne vorausgetragen und an verschiedenen Häusern sogenannte Ständchen gebracht.“ Allerdings hatte der Veranstalter des Umzugs keine Genehmigung für selbigen. Dieser hätte eigentlich fünf Tage vorher bei der französischen Besatzungsbehörde angezeigt werden müssen, denn die Pfalz war damals von den Franzosen besetzt.

In einer schriftlichen Stellungnahme erklärte der Kapellmeister, dass er mit einer Acht-Mann-Kapelle in der Wirtschaft „Zum Schwanen“ zum Kerwetanz aufgespielt habe. Am zweiten Kirchweihtag seien „verschiedene in genannter Wirtschaft verkehrende Burschen an ihn herangetreten mit dem Ersuchen, zu einem Umzug im Orte die Musik zu stellen“. Bürgermeister Josef Schall, so schildert es der Kapellmeister, habe seine Einwilligung gegeben und auch Rücksprache mit einem französischen Offizier gehalten. Voraussetzung für den Umzug war demnach, dass er nicht von Vereinen gemacht und keine politischen Zwecke verfolgen dürfe. In vorliegendem Falle habe es sich aber um keinen Verein, sondern um einen „altherkömmlichen Umzug an Kirchweihen“ in der Gemeinde gehandelt. Ein politisches Moment habe es nicht gegeben. Der Kapellmeister fühlte sich unschuldig, und von weiteren Untersuchungen wurde dann auch abgesehen – von Geld oder gar Gefängnisstrafen ganz zu schweigen.

Weinflasche wird „beerdigt“

Zum örtlichen Kerwe-Brauchtum gehörte es aber auch, dass nach beendeter Kirchweihe die Burschen mit Musik und unter Vorantragung von einer Flasche Wein an das Ende des Dorfes zogen, um dort diese Flasche unter Musikbegleitung zu vergraben, woraufhin sich die Gesellschaft auflöste. Mit dem Ende des Dorfes dürfte wohl hier der Bereich um das Steinkreuz (Abzweigung Heiligensteinerstraße/Kirchenweg) gemeint sein. Ab hier Richtung Berghausen gab es damals so gut wie keine Bebauung, sondern nur freies Feld. Offenbar lautete schon damals bei Festen die Devise, dass man aufhören sollte, wenn es am schönsten ist …

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